Menschmaschinen

Was Künstliche Intelligenz (KI) künftig zu leisten vermag und welche Folgen ihr Einsatz für unser aller Leben haben könnte, diskutierten auf Einladung des HDE Gäste aus Wirtschaft und Politik in der diesjährigen Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Denken und Handeln“ im Berliner Soho House.

Von Mirko Hackmann 16.10.2018

© Bildschön Berlin/Lorenz

Bereits in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stritten Wissenschaftler darüber, welche Potenziale und Gefahren Künstliche Intelligenzen bergen. Seither hat die Automatisierung intelligenten Verhaltens erhebliche Fortschritte gemacht. „Doch da KI noch immer nicht schlau genug ist, sich selbst zu erklären“, wie Keynotespeaker Thomas Ramge sagt, wolle er versuchen, „das Hypefeld zu sortieren.“

Der Technologiekorrespondent des Wirtschaftsmagazins Brand eins verfolgt die internationalen Debatten zum Thema und macht zwei Extrempositionen aus: die zumeist in Europa ansässigen „Apokalyptiker“, die eine Machtübernahme der Superintelligenzen über die Menschheit befürchten – und die vornehmlich im Silicon Valley beheimateten „Euphoriker“, die in der Symbiose von Mensch und KI den Schlüssel zur Lösung aller großen Menschheitsprobleme sehen. „Die letzte historische Aufgabe des Menschen besteht nach dieser Auffassung darin, vom Menschen entkoppelte Intelligenzen, sogenannte Singularitäten, zu schaffen“, referiert Ramge.

Diese autonomen Intelligenzen könnten den technischen Fortschritt – womöglich schon innerhalb der kommenden 50 Jahre – derart beschleunigen, dass die Zukunft nach diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist. Nicht denkbar wäre eine solche Entwicklung ohne maschinelles Lernen. Ramge: „Anfangs haben Programmierer Theoriemodelle in Codes gegossen, weil Computer schneller und genauer als Menschen rechnen können. Heute sind Computer selbstlernend, das heißt, sie vermögen von Einzelsituationen zu abstrahieren und das Erlernte in neue Kontexte zu übertragen.“

Smart Data
Automatisiertes Fahren und Gesichtserkennung gehören ebenso zu den Einsatzfeldern von KI wie ärztliche Diagnostik, Personalmanagement oder die Warenwirtschaft. „Unabhängig von der Aufgabe besteht der entscheidende Vorteil einer Maschine darin, Daten nicht nur schneller und präziser zu verarbeiten, sondern sie rein rational, also ohne emotionale Verzerrungen zu interpretieren“, erklärt Ramge.

Doch welche Entscheidungen sollten wir delegieren und welche weiterhin selbst treffen? „Kritisch wird es bei Themen, die sich um die eigene Identität drehen“, glaubt Ramge. Die entscheidende Schlacht werde jedoch nicht zwischen Mensch und Maschine ausgefochten: „Erfolgreich werden jene Gesellschaften sein, die sich nicht gegen den Trend stellen und zugleich lernen, KI intelligent einzusetzen.“

In der anschließenden Diskussion konstatiert Professor Timm Homann, CEO von Ernsting’s Family, pragmatisch: „Das Ding ist längst durch, jetzt geht es nur noch darum, uns an KI zu gewöhnen.“ Insbesondere der Handel verfüge über sehr viele Daten, die sich weit effizienter nutzen ließen, wenn nicht der zum multivarianten Denken ungeeignete Mensch sie zu interpretieren versuche. Homann: „Unternehmen müssen sich fragen, bei welchen Prozessen ihnen der Einsatz von KI helfen kann, und dann entsprechende Use Cases schaffen.“ Die notwendigen Möglichkeiten der Datenverarbeitung vorzuhalten, sei die Hürde, die es zu nehmen gelte. Die Datenbeschaffung werde „stündlich billiger“, worin für KMU eine große Chance liege.

„Händler müssen erkennen, dass es ihnen insbesondere beim Thema CRM ungemein hilft, Daten zu sammeln. Sind es die richtigen, bedarf es nicht einmal riesiger Mengen“, sekundiert Ramge mit Verweis auf Smart Data. Ein Thema, das auch der HDE auf dem Schirm hat. „Aktuell bewerben wir uns mit einem Konsortium um die Führerschaft des Kompetenzzentrums Einzelhandel, um KMU bei der Implementierung von KI und Smart-­Data-Analysen zu unterstützen“, sagt Genth.

Ethics by Design
Umso mehr fürchtet der HDE-Hauptgeschäftsführer die Folgen eines den deutschen Handel benachteiligenden, regulatorischen Eingriffs der Politik: „Die Einführung eines Algorithmen-TÜVs würde uns noch weiter ins Abseits schießen. Amazon verschneidet seine Daten schon jetzt viel präziser und wird diesen Weg weitergehen.“ Eine Chance sieht er darin, beim Thema Datensicherheit für Transparenz zu sorgen. Plattformen verkauften Daten weiter. Mit einem Kodex, der die Weitergabe verbiete, könne der deutsche Einzelhandel beim Verbraucher punkten, ohne sich mit jedem Kunden individuell verständigen zu müssen.

Für einen „Umgang mit Daten auf Basis von Werten“ plädiert auch Thomas Ramge. Mittels „ethics by design“ ließen sich Algorithmen moralische Standards einprogrammieren, die beispielsweise diskriminierende Entscheidungen bei der Personalauswahl verhindern. Das Recruiting Maschinen zu überlassen, kommt für Professor Homann hingegen nicht infrage: „Ich bin kein arithmetisches Mittel, habe Identität und Haltung. Fernab aller berechenbaren Sachlagen möchte ich keinen Unsympath im Team haben.“

Noch dringlicher stellt sich jedoch die Frage, wer künftig überhaupt noch Arbeit hat, wenn Maschinen alles besser und kostengünstiger erledigen. „Laut Studien sollen mittelfristig bis zu 70 Prozent der Jobs im Einzelhandel wegfallen“, sagt Stefan Genth. Er glaube das nicht, da der Handel primär ein People’s Business bleibe und Mitarbeiter künftig mehr Zeit für ihre Kunden hätten.

„Historisch betrachtet, war es immer so, dass durch Produktivitätszuwächse mehr Arbeit geschaffen wurde“, bestätigt Ramge. Sollte es sich bei der vierten industriellen Revolution anders verhalten, müssten sich die Menschen Gedanken machen, wie sie damit umgehen. Ramge: „Diese Entscheidung sollten wir keinesfalls einem Algorithmus überlassen.“

 

Schlagworte: Datensicherheit, Denken und Handeln, KI, Künstliche Intelligenz, Smart Data

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