Genth verteidigt Textilbündnis

Trotz massiver Anstrengungen steht das Textilbündnis im fünften Jahr seines Bestehens in der Kritik von Öffentlichkeit und Politik. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth spricht über die Schwierigkeiten und seine Skepsis angesichts der Pläne zur Einführung des Siegels Grüner Knopf.

Von Mirko Hackmann 26.02.2019

© Textilbündnis / Thomas Ecke

Die Forderungen – auch seitens der Politik – nach neuen gesetzlichen Vorgaben zur strengen Kontrolle von Lieferketten werden lauter. Hat das Textilbündnis noch eine Zukunft?
Das Bündnis ist eine Multi-Stakeholder-Initiative mit rund 130 Mitgliedern aus Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Standardorganisationen. Daher kann es wesentlich effektiver und schneller eine positive Veränderung in der Textilkette erreichen als eine gesetzliche Regelung, die zudem noch in Europa verabschiedet werden müsste. Bezogen auf die 100 umsatzstärksten Textilhandelsunternehmen, decken die Mitglieder rund die Hälfte des deutschen Textilmarktes ab – und dies relativ unverändert seit dem Start. Wir würden uns natürlich wünschen, dass mehr Unternehmen der mittelständischen Bekleidungsindustrie und des Handels dem Bündnis beitreten. Mit vielen von ihnen sind wir im Gespräch. Wir sind davon überzeugt, mehr Mitglieder zu gewinnen, wenn anhand der Bündnispraxis immer deutlicher wird, welche unternehmerischen Vorteile eine Beteiligung haben kann. Wie auch in der letzten Berichtsphase, haben wir im Reviewprozess 2018 einzelne Mitglieder verloren oder mussten Mitglieder aus dem Bündnis ausschließen, weil sie ihren Berichtspflichten nicht nachgekommen sind. Einige konnten die Ressourcen für die Erstellung der Berichte nicht aufbringen, andere sahen die Relevanz der Themen für ihre Organisation als nicht ausreichend an. Wir nehmen diese Gründe sehr ernst und arbeiten an Problemlösungen.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller scheint indes die Geduld zu verlieren. Er kündigte für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2020 eine Gesetzesinitiative zur nachhaltigen Gestaltung der Lieferkette an, die in der gesamten Union gelten soll. Was halten Sie davon?
Die Textilwirtschaft hat in den letzten Jahren nachweisbare Fortschritte beim Aufbau nachhaltiger Lieferketten erreicht. Ein gesetzlicher Standard, der die Anforderungen unternehmerischer Sorgfaltspflichten definiert, würde vor allem den Unternehmen entgegenkommen, die in ihrem Nachhaltigkeitsengagement sehr weit sind. Wir brauchen jedoch ein Level Playing Field, damit gerade diesen Unternehmen keine Wettbewerbsnachteile entstehen. Angesichts der globalen Lieferketten wäre allein ein europäischer Standard sinnvoll. Wir müssen aber auch an die kleinen und mittelständischen Unternehmen denken, die eine solche Regulierung überfordern würde.

Schon in diesem Jahr will Minister Müller in Deutschland den Grünen Knopf einführen, um ökologisch und nachhaltig produzierte Mode zu kennzeichnen. Bedarf es eines solchen Siegels, damit der Verbraucher weiß, was er guten Gewissens kaufen kann?
Wir können das Ziel des Ministers, die Verbraucherinformation zu verbessern, gut nachvollziehen. Minister Müller möchte aber mit seinem staatlichen Siegel die nachhaltige Verantwortung über die gesamte textile Lieferkette abdecken und als Siegelgeber für die Einhaltung garantieren. Angesichts der hohen Komplexität und globalen Ausgestaltung der textilen Lieferketten kann die absolute Sicherheit, dass die Einhaltung aller ökologischen und sozialen Standards in vollem Umfang jederzeit gegeben ist, kaum garantiert werden. Das stellt für einige Unternehmen eine große Hürde dar. Wichtig und unbedingt erforderlich ist aber auch die Zustimmung der NGOs. Die Ansprüche, die an ein solches staatliches Siegel gestellt werden, dürften entsprechend hoch sein. Eine breite Marktabdeckung wird der Grüne Knopf dadurch nicht erlangen und somit auch nicht das Gros der Verbraucher erreichen. Dank der bereits gängigen Textilsiegel, wie beispielsweise Cotton made in Africa und des Global Organic Textile Standard (GOTS), sowie der von der Gemeinschaft Oeko-Tex oder dem Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) vergebenen Labels, fällen bereits heute die meisten Kunden ihre Kaufentscheidung mit gutem Gewissen.

Welche Bilanz ziehen Sie persönlich aus der Arbeit des Textilbündnisses im vergangenen Jahr?
Das Textilbündnis ist die erste Initiative, die das Konzept der unternehmerischen Sorgfaltspflichten für eine Branche übersetzt und damit umsetzbar gemacht hat. Der Einzelhandel will die ökologischen und sozialen Bedingungen verbessern und stellt deshalb die Nachhaltigkeit der Prozesse in der textilen Lieferkette in den Mittelpunkt. Hier sind wir mit dem Textilbündnis einen deutlichen Schritt vorangekommen. So liegen uns für das Jahr 2018 über 100 Maßnahmenpläne mit mehr als 1.300 konkreten, zielgerichteten Maßnahmen vor. Die Ziele beziehen sich zum Beispiel auf die Kenntnis der eigenen Lieferkette, die Vermeidung von Kinderarbeit, den Ersatz gefährlicher Chemikalien, die Zahlung existenzsichernder Löhne und die Verwendung nachhaltiger Naturfasern. In diesem Jahr müssen die Bündnismitglieder erstmals offen über die konkrete Umsetzung ihrer Maßnahmen berichten. Das ist bislang beispiellos und ein großer Schritt. Denn für viele Mitglieder bedeutet dies, dass sie erstmals sensible Informationen öffentlich machen. Auch unser zweites Standbein, die Bündnisinitiativen in Produktionsländern, entwickelt sich weiter.

Was heißt das konkret?
Neben dem Reviewprozess sind die Bündnisinitiativen das wichtigste Instrument, um gemeinsam Verbesserungen in den Lieferketten zu erreichen. Aktuell laufen drei Bündnisinitiativen. Im süd-​indischen Tamil Nadu sollen in Textilfabriken mit besonderem Fokus auf Spinnereien systematisch Sozialstandards etabliert und damit insbesondere die Arbeitsbedingungen für Frauen und junge Mädchen verbessert werden. Zudem gibt es eine Initiative zur Stärkung eines nachhaltigen Chemikalien- und Umweltmanagements im Textilsektor im asiatischen Raum. Die Zahlung existenzsichernder Löhne und der Zugang zu effektiven Beschwerdemechanismen gehören aber zu den größten Herausforderungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Bundesregierung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und DGB werden in Beschaffungsländern eine Plattform aufbauen, um gemeinsam mit den für die Lohnfindung Verantwortlichen vor Ort Löhne zu fördern, von denen Textilbeschäftigte leben können.

Wie lässt sich das vor Ort durchsetzen?
Ermöglichen sollen dies unter anderem entsprechende Vertragsvereinbarungen mit globalen Marken und Einzelhändlern. Dazu braucht es ein breites Bündnis. Durch die Kooperationen mit der Initiative Action, Collaboration, Transformation (ACT) und der Fair Wear Foundation (FWF) können wir die Erfahrungen beider Initiativen nutzen und bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen eine größere Hebelwirkung erzielen. Gleichwohl fehlt es in vielen Entwicklungsländern schlicht an handlungsfähigen Behörden und Regierungsstellen, mit denen die Unternehmen zuverlässig zusammenarbeiten könnten. Und wir benötigen in den Beschaffungsländern auch handlungsfähige Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften.

Das sehen wir gerade beim Bangladesh Accord, dem Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit. Die dortige Regierung weist die Prüfer aus dem Land …
Die Initiativen der Handelsunternehmen auch im Rahmen des Textilbündnisses haben zu einer deutlichen Verbesserung beigetragen. Die sich weiterentwickelnde Textilindustrie fördert auch die Volkswirtschaft und die sozialen Rahmenbedingungen in Ländern wie Bangladesch. Davon profitieren die Mitarbeitenden direkt. Es gibt aber noch viel zu tun, wir sind noch nicht am Ziel. In vielen Produktionsländern ist das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen massiv eingeschränkt. Der Aufbau eines sozialen Dialoges, wie wir ihn aus den westlichen Staaten kennen, wird unterdrückt. Deshalb ist es richtig, weiter auf freiwillige Initiativen zu setzen und über einen Multi-Stakeholderdialog vor Ort in den Produktionsländern einzuwirken. Die Entscheidung der Regierung in Dhaka ist sicherlich ein Rückschlag – für das Land, die Menschen in den Textilfabriken und unsere Bemühungen, die Situation zu verbessern.

Schlagworte: HDE, Lieferkette, Textilbündnis, Grüner Knopf, Textilsiegel

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