Coronakrise

Einzelhandel erwartet lange Durststrecke

Die Verbraucher im Krisenmodus, Unternehmen in Existenznot: Der Handelsverband Deutschland malt ein düsteres Bild der Lage in den deutschen Fußgängerzonen. Und eine rasche Wende scheint nicht in Sicht.

15.07.2020

© Imago

Der Einzelhandel leidet noch immer massiv unter den Folgen der Coronakrise.

Der Einzelhandel in Deutschland rechnet angesichts der Corona-Krise mit einer langen Durststrecke. Voraussichtlich werde erst 2022 wieder das Umsatzniveau des Vorkrisenjahres 2019 erreicht, prognostiziert der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth. "Der Einzelhandel wird sich erholen, aber es wird eine langsame Erholung sein, nicht das schnelle Aufleben des Konsums."

Genth malt ein düsteres Bild der aktuellen Lage in den deutschen Fußgängerzonen und Shopping-Centern. Die Verbraucher seien im Krisenmodus: Die Sparquote steige, der private Konsum breche weg. Viele Verbraucher hätten angesichts der drohenden Rezession ihr Einkaufsverhalten grundlegend verändert. 2020 werde der Umsatz des Einzelhandels voraussichtlich um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr fallen, es werde wohl "das Jahr mit dem stärksten Wirtschaftsrückgang in der Geschichte des Einzelhandels seit dem Zweiten Weltkrieg". Dabei hätten noch zu Beginn des Jahres alle Anzeichen auf ein erneutes Wachstum hingedeutet.

Umsatzeinbußen von 40 Milliarden Euro

Rund 80 Prozent der Händler im Nicht-Lebensmittel-Bereich litten nach wie vor unter erheblichen Umsatzrückgängen, sagt Genth. Der Verband rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzminus von 40 Milliarden Euro in diesem Bereich. Rund 50.000 Geschäfte seien durch die Krise in ihrer Existenz bedroht. Bereits im Herbst könne es zu einem spürbaren Anstieg der Insolvenzzahlen kommen, sagt Genth.

Nach wie vor ist laut HDE im Handel allerdings eine Zweiteilung zu beobachten. Während Modehändler, Schuhgeschäfte und andere innenstadttypische Anbieter massiv unter den coronabedingten Ladenschließungen litten und auch nach der Wiedereröffnung der Geschäfte noch immer die Kaufzurückhaltung der Bundesbürger zu spüren bekommen, nahmen die Umsätze im Lebensmittelhandel und im E-Commerce seit Krisenbeginn deutlich zu.

Verbraucher tätigen vor allem Bedarfseinkäufe

Der Online-Handel dürfte seinen Anteil an den Einzelhandelsumsätzen in diesem Jahr nach Einschätzung des HDE noch einmal kräftig erhöhen. Denn auch nach der Wiedereröffnung der Läden sei das Interesse an Online-Einkäufen weiterhin hoch. Entfielen vor der Corona-Krise knapp elf Prozent der Einzelhandelsumsätze auf den E-Commerce, so dürfte der Umsatzanteil in diesem Jahr einen deutlichen Sprung in Richtung 13 Prozent machen.

Einkaufsstraßen und Shopping-Center leiden dagegen nach Angaben des HDE darunter, dass der Erlebniseinkauf in Zeiten von Maskenpflicht und Hygienekonzepten beim Shoppen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Bei einer aktuellen Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IFH) gaben 84 Prozent der Konsumenten an, vor allem gezielte Einkäufe vorzunehmen. Nur noch sieben Prozent der Befragten suchten das Einkaufserlebnis in der Innenstadt. "Damit wird dem Handel die Umsatzgrundlage entzogen, denn nur durch gezielte Bedarfseinkäufe kann er nicht überleben", klagt der HDE. Vor allem die großen Modehäuser in den Innenstädten litten massiv unter dem Fehlen von Laufkundschaft.

Gesetz für Minderung von Handelsmieten im Krisenfall gefordert

All diese Entwicklungen setzten Händler unter Druck, Geschäftsmodelle sowie Stand­­ort- und Investitionsentscheidungen anzupassen. Der HDE fordert deshalb insbesondere für kleinere Unternehmen einen staatlichen Digitalisierungszuschuss, der Zugang zu staatlichen Überbrückungshilfen solle erleichtert werden. Weiterhin macht sich der Verband für eine gesetzliche Regelung stark, die Händlern im Krisenfall Mietminderungen ermöglichen soll. Ein eigens mit Spitzenverbänden der Immobilienbranche dazu ausgehandelter Verhaltenskodex zeige nicht überall Wirkung, klagt Genth.

Mit Blick auf das in diesem Jahr noch wichtigere Weihnachtsgeschäft bringt der HDE-Chef die Möglichkeit zur generellen Sonntagsöffnung von Läden in der Adventszeit ins Spiel. "Wir brauchen alles, was für eine höhere Kundenfrequenz in den Innenstädten sorgt", so Genth. Zu einer möglichen Aufhebung der Maskenpflicht in den Läden äußert er sich zurückhaltend: "Wenn sie angesichts der Entwicklung der Pandemie möglich wäre, fänden wir das gut." Eine solche Entscheidung müsse aber sorgfältig abgewogen und verantwortungsvoll getroffen werden, mahnt der HDE-Hauptgeschäftsführer.

Noch mehr Zahlen und Grafiken zur Lage der Branche in der Coronakrise gibt es hier.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Einzelhandel

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