Sharing Economy

Von wegen Verleihnix

Deutschlands Sharing Economy ist ein Milliardengeschäft. Die aus der Coronakrise resultierende Kaufzurückhaltung könnte der Branche nun einen weiteren Schub verleihen. Wie der Trend zum Sharing den Einzelhandel langfristig verändern wird.

Von Josefine Köhn 18.06.2020

© Getty Imges / Nicolas Hudak

Dinge zu mieten statt sie zu besitzen, ist vor allem bei jungen Kunden beliebt.

Streamingangebote zum Musikhören kosten für die ganze Familie rund 15 Euro pro Monat, das Abo zum Filmgucken zehn Euro. Auch für Autos, Mietroller und sogar den Camper für den Sommerurlaub existieren Sharingplattformen, für Unterkünfte ebenso. Praktisch sind auch Leihabonnements für Kinder- und Designermode, saisonale Sportgeräte oder teure Elektronikprodukte. Wer will, kann bis auf klassische Verbrauchsgüter nahezu seinen gesamten Bedarf mittels Leihmodellen decken. Kurzum: Mieten und Teilen sind das neue Kaufen.

Durchschnittlich 884 Euro geben Deutsche im Jahr aktuell für Share-Economy-Angebote aus, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC). Insgesamt 39 Prozent der in Deutschland Befragten hatten in den vorherigen zwölf Monaten ein Share-Economy-Angebot genutzt, die meisten davon im Medien- und Unterhaltungsbereich (23 Prozent), dicht gefolgt von Konsumgütern (20 Prozent) und Unterkünften (17 Prozent). Das geschätzte Marktvolumen liegt bei 20 Milliarden Euro – Tendenz steigend.

„Sharing hat als kommerzielle Idee eine unglaubliche Dimension erlangt“, sagt der Zukunftsforscher und Gründer des Hamburger Trendbüros Peter Wippermann. Im Grunde sei das Austauschen und Verleihen von Produkten ja nichts Neues. Als klassische Beispiele führt der Forscher Landmaschinen, Musikinstrumente und Abendkleider an. Allerdings sei der originär soziale Gedanke einem neuen globalen Wirtschaftskonzept gewichen. „Das Ursprungsmodell der gegenseitigen Hilfe hat sich über die Möglichkeiten digitaler Plattformen kommerzialisiert und verändert die bestehenden Unternehmensstrukturen“, erklärt Wippermann. „Das hat eine Wirtschaftskraft entfacht, die heute fast alle Branchen durchdringt.“

Längeres Produktleben

So auch den Handel mit Konsumgütern. Otto Now beispielsweise, das Inhouse-Start-up von Otto, bietet seit Dezember 2016 eine breite Palette an Mietprodukten an. Das Angebot reicht von Technik über Haushalts- und Sportgeräte bis hin zu Möbeln. Je nach Jahreszeit sind unterschiedliche Artikel besonders gefragt, etwa E-Bikes im Frühling, Spiegelreflexkameras und SUP-Boards in den Sommerferien, Beamer, Leinwände und Flachbildfernseher während der Fußball-WM.

Über das Jahr hinweg führen Smartphones, Fernseher und Kaffeevollautomaten das Ranking der bei Otto Now meistgefragten Mietprodukte an. Neue Kundengruppen „Unser Ziel ist es, flexible Lösungen und damit verbunden einen perfekten Service anzubieten“, erklärt David Rahnaward, Co-Founder von Otto Now. „Als Start-up von Otto haben wir die Möglichkeit, verschiedene Dinge erst einmal auszuprobieren. Das machen wir auch immer wieder, etwa wenn wir neue Mietsortimente testen. Wichtig ist uns außerdem, zusätzliche Angebote wie Anschluss- und Aufbauservices zu etablieren.“

Ein weiterer Pionier auf dem deutschen Markt ist das Start-up Grover. 2015 gegründet, kooperiert die auf Tech-Produkte spezialisierte Sharing-Plattform mittlerweile mit allen großen deutschen Elektronikfachhändlern. „Stellt ein Kunde über einen Einzelhändler eine Mietanfrage, kaufen wir dem Händler das Gerät ab, um es dann an den Kunden zu verleihen“, erklärt Grover-Gründer und CEO Michael Cassau. Der Händler erreicht auf diesem Wege neue Kundengruppen und steigert seinen Umsatz. Zudem profitiert die Umwelt, denn bis zu sieben Mal werden laut Cassau die Geräte zurück in den Kreislauf gegeben: „Damit verdoppeln wir den Lebenszeitraum eines Gerätes.“ Wie auch bei Otto Now, können Kunden den zunächst gemieteten Artikel auf Wunsch später kaufen, der Mietpreis wird angerechnet. 

Mehr Flexibilität

Parallel entwickelt Grover das Leihmodell weiter und bietet mit Grover Care eine Versicherung für die gemieteten Produkte an und plant mit Grovermix ein Flatrate-Modell. Im Gegenzug für eine monatliche Gebühr können Kunden jeweils eine bestimmte Anzahl von Geräten einer vorgegebenen Preisklasse leihen und jederzeit gegen andere Geräte eintauschen. Damit erfüllt Grover ein weiteres aktuelles gesellschaftliches Bedürfnis: immer flexibel zu bleiben. Denn ohne sich an langfristige Kredite zu binden, haben die Kunden stets Zugriff auf neue Produktentwicklungen.

In der bereits erwähnten PwC-Studie gaben 43 Prozent der Konsumenten an, dass sie Besitz als eine Belastung empfinden, 78 Prozent sind davon überzeugt, dass die Sharing Economy einen wichtigen Beitrag dazu leistet, Unordnung und Müll zu vermeiden – allen voran waren Millennials und Menschen aus Haushalten mit Kindern dieser Überzeugung. Auch die Verantwortlichen bei Otto Now beobachten, dass ein gesellschaftlicher Wandel stattfindet. „Kunden wollen heute nachhaltiger konsumieren und zugleich ihr Leben flexibler gestalten.“ So hielten sich Menschen aus beruflichen Gründen zunehmend nur noch vorübergehend in einer Stadt auf.

Zeitlich begrenzte Mietangebote beispielsweise für Möbel oder Elektrogeräte seien daher für viele eine gute und bequeme Lösung. Otto-Now-Co-Founder Rahnaward: „Ich habe den Eindruck, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Viele Menschen wollen nicht mehr auf die Schnelle kurzlebige Produkte konsumieren. Darum setzen wir auf Produkte, die robust sind, folglich nicht so leicht kaputtgehen und deshalb länger im Mietkreislauf bleiben.“

Sharing-Plattformen für Service und Konsum

Tchibo:

Neben Otto Now bietet auch Tchibo Share gemeinsam mit seinem Partner Kilenda ein umfassendes Mietangebot. Schwerpunkt sind Kind- und Babymode, Damenmode sowie ausgewählte Freizeitartikel für die Familie. tchibo-share.de

Lyght Living:

Ikea bekommt mit Lyght Living Konkurrenz aus der Start-up-Branche. Möbel können ab drei bis zu 24 Monate lang gemietet – und am Ende auf Wunsch auch gekauft werden. Der Aufbau ist inklusive. lyght-living.de

My Hammer:

Frei nach dem Motto, dass Kunden keinen Bohrer brauchen, sondern ein Loch in der Wand, können Konsumenten über My Hammer den Handwerker gleich zum Werkzeug dazumieten. my-hammer.de

Stay awhile:

Für eine monatliche Gebühr (aktuell 59 Euro) dürfen Kundinnen jeweils bis zu vier Designerteile auswählen und diese auch rotieren. Bei Kaufentscheidung gibt’s 20 Prozent Rabatt. Weitere Anbieter sind dresscoded.com oder myonbelle.de. stay-awhile.de (ehemals Kleiderei)

Kilenda:

Neben der Kooperation mit Tchibo bietet Kilenda auch über eine eigene Plattform Kinder-, Damenund Umstandsmode, Tragehilfen und Spielzeug an. raeubersachen.de ist auf ökologische und nachhaltige Kinder- und Babybekleidung spezialisiert. kilenda.de

Schlagworte: Sharing Economy

Kommentare

Ihr Kommentar