Fassadengestaltung

Lichter der Großstadt

Vom Kellerladen zur Konsumkathedrale, vom Nasenschild zur Leuchtreklame – gerade in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg verändert sich der Außenauftritt der Geschäfte rasant. Schon damals zählt der erste Eindruck.

Von Marvin Brendel 17.12.2019

© ullstein bild/Wolff & Tritschler

Die Gestaltung der Ladenfassade kann Passanten zu Kunden machen.

Ladengeschäfte im heutigen Sinn setzen sich im 19. Jahrhundert durch. Zu dieser Zeit erfolgt die funktionale Trennung zwischen einem repräsentativen Verkaufsraum zur Warenpräsentation und für den Kundenverkehr sowie den davon abgetrennten Lager-, Werkstatt- und Büroräumen.

Auf sich aufmerksam machen die häufig unscheinbar im Parterre oder Souterrain eines Hauses gelegenen Geschäfte anfänglich mit einfachen Werbeschildern. Sie verkünden den Händlernamen oder die Art der angebotenen Waren, wie beispielsweise Eisen- oder Kolonialwaren. Gebräuchlich sind vor allem die schon aus dem Mittelalter bekannten Nasenschilder. Sie ragen rechtwinklig aus der Hauswand eines Geschäfts – eben wie eine Nase – in den Straßenraum und das Sichtfeld der Passanten hinein.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablieren sich Ladengeschäfte als ein prägendes Element des städtischen Raums. Neue Werkstoffe und Bautechniken wie Stahl und Stahlskelettbau ermöglichen eine zweckmäßigere und repräsentativere Architektur. Die Fassadengestaltung geht weg vom schlichten Spätklassizismus hin zum Neobarock und Jugendstil mit aufwendigen Stuck- und Zierelementen.

Aus Paris finden die nach orientalischem Vorbild entwickelten Passagen ihren Weg in die deutschen Metropolen. Als Vorreiter gilt der vom Kaufmann Wilhelm Sillem 1843 errichtete Sillem's Bazar in Hamburg. Die Passage besteht aus einem zentralen Lichthof und zwei davon abgehenden Seitengängen. Überdacht wird sie von imposanten Glaskuppeln, im lichtdurchfluteten Inneren dominieren Marmor, Gold und Spiegelwände. Rund 30 Geschäfte bieten vermögenden Flaneuren und Luxusliebhabern eine opulente Warenvielfalt.

Bereits 1881 wird Sillem's Bazar jedoch wieder abgerissen – symbolhaft macht die Passage damit Platz für den nächsten Trend aus Paris: das moderne Warenhaus. Ab den 1890er-Jahren errichten Kaufhaus-Dynastien wie Wertheim, Tietz und Karstadt auch in deutschen Großstädten imposante „Kathedralen des Konsums“. Ihre Fassaden werden von großen Säulen strukturiert, dazwischen spannen sich teilweise über mehrere Etagen reichende Schaufenster.

Fassaden werden zu Werbeträgern

Mit dem Durchbruch der Markenartikel, ebenfalls in den 1890er-Jahren, beginnen Werbeschilder vieler Marken die Fassaden der Geschäfte zu verzieren. Die Hersteller verteilen sie in großen Mengen an die Detaillisten und Krämer. Diesen bleibt oftmals keine Wahl: Wollen sie die Markenware anbieten, müssen sie die Werbeschilder anbringen. An manchen Kolonialwarenläden ist vor lauter Reklametafeln bald kaum noch eine Handbreit Fassade zu sehen. Das führt zu Kritik: Die wilde Anhäufung solcher Schilder mit ihren vielen Farben und Formen wirke geschmacklos und sei verwirrend für das Auge.

Doch die Werbung an den Fassaden bleibt nicht nur auf kleine Blech- und Emailleschilder begrenzt. Um die Jahrhundertwende bedecken gerade in den Großstädten immer mehr Reklamemalereien die Giebelwände und Brandmauern. Großformatige Firmenschilder, die rechtwinklig zur Fassade montiert zu weit in den öffentlichen Raum hineinragen würden, werden nun hochkant angebracht. Anfänglich kippt dabei auch die Schrift um 90 Grad, sodass die Betrachter ihre Köpfe zur Seite neigen müssen. Schon bald werden die einzelnen Buchstaben daher wie bei einem Kreuzworträtsel vertikal, also von oben nach unten angeordnet.

Nervenzerrüttende Leuchtreklamen

Die Elektrifizierung der Städte und die Weiterentwicklung der Glühlampe ermöglichen ebenfalls um die Jahrhundertwende neue visuelle Werbereize. Beleuchtete Schaufenster und Ladenschilder sorgen nun auch nach Einbruch der Dunkelheit für Aufmerksamkeit. Zudem erhellen an Fassaden und auf Dächern angebrachte Leuchtreklamen die Nacht. Ein frühes Beispiel dafür ist das 1898 am Berliner Alexanderplatz installierte „Manoli-Rad“: Rasch hintereinander geschaltete Glühbirnen erwecken den Eindruck einer kreisförmigen Drehbewegung, bevor in der Mitte die Aufforderung „Raucht Manoli“ erscheint. 1912 wirbt die Sektkellerei Kupferberg an einer Berliner Hauswand bereits mit einer 60 Quadratmeter großen, aus 1 600 teils farbigen Glühlampen bestehenden Lichtreklame, auf der prickelnder Sekt in ein Glas fließt.

Licht gilt in dieser Zeit als Symbol für Modernität. Je heller eine Stadt bei Nacht erleuchtet ist, umso größer ist ihr Prestige. Doch allzu viel Licht sorgt auch für Unmut: Gerade die grellen und blinkenden Leucht-​röhrenreklamen seien „ins Sichtbare übersetzter Lärm“, klagen Zeitgenossen. Sie kämen einem „Dolchstoß in die Augen“ gleich und könnten zu „Nervenzerrüttungen“ führen. Behördliche Einschränkungen, aber auch vorauseilende Selbstbeschränkungen der Werbetreibenden führen schließlich nach 1910 wieder zu mehr Zurückhaltung bei der Nutzung von Leuchtreklamen. ●

Schlagworte: Point of Sale, Innenstadt, Fassadengestaltung

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