In guten Zeiten weiterdenken

Beim Deutschen Handelskongress in Berlin trifft sich eine bärenstarke Branche. Die Kaufleute fordern die Politik auf, Freiräume für Investitionen zu schaffen, damit die digitale Zukunft nicht verspielt wird.

Von Ralf Kalscheur und Martin Jahrfeld 03.01.2017

© Jörg Sarbach

Das Konsumklima stimmt den Handel heiter, das Weihnachtsgeschäft verspricht einen neuen Umsatzrekord. „Jetzt ist die Zeit, die Zukunft zu gestalten“, sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser vor 1 400 Teilnehmern auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin – auch dies ein Rekord.

„Ob Deutschland auch in zehn Jahren noch zu den führenden Wirtschaftsnationen gehört, hängt nicht zuletzt vom Erfolg der digitalen Transformation ab“, betont Sanktjohanser und kritisiert eine „Klientelpolitik für Hersteller und Erzeuger“, die dem Handel und auch dem Verbraucher schade: „Wer im Zuge der Digitalisierung den Strukturwandel erfolgreich vollziehen und weiterwachsen will, muss investieren können. Doch die Freiräume der Unternehmen dafür sind immer geringer geworden.“ Der HDE-Präsident verweist auf die GWB-Novelle, die die freie Preisgestaltung des Handels weiter beschneiden soll, sowie auf die drohenden Einschränkungen beim Dynamic Pricing. Er zeigt sich enttäuscht von der EEG-Reform, durch die der Handel nach wie vor überproportional an den Kosten der Energiewende beteiligt wird. Sanktjohanser fordert die Politik auf, Rahmenbedingungen für freies Unternehmertum zu schaffen und bürokratische Regelungen abzubauen. Stefan Genth hebt hervor, dass „Cross-Channel mittlerweile der neue Standard im Handel“ ist. Darum fordert der HDE-Hauptgeschäftsführer Wettbewerbsgleichheit auf allen Handelskanälen und die Harmonisierung des Kaufrechts in Europa.

„Die Politik muss Rahmenbedingungen für fairen Wettbewerb schaffen“, stimmt SPD-Generalsekretärin Katarina Barley zu: „Wir brauchen eine starke Wirtschaft und einen starken Handel, damit es den Menschen gut geht.“ Barley sagt, dass die Herausforderungen der Globalisierung und der Digitalisierung für Verunsicherung sorgten. Sie zeigt sich „besorgt“, dass der Populismus die europäische Idee gefährde. „Die Welt befindet sich im Wandel, Gewissheiten schwinden. Darum blicken viele Menschen skeptisch in die Zukunft, obwohl es ihnen gut geht.“ Josef Sanktjohanser betont: „Die Menschen müssen es aber auch erleben können, dass es uns in Deutschland gut geht.“

„Wohlstand wird durch Wirtschaftswachstum geschaffen“, erklärt Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post DHL Group. „Wir brauchen eine soziale Marktwirtschaft 2.0, und die Digitalisierung wird uns dabei helfen, diese zu entwickeln.“ Der Post-Chef führt beispielhaft das „Riesenpotenzial“ an, das in der gerade beginnenden Transformation des Lebensmitteleinzelhandels liege. „Die Transformation wird für uns noch viele Jahre viel Arbeit bedeuten“, sagt Stephan Fanderl, Vorsitzender der Geschäftsführung von Karstadt, das bereits 20 Prozent seines Umsatzes im Netz erziele. Fanderl fordert, größere Anstrengungen für die Vitalisierung der Innenstädte zu unternehmen, damit Flächen nicht überflüssig werden. Denn Onlineshopper gäben schon jetzt mehr Geld aus als „Offliner“.

Den Stürmen des Zeitgeistes stellt sich Kanzleramtsminister Peter Altmaier in den Weg. In seiner Grundsatzrede zur Politik der Bundesregierung erteilte er den erstarkenden nationalistischen und protektionistischen Bewegungen in Europa eine deutliche Absage: „Wir werden den großen Vereinfachern nicht auf den Leim gehen. Als Politiker müssen wir der Versuchung des Populismus widerstehen“, betont der Merkel-Vertraute und zeigt Solidarität mit der Kanzlerin. Altmaier lobt die Rolle des Handels, der bei der Aufnahme und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen wertvolle Arbeit leiste.

Wachsende Marktmacht digitaler Newcomer

Umbrüche ganz anderer Art skizziert Christoph Keese, Executive Vice President Axel Springer. Als Kenner der kalifornischen Start-up-Szene warnt der Medienmanager vor der wachsenden Marktmacht digitaler Newcomer, die mit radikal anderen Geschäftsmodellen viele etablierte Unternehmen an den Rand drängen könnten: „Start-up-Unternehmer sind Anti-Establishment-Leute. Marken wie Facebook oder Google wurden von Leuten gegründet, die nie in den Medien gearbeitet haben“, analysiert Keese, der ähnliche Entwicklungen im Handel für möglich hält. Einen optimistischen Ausblick für den Handel bietet Bert Rürup. Der renommierte Volkswirt verweist auf die wachsende Bedeutung der Binnennachfrage in Deutschland als wichtigster Wachstumstreiber. Gut für den Handel: Ein Drittel der Verbraucher in Deutschland will künftig mehr Geld für den Konsum ausgeben.

Anschauungsunterricht in Sachen Big Data

Im Mittelpunkt des zweiten Kongresstages steht die Frage, wie etablierte Händler die Energie von Start-up-Unternehmern für sich erschließen können. Udo Schloemer, der in Berlin ein großes Kommunikations- und Arbeitszentrum für junge Digitalunternehmer unterhält, fordert den Handel zur Kontaktaufnahme auf, um unter dem Motto „Old meets New Economy“ neue Konzepte und Ideen kennenzulernen.

Ungewöhnlichen Anschauungsunterricht in Sachen Digitalisierung und Datenmanagement bietet auch DFB-Manager Oliver Bierhoff. Der Exnationalspieler skizziert die Relevanz von Big Data für Spielanalyse und Spielertraining, betont jedoch auch die Notwendigkeit der Vermittlung solcher Ansätze. „Die besten Daten nutzen nichts, wenn ein Spieler nichts damit zu tun haben will“, so Bierhoff. Die Analogie zum Handel liegt auf der Hand: „Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter auch mit Big Data arbeiten wollen“, empfiehlt Bierhoffs Podiumspartner Tobias Wachinger, Senior Partner bei McKinsey & Company.

Schlagworte: Agenda, Deutscher Handelskongress 2016

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