Wandel durch Annäherung

Die berufliche Integration von Geflüchteten bleibt eine ­Mammutaufgabe. Sie kann nur gelingen, wenn sich ­Arbeitgeber und Migranten aufeinander zubewegen: die einen durch Offenheit und Hilfsangebote, die ­anderen durch Spracherwerb und Eigeninitiative.

Von Martin Jahrfeld 23.05.2017

© Rudolf Wichert

Es ist ein wenig ruhiger geworden um ihn. Vor eineinhalb Jahren, als Jouma Al Isa es über viele Grenzen bis nach Deutschland geschafft hatte, gehörte er zu jenen Menschen, deren Ankunft eine hitzige Debatte auslöste. Die Zuwanderung zahlreicher Bürgerkriegsflüchtlinge im Ausnahmejahr 2015 sollte die politische Stimmung im Land nachhaltig aufheizen und polarisieren. Die aufgeregten Kontroversen dürfte der 36-Jährige damals nicht nur aufgrund fehlender Deutschkenntnisse allenfalls am Rande wahrgenommen haben. Zu frisch waren die Erinnerungen an den Krieg in Aleppo, zu niederschmetternd die Erlebnisse während der Flucht, zu groß die Sorge um die in der Türkei ausharrende Familie.

Dass er im hessischen Bad Königstein auf einen Gemüsehändler traf, der ihm eine Beschäftigung anbot, sollte immerhin so etwas wie einen ersten Stabilitätsanker in seinem neuen Leben darstellen. Als das handelsjournal im Frühjahr 2016 nach Flüchtlingen im Umfeld des Handels Ausschau hielt und auf den Syrer stieß, hatte er sich in seinem neuen Job bereits ein wenig eingewöhnt. „Hilfe trägt Früchte“ lautete der Titel der Aprilausgabe, die einen zuversichtlichen jungen Mann zeigte, der, ein wenig unsicher lächelnd, einen Korb mit Zitrusfrüchten in den Laden trägt. Das Cover mit dem dazugehörigen Schwerpunkt stieß nicht nur innerhalb der Branche auf ein breites Echo. Kanzleramtsminister Peter Altmaier lobte die Berichterstattung als Beispiel für einen Journalismus, der die vielfältigen wirtschaftlichen Chancen der Flüchtlingszuwanderung angemessen darstelle.


1,2 Millionen Menschen beantragten 2015 und 2016 Asyl in Deutschland. Etwa 700. 000 von ihnen gelten nach allgemeiner Erwartung als schutzbedürftig. Auf dem Arbeitsmarkt macht sich diese Zuwanderung nun langsam bemerkbar. Im ­Februar 2017 waren laut OECD ungefähr neun  Prozent der registrierten Arbeitssuchenden Flüchtlinge und Asylbewerber. Mehr als die Hälfte davon sind Menschen aus dem Bürgerkriegsland Syrien.


Der Optimismus, den das damalige Titelbild ausstrahlte, hat sich im Fall von Jouma Al Isa bestätigt. Der Syrer arbeitet noch immer in dem Geschäft „Die neue Obstecke“, und sein Chef, Hamdoun El Houssaini, ist noch immer voll des Lobes für ihn. „Bei meinen Kunden ist er sehr beliebt, er macht einfach gute Arbeit“, sagt der 63-Jährige. Der einst aus Marokko eingewanderte Händler gibt seinem Mitarbeiter zwar immer noch manche Orientierungshilfe auf Arabisch, achtet aber auch darauf, dass der Syrer im komplizierten deutschen Alltag zunehmend selbstständig agiert.

Neben der Hilfe durch einen väterlichen Chef und allmählichen Fortschritten beim Erlernen der deutschen Sprache ist es vor allem die Anerkennung des Asylantrages, die dem Syrer Hoffnung und neue Perspektiven bietet. Wichtiger noch: Vor einem halben Jahr konnten auch seine Frau und seine vier Kinder nach Deutschland einreisen. Wenn der Familienvater nicht zum Deutschunterricht geht oder mit Obst und Gemüse arbeitet, muss er Schul-, Arzt- und Behördentermine für seine Kinder bewältigen. „Das ist für ihn nicht leicht. Es ist wie ein Sprung ins kalte Wasser, aber dadurch lernt er auch sehr viel“, sagt Hamdoun El Houssaini, der vor über 40 Jahren als Neuankömmling in Deutschland Ähnliches erlebt hat.

Arbeitgeber mit Migranten zufrieden
Jouma Al Isa kann sich glücklich schätzen. Nur wenige Flüchtlinge können auf einen Arbeitgeber hoffen, der nicht nur Deutsch, sondern auch ihre Muttersprache beherrscht. Die kleine Erfolgsgeschichte aus Bad Königstein zeigt beispielhaft, wodurch Integration gelingt oder woran sie scheitert. Im schlechten Fall sind es neben einem unsicheren Aufenthaltsstatus vor allem die fehlenden Deutschkenntnisse, die die Aufnahme eines Beschäftigungsverhältnisses verhindern. Laut Schätzungen haben nur knapp 17 Prozent der seit 2015 als arbeitssuchend registrierten Flüchtlinge bis Ende des vergangenen Jahres eine Beschäftigung gefunden. Nur jeder Dritte davon fand eine Vollzeitstelle.

Doch die Hilfestellungen des Handels sind inzwischen zahlreich und vielfältig: So offeriert der Handelsverband Hessen seinen Mitgliedern einen Willkommenslotsen, der praktische Fragen zur betrieblichen Inte­gration von geflüchteten Menschen beantwortet. Auch die passgenaue Vermittlung von Flüchtlingen und Hilfe bei der Suche nach geeigneten Bewerbern zählen zum Angebot. In Bayern unterstützt die Initiative IdA (Integration durch Ausbildung und Arbeit) Unternehmen, die mit arbeitsfähigen Geflüchteten in Kontakt treten wollen.

Warum sich solche Initiativen lohnen, zeigt ein Besuch in der Herrenmodenabteilung von Galeria Kaufhof in Würzburg. Der 24-Jährige, aus Pakistan geflohene Abeer ­Wakeel, der dort seit September 2016 eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert, ist von seiner Arbeit begeistert und hofft nach erfolgreicher Ausbildung auf eine feste Anstellung. Sein Rat an andere Geflüchtete: „Man darf nie aufgeben und sollte sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Mit viel Eigeninitiative kann man es auch schaffen.“

 

Langen Atem werden die Geflüchteten in jedem Fall benötigen. Eine Umfrage der OECD, des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und des Bundesarbeitsministeriums unter 2 200 Unternehmern zeigt, dass die Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt hoch sind. Rund die Hälfte der befragten Arbeitgeber erklärte, schon für gering qualifizierte Stellen mindestens gute Deutschkenntnisse vorauszusetzen. Unter Firmen, die nach Facharbeitern Ausschau halten, erwarten bereits 90 Prozent gutes Deutsch von ihren Bewerbern. Die Befragung zeigt, dass der größte Teil der zuletzt nach Deutschland migrierten Menschen gegenwärtig für höher qualifizierte Tätigkeiten wenig geeignet ist. Jobs, die Zugewanderten angeboten werden, liegen zu zwei Dritteln im niedrig qualifizierten Bereich.

Die Einstellung eines Geflüchteten erweist sich für die Unternehmen jedoch meist als lohnenswert: Sind die größten Sprach- und Verständigungsbarrieren erst einmal überwunden, steht einem erfolgreichen Arbeitsverhältnis nicht mehr viel entgegen. 85 Prozent der befragten Unternehmer erklärten, mit ihren neuen Mitarbeitern wenige oder gar keine Schwierigkeiten zu erleben. Mehr als 80 Prozent der befragten Arbeitgeber äußerten sich eher oder vollkommen zufrieden mit der Leistung der Zugewanderten.

Weitere Informationen des Handelsverbands Hessen zu den Willkommenslotsen finden Sie hier.

Schlagworte: Flüchtlinge, Ausbildung, Migranten

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