Interview

„Es geht nicht ums Gewinnen“

Wirtschaftsphilosoph Anders Indset führt ein bewegtes und erfolgreiches Leben. Vor seinem Auftritt beim Deutschen Handelskongress sprach er mit dem handelsjournal über die Aktualität von Hegel und Kant, die Hybris von Führungskräften und die verkannte Macht der Verletzlichkeit.

Von Mirko Hackmann 19.11.2019

© Thomas Gasparini

Mit "Quantenwirtschaft. Was kommt nach der Digitalisierung?" schrieb der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset einen Spiegel-Bestseller, der zum Platz 1 im Bücherranking von Manager Magazin und Handelsblatt belegte.

Nach Stationen in Rom, Oslo und Los Angeles treffen wir Anders Indset kurz vor seinem Abflug nach Kuala Lumpur in Essen. Beim „Innova­tion Day“ eines ortsansässigen Energiekonzerns tritt er in einer ehemaligen Sauger- und Kompressorenhalle auf, die zum Ensemble von Schacht XII des Weltkulturerbes Zeche Zollverein gehört. „Mastering Change in an Exponential World“ hat er seinen Vortrag benannt. In enger Jeans und schwarzem T-Shirt unter einer taupefarben schimmernden Samtjacke tritt der 41-Jährige vor die Gruppe internationaler Krawattenträger. Mit dem Totenkopfarmband um seinem rechten Handgelenk und seiner nur ansatzweise zu einer Frisur gebändigten Mähne ginge der Mann auch als Rockmusiker durch.

 

Herr Indset, die Philosophie gilt vielen als spekulativ, scholastisch, gar schöngeistig. Vor allem Manager, die traditionell eher auf handfeste Zahlen und Gewinnmaximierung setzen, gelten gemeinhin nicht als Jünger der Disziplin. Warum pilgern Führungskräfte trotzdem in Scharen zu Ihren Veranstaltungen?

Viele Manager spüren, dass sie mit ihren eingefahrenen Denk- und Lösungsmodellen den aktuellen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Die Welt ist so komplex geworden und wandelt sich in derart hohem Tempo, dass keine Einzelperson sie noch zu überblicken vermag. Den allwissenden Chef, der im Zweifel immer besser Bescheid weiß als seine Untergebenen, gibt es nicht mehr. Wie ich aus meiner Beratungsarbeit weiß, glauben sehr viele – vor allem männliche – Führungskräfte trotzdem, ihre Autorität wahren zu müssen, indem sie stets sicher und selbstbewusst auftreten und keine Zweifel spüren lassen. Ihnen fehlt schlicht eine ehrliche Spiegelung – sie sind einsam.

Und hier kommen Sie ins Spiel?

Ja, denn ich bin überzeugt, dass Top-Führungskräfte davon profitieren, wenn sie sich mit der Philosophie beschäftigen und ihrem Umfeld gegenüber eine offene, zugewandte und positive Haltung einnehmen. Ich war Unternehmer, Gründer und Hardcorekapitalist und kenne daher die engstirnige Denkweise vieler Führungskräfte, die ich früher selbst hatte. Ich habe erst später bei der Beschäftigung mit den klassischen Philosophen verstanden, was mir vorher in meinem Denken gefehlt hat. Denn auf viele meiner Fragen habe ich Antworten bei den alten Denkern wie Kant und Hegel gefunden. Meine Leistung ist es, diese Erkenntnisse herunterzubrechen, um Antworten auf die beiden entscheidenden Fragen der Gegenwart zu finden …

… Sie sehen den Menschen in zweifacher Hinsicht in einem „Weltenkampf“ begriffen: Der eine dreht sich um die Zerstörung unserer Ressourcen, also letztlich des Planeten Erde. Der andere betrifft die Frage, wie wir als Menschen mit den sich exponentiell entwickelnden Technologien leben wollen …

Weder das eine noch das andere Problem scheint auf den ersten Blick viel mit Philosophie zu tun zu haben. Meiner Überzeugung nach ist aber das Bewusstsein die Grundlage jeder Erkenntnis. Denn es existiert nun einmal keine von den Vorstellungen denkender Subjekte unabhängige Außenwelt. Darin waren sich Kant und Hegel einig – und die Quantentheorie untermauert diese Annahme physikalisch: Mensch und Natur sind eins. Es gibt nur eine Welle der Energie, die alles Lebendige durchdringt. Die Dualität von Körper und Geist ist ein Konstrukt; tatsächlich ist alles mit allem verbunden. Mithilfe philosophischer Kontemplation können wir unser Bewusstsein für diesen Umstand schärfen – und verstehen, dass die Natur keine dem Menschen gehörende Ressource ist, die sich ohne Schäden beliebig ausbeuten ließe.

Bleiben wir zunächst bei den Ressourcen: Angesichts ihrer materiellen Endlichkeit erscheint es logisch, dass ein auf permanentes Wachstum setzendes System wie der Kapitalismus seine Grundlagen unterminiert. Gibt es keine Alternative zum Primat des Wachstums – oder fehlt es den Menschen schlicht an Fantasie?

Fantasie ist ein gutes Stichwort in diesem Zusammenhang. Dass der Motor der Wirtschaft ohne Wachstum ins Stottern gerät, beschrieb bereits Adam Smith, weite Teile der aktuellen Wissenschaft geben ihm Recht. Ziel muss es darum sein, das Wachstum kreativ so umzugestalten, dass es möglichst wenige Ressourcen verbraucht. Dazu gibt es drei Lösungsansätze: Das Einfachste ist es, den Konsum durch Regulatoren zu limitieren. So ließe sich mithilfe digitaler Paymentmodelle ein progressiver Mehrwertsteuersatz erheben, der umso höher ausfällt, je öfter eine Person beispielsweise einen Flug bucht. Zudem könnten wir Produkte haltbarer und aus vollständig recycelbaren Rohstoffen produzieren. Vor allem aber ist es entscheidend, innovative Formen der Kapitalisierung hervorzubringen. Von immateriellen Zuständen beispielsweise, die in unserer hektischen Welt als Luxus gelten, wie Ruhe, Entspannung und Kontemplation.

 

Auf der Bühne steht Indset kaum eine Sekunde still. Vom einen Ende der Bühne zum anderen und von dieser hinab in den Zuschauerraum zieht er seine Kreise. „Together we will improve our future“ beschwört er das Publikum, ruft die „revolution of consciousness“ aus. Dann wirft er in die Runde: „What comes after digital?“. Eine Frage, die ein wenig voreilig erscheinen mag. Doch auch die stillgelegte Maschine, die hinter dem Vortragenden auf der Bühne zu sehen ist, war Teil von Schacht XII, noch bis in die 1980er-Jahre die größte und modernste Steinkohleförderanlage der Welt. Heute ist sie ein Industriemuseum.

 

Kommen wir zu der zweiten zentralen Herausforderung, der Technologie. Sie sprechen von einem „digitalen Tsunami“, der uns zu überrollen droht, und warnen vor einer „Algorithmokratie“. Fürchten Sie, dass die Roboter übernehmen?

Durch die Verbindung der Philosophie der Vergangenheit mit der Technologie und Wissenschaft von morgen können wir Strategien entwickeln, die uns helfen, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Wollen wir, dass dies gelingt, sollten wir nicht nach digitalen Wunderkindern Ausschau halten, die auf Softwareentwicklung spezialisiert sind, sondern nach philosophisch gebildeten Menschen, die ein tief greifendes Verständnis von wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen haben. So kann es Europa gelingen, einen eigenen, auf humanistischen Werten basierenden Weg im Umgang mit der Digitalisierung zu finden. Welche Auswirkungen auf maschinellem Lernen basierende Lösungen, wie beispielsweise Social Scoring oder die automatisierte Gesichtserkennung, in den Händen von Autokraten haben, zeigt das Beispiel China.

Sie bieten neben Vorträgen auch Eins-zu-eins-Trainings für Führungs­kräfte an. Womit hadert die inter­nationale Managementelite dieser Tage?

Wir treffen uns zu philosophischen Sparrings, bei denen ich die Manager spiegeln und zur Selbstreflexion anregen möchte. Vor allem eines wundert mich dabei immer wieder: wie gleich wir Menschen alle sind, unabhängig von Alter, Herkunft, Rolle, Hierarchie, Religion und so weiter. Wir alle haben auf ein herausfordernde Art unsere Leben zu meistern – aber nur wenige finden einen Weg, darüber zu sprechen. Doch ohne uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, können wir uns nicht weiterentwickeln. Das ist für mich ein globales Problem. Und je höher ein Mensch in einer Hierarchie verortet ist, desto mehr spitzt es sich zu. Um der Überforderung Herr zu werden, neigen Manager dazu, sich selbst maßlos zu überschätzen. Es hat mich wirklich überrascht, wie ausgeprägt dieses wahnsinnige Selbstbewusstsein ist. Aber diese Haltung ist in der Regel lediglich Fassade.

 

„Ziel muss es sein, das Wachstum kreativ so umzugestalten, dass es möglichst wenige Ressourcen verbraucht.“

Anders Indset

„Do you do soft skills in Essen?“, fragt Indset die versammelten Energiemanager. Und schiebt hinterher: „How many of you guys googled ,empathy‘ yet?“ Der Vortrag ist der letzte des Tages. Einige Besucher verlassen den Saal, weitere folgen. Indset scheint das eher zu befeuern. Sein Blick wird noch eindringlicher, fast bohrend schaut er ins Publikum und fragt: „What would you do, if you weren’t afraid?“

 

Leadership heißt für Sie, „den Mut zu haben, echte Gefühle zu zeigen“, also auch Schwächen zuzugeben. Ist die Managergeneration schon geboren, die es schafft, diesem Rat zu folgen?

Viele Führungskräfte, die momentan im Amt sind, stammen aus einer Generation, der es um das Bewahren geht. Um auch künftig zu bestehen, müssen wir innerhalb stabiler Strukturen mehr Chaos, mehr Emotionalität zulassen. Es gibt viele junge Menschen, die dafür offen sind und die richtigen Fragen stellen. Diese Generation bemisst ihren Wohlstand nicht allein am Konto­stand. Für sie ist Wandel keine Bedrohung, sofern er mit Werten wie Nähe, Vertrauen und Offenheit verknüpft ist. Relationen zu Menschen, die auf diesen Attributen basieren, lassen sich nur aufbauen, wenn sich niemand mehr hinter seiner Fassade versteckt. Sich verletzlich zu machen, ist die Voraussetzung für kreative Innovationen. Es geht nicht ums Gewinnen, sondern darum, möglichst lange mitzuspielen.

Wie gelingt es, die Mitarbeiter bei diesem von Ihnen beschriebenen Bewusstseinswandel mitzunehmen?

Es geht gar nicht darum, Mitarbeiter mitzunehmen – sondern sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Es funktioniert nicht, einfach zu sagen: Wir führen jetzt Soft Skills ein. Und wenn es dann nicht klappt, zu denken: Meine Truppe schnallt es nicht. Das Thema lässt sich auch nicht an einen Stellvertreter delegieren oder mittels Leitlinien auf Intranetseiten implementieren. Es kommt darauf an, was du selbst tust. Denn die Menschen spüren, was echt ist und was nicht. Ohne selbst Gefühle zu zeigen, wird es keiner Führungskraft gelingen, Gemeinschaft zu erzeugen. Und wenn dir das nicht gelingt? Dann gib das Thema an deine Mitarbeiterschaft ab – und lasse dich von ihr mitziehen.

 

Noch etwas außer Atem, trifft Indset nach seinem Auftritt hinter der Bühne zum Interview im Raum „Gast 2“ ein. Auf dem Tisch liegen ein lederner Weekender und ein Stapel seiner Bücher, die er für die Vorstände des Veranstalters signieren soll. „Ist gut gelaufen“, sagt er zufrieden, während er einen Müsliriegel verzehrt. Mit Blick auf die Uhr und den Zug zurück nach Frankfurt, will der Familienvater gleich beginnen.

 

Ihrer Voraussage nach wird es künftig das Ziel von Unternehmen sein, unendlich nutz- und wiederverwertbare Güter herzustellen. Was bedeutet das für Handel und Konsumgüterindustrie sowie die Menschen, die in diesen Branchen arbeiten?

Besitz zu haben, ist anstrengend. Man muss darauf aufpassen, ihn pflegen und unterhalten. Es ist besser, für das Erlebnis zu bezahlen. Darum werden sich die Share Economy und Plattformmodelle durchsetzen, ebenso die Cradle-to-Cradle-Kreislaufwirtschaft. Der Handel sollte sich nicht fragen, ob er das überleben wird, sondern, wie er damit umgeht. Nicht allein Erlebnisse und Erfahrungsmöglichkeiten muss ein Point of Sale künftig bieten, vor allem anderen muss er Wertschätzung für die Produkte vermitteln. Zum Beispiel, indem er für mehr Trans­parenz in der Lieferkette sorgt, also Einblick in die Herstellung und Informationen über die Materialien bietet. Der stationäre Handel wird nicht sterben, denn Menschen sind gern mit Menschen in Interaktion, die Ballungsgebiete wachsen. Künftig werden sie grün und verkehrsfrei sein, eine bessere Aufenthaltsqualität und mehr Platz für Aktivitäten bieten. Wer dort präsent ist und seinen PoS als Third Place etabliert, der wird Erfolg haben. Womöglich braucht es dafür insgesamt weniger Personal. Um ein bedingungsloses Grundeinkommen werden wir bei zunehmender Digitalisierung nicht herumkommen. 

Zur Person

Anders Indset wuchs im norwegischen Røros auf. Als Student kam Indset nach Deutschland, um die deutschen Philosophen in Originalsprache lesen zu lernen. Danach arbeitete er rund zehn Jahre als Unternehmer und Berater für Hidden Champions und DAX-Unternehmen. Heute gilt Anders Indset als einer der führenden Wirtschaftsphilosophen. Der verheiratete Wahlfrankfurter ist Vater einer Tochter und agiert weltweit als Sparringspartner für CEOs und Politiker. Sein Buch „Quantenwirtschaft. Was kommt nach der Digitalisierung?“ war ein Spiegel-Bestseller und belegte Platz 1 im Bücherranking von Manager Magazin und Handelsblatt.

Sein jüngstes Buch „Wildes Wissen. Klarer denken, als die Revolution erlaubt“ kam im September heraus. Wir verlosen hier auf handelsjournal.de fünf Exemplare!

Schlagworte: Deutscher Handelskongress, Interview, Digitalisierung

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