Interview

„Worten Taten folgen lassen“

Für junge Konsumenten spielen heute Fairness und Nachhaltigkeit bei Mode eine wichtige Rolle. Kate Heiny, Director Corporate Responsibility bei Zalando, über die Bedeutung sozialer Standards, gerechter Löhne und sauberer Produktion für den wirtschaftlichen Erfolg von Marken und Einzelhändlern.

Von Josefine Köhn 19.08.2020

© Forenius / stock.adobe.com

Nachhaltigkeit ist Konsumenten heute auch bei Textilien zunehmend wichtig.

Wie hat sich im Laufe der vergangenen Jahre der Blick des Modehandels auf Themen wie Umweltverantwortung und Transparenz verändert?

Nachhaltigkeit ist ja kein neuer Gedanke, aber mittlerweile läuft uns einfach die Zeit davon. Deshalb ist die Dringlichkeit heute größer denn je. Für uns ist Nachhaltigkeit kein Trend, sondern eine Realität, die sich in unseren eigenen Ansprüchen, aber auch in einer konkreten Kundenerwartung widerspiegelt. Unsere Kunden verlangen heute eindeutig häufiger nach verlässlichen Informationen über die Nachhaltigkeit von Produkten und Marken. Da wir ein kundenorientiertes Unternehmen sind, hat das Thema für uns eine sehr hohe Priorität.

Zalando hat angekündigt, dass es Nachhaltigkeit zu einer Anforderung für sämtliche der rund 2.500 Marken macht, mit denen das Unternehmen zusammenarbeitet. Wie wollen Sie das überprüfen?

Im ersten Schritt stellen wir unseren Markenpartnern ein Instrument zur Nachhaltigkeitsbewertung zur Verfügung, das sogenannte Higg Brand and Retail Module (BRM). Dies können unsere Partner einfach online ausfüllen, wobei sie ihre sozialen und ökologischen Risikofaktoren anhand von bis zu 250 Fragen selbst bewerten – vom Design des Produkts bis hin zu seiner Entsorgung. Zu den Umweltauswirkungen gehören etwa Wasserverbrauch, Treibhausgasemissionen und Chemikalienmanagement. Ebenfalls erhoben werden soziale Standards, wie etwa faire Löhne, Menschenrechte und Arbeitszeiten. Das Ergebnis ist eine umfassende Bewertung des Nachhaltigkeitsmanagements, das nach Kategorien der sozialen und ökologischen Auswirkungen aufgeschlüsselt ist und anzeigt, in welchen Bereichen Marken und Einzelhändler Nachhaltigkeitsverbesserungen vornehmen können.

Auf Basis welcher Standards bewerten Sie die Ergebnisse?

Da es das erste Mal ist, dass wir diese Informationen sammeln, konzentrieren wir uns in diesem Jahr zunächst darauf, überhaupt ausreichend Daten zu sammeln und Trends, Herausforderungen und Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. Ausgehend davon können wir unsere Bemühungen fortsetzen und unseren Standard entwickeln. Wir erwarten, dass sich die Marken von Jahr zu Jahr verbessern werden, wobei uns bewusst ist, dass sich die zahlreichen, über die Jahre entstanden Probleme nicht von heute auf morgen werden lösen lassen.

Werden Sie die Daten auch veröffentlichen, also an Ihre Kunden weitergeben?

Unsere Ziel ist es zunächst, mit der Datenauswertung verbesserungsbedürftige Bereiche zu identifizieren – und mögliche Lösungsvorschläge abzuleiten. Natürlich wollen wir das Wissen auch an unsere Kunden weitergeben. In diesem Jahr werden wir das allerdings noch nicht schaffen, da wir die Daten ja derzeit noch über eine reine Selbstbewertung erheben. Die Sustainable Apparel Coalition (SAC), ein Bündnis der Bekleidungs-, Schuh- und Textilindustrie für nachhaltige Produktion, arbeitet jedoch bereits an einer Lösung, um die Daten künftig verlässlich überprüfen zu können.

Welche Rolle spielt dabei eine transparente Lieferkette?

Aktuell setzt die Branche ein starken Fokus auf mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette. Ein Trend, der höchstwahrscheinlich anhalten wird. Wir denken jedoch, dass die Informationen verständlich präsentiert werden müssen, um keine Verwirrung zu stiften. Die Kunden verlangen nach einfachen, vertrauenswürdigen und vergleichbaren Informationen über die Produkte, die sie kaufen.

Ist es auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll in Nachhaltigkeit und Transparenz zu investieren?
Wir sehen eine klare Verbindung zwischen Nachhaltigkeit, Transparenz und anhaltendem wirtschaftlichen Erfolg. Sowohl unser aktueller als auch unser zukünftiger Kundenstamm wünscht sich eine größere Auswahl an nachhaltiger Mode. Ziel ist es, mit unseren Nachhaltigkeitsambitionen der Kundennachfrage immer einen Schritt voraus sein. Deshalb ist es ein Kernelement unserer Konzernstrategie, branchenweit eine Initialzündung zu setzen und so eine marktführende Differenzierung gegenüber unseren Wettbewerbern erreichen.

Wie hoch schätzen Sie die Kosten für diese Nachhaltigkeitsambitionen

Nachhaltigkeit ist für uns ein Thema von grundlegender Bedeutung und Teil unserer Zalando-Gruppenstrategie. Daher investieren wir entsprechend, um es voranzutreiben. Diese Investitionen werden im gesamten Unternehmen getätigt, sich aber nicht auf unsere Preisgestaltung auswirken.

Glauben Sie nicht, dass Verbraucher bereit sein werden, für nachweislich nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen?

Wir wissen, dass Nachhaltigkeit ein Faktor bei Kaufentscheidungen ist, aber andere Faktoren wie Stil, Passform und Preis eine größere Rolle spielen. Gleichzeitig sehen wir jedoch höhere Konversionsraten bei nachhaltigeren Produkten, und das unabhängig vom Preis. Auch der Anteil unserer Kunden, die nachhaltigere Mode kaufen, steigt; im März 2020 lag er bei etwa 30 Prozent. Insgesamt macht nachhaltigere Mode aktuell etwa zehn Prozent des Bruttowarenvolumens von Zalando aus, was uns unserem Ziel näherbringt, diesen Anteil bis 2023 auf 20 Prozent zu erhöhen.

Was treibt Sie persönlich an?

Das Nelson-Mandela-Zitat, das ich nicht aus den Augen verliere, lautet: „Eine Vision ohne Handlung ist nur ein Traum; eine Handlung ohne Vision ist nur ein Zeitvertreib; eine Vision mit Handlung verändert die Welt.“ Es erinnert mich jeden Tag daran, warum es wichtig ist, dass mein Team und ich alles, was wir tun, auf unsere Vision hin ausrichten müssen. Zugleich heißt das für mich, dass wir tatsächlich handeln, also den Worten Taten folgen lassen. Das gilt für mich persönlich, wie auch für meine Bestrebungen für Zalando. Als Plattform spielen wir eine prominente Rolle und bieten rund 32 Millionen aktiven Kunden Zugang zu mehr als 2.500 Markenpartnern.

Hat diese Reichweite Sie dazu bewogen, ihr Fachwissen als Umweltberaterin in die Wirtschaft einzubringen?

Ja, meine Leidenschaft ist es, Systeme für die Zukunft zu verändern. Denn was uns hierhergebracht hat, ist nicht das, was uns eine blühende, gesunde und schöne Zukunft bescheren wird. Deshalb ist es überaus wichtig, Stellung zu beziehen und wenigstens die Dinge zu verändern, über die wir die Kontrolle haben. Die großen Herausforderungen unserer Zeit können jedoch nicht eine einzelne Person oder ein einzelnes Unternehmen lösen. Deshalb ist es wichtig, firmen- und branchenübergreifend daran zu arbeiten. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, mein Wissen aus dem Einzelhandel im Allgemeinen und der Modebranche im Besonderen in die Technologiebranche einzubringen. Aus der gleichen Motivation bin ich 2014 in den Vorstand der SAC eingetreten und freue mich sehr über die Fortschritte, die wir in den vergangenen zehn Jahren erzielt haben. Wir bei Zalando beteiligen uns an der Arbeit der SAC, indem wir Instrumente zur Bewertung und Verbesserung der Nachhaltigkeit in Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette entwickeln. Dadurch wollen wir unserer Verantwortung gerecht werden. Denn wir sind der festen Überzeugung, dass wir etwas verbessern können, wenn wir Wissen und Ressourcen aus der gesamten Branche bündeln, um Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft zu entwickeln.

Kate Heiny ist seit 2019 bei Zalando SE für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich. Zusammen mit ihrem Team ist sie die treibende Kraft hinter Zalandos Corporate Sustainability Strategy. Ziel ist es, das Unternehmen zu einer Modeplattform mit netto-positiver Auswirkung auf Mensch und Erde zu machen. Vor ihrer Tätigkeit bei Zalando war Heiny in führender Position bei Target tätig und bei C&A für den Bereich Nachhaltigkeit zuständig. Seit sechs Jahren unterstützt sie außerdem als Vorstandsmitglied die Sustainable Apparel Coalition.

Schlagworte: Zalando, E-Commerce, Modehandel, Nachhaltigkeit

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