Porträt: Auf allen Kanälen

Wer Einzelhändler stärken will, muss in alle Richtungen kommunizieren, glaubt Mechthild Möllenkamp, neue Präsidentin des Handelsverbandes Niedersachsen-Bremen. Schräge Youtube-Videos sind ihr dabei ebenso willkommen wie ein Gespräch mit Sarah Wagenknecht.

Von Martin Jahrfeld 01.12.2015

© HDE

Nach der Wahl zur neuen Präsidentin des Handelsverbandes Niedersachsen-Bremen gratulierten Mechthild Möllenkamp HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, die Vorstände Bernd Voorhamme und Norbert Caesar, HDE-Präsident Josef Sanktjohanser und Vorstand Olaf Jaeschke (v l.).

Das Ärgernis ist mit Händen zu greifen. Im Büro von Mechthild Möllenkamp steht es auf der Fensterbank, umfasst drei dicke Aktenordner und hat mehr als 800 Seiten. „Ich kann Ihnen das gern mal zeigen“, sagt die Chefin, greift einen Ordner, blättert ihn auf und beginnt zu zitieren: „… Gefährdungsbeurteilung für den Kassenzonenbereich, Sicherungsmaßnahmen gegen Überfälle, Maßnahmen zum Fuß- und Beinschutz, Maßnahmen zur arbeitsmedizinischen Beratung, Vorsorge gegen Stäube und zum Schutz vor Hautkrankheiten, Maßnahmen gegen den Sturz vom Kassenpodest, Vorschriften zur Anbringung von Benutzungsanleitungen an Arbeitsleitern …“ Der Ordner klappt wieder zu. „Man staunt eigentlich nur noch“, sagt Möllenkamp und schüttelt den Kopf.


Engagement für den Handel
Mechthild Möllenkamp (52) ist am 23. September auf der Delegiertenversammlung des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen (HNB) zur neuen Präsidentin gewählt worden. Sie folgt auf Jürgen aus dem Kahmen. Von 2005 bis 2015 war sie Vizepräsidentin des Verbandes. Seit 2005 ist sie amtierende Präsidentin des Handelsverbandes Osnabrück-Emsland.


Doch mit Staunen ist es nicht getan. Die vielen Vorschriften und Verordnungen von Berufsgenossenschaften und anderen Organisationen wollen regelmäßig studiert, die dazugehörigen Fragebögen akribisch beantwortet werden. „Weil ich mich im Sommer nach einer Beinoperation schonen musste, hatte ich einigermaßen Zeit, das alles durchzuarbeiten. Aber unter normalen Umständen ist das nicht mehr zu schaffen. Der bürokratische Aufwand für Einzelhändler hat unglaublich zugenommen und er nimmt immer weiter zu“, ärgert sich die Unternehmerin, die auch an diesem Vormittag über einen Mangel an Arbeit kaum klagen kann. Der große Kundenparkplatz vor ihrem Fenster ist bereits gut gefüllt, Bürotelefon und Handy klingeln im Wechsel, im Supermarkt eine Treppe tiefer herrscht lebhafter Betrieb.

Der Stress gehört dazu. Und er ist willkommen. Denn mit 50 Jahren ist Möllenkamp 2012 in ihrer Heimatstadt Osnabrück noch einmal richtig durchgestartet. In einem Alter, in dem andere allmählich über den Vorruhestand nachzudenken beginnen, hat die Einzelhändlerin in großem Stil investiert und einen weiteren, ihren fünften Edeka-Markt eröffnet. Das neue Geschäft in einem Gewerbegebiet am Südrand der Stadt ist alles andere als Routine. Der Handel auf der grünen Wiese bedeutete unternehmerisches Neuland. Mit 3 000 Quadratmeter Verkaufsfläche ist der Markt zudem deutlich größer als ihre vier Edeka-Märkte in der Osnabrücker City. Ein echtes Wagnis. Nicht nur die Geldinstitute, auch Freunde und Familie wollten von dem Großprojekt überzeugt werden. Die Motivation? „Ich hätte das nicht machen müssen, aber ich wollte es machen. Wenn es gut geht, ist es ein super Erfolgserlebnis, von dem ich bis zur Rente zehre“, versichert sie. Inzwischen haben sich die Wogen ein wenig geglättet. Umsatz und Rendite zeigen in die richtige Richtung, das aktuelle Geschäftsjahr soll zum ersten Mal mit einer schwarzen Null abgeschlossen werden. Die Chefin ist zuversichtlich: „Das schaffen wir.“

Schwieriger Dialog mit der Politik

Entscheidungen treffen, Investitionen finanzieren, Risiken eingehen, schlaflose Nächte durchstehen – mit ihrem Selbstbewusstsein sieht sich Mechthild Möllenkamp auf Augenhöhe mit Kollegen und Wettbewerbern: „Einzelhändler sind agile, optimistische, kontaktfreudige Menschen. Die würden nicht nur im Handel, sondern auch in vielen anderen Branchen klarkommen.“ Was die 52-Jährige umso mehr ärgert, ist ihr Eindruck, dass Politiker und Beamte diese Leistungen kaum zur Kenntnis nehmen: „Es wird viel für den Schutz von Verbrauchern und Arbeitnehmern getan. Aber bei Unternehmern geht man davon aus, dass sie einfach so existieren. Das stimmt aber nicht. Was Händler leisten, wird erst wahrgenommen, wenn sie nicht mehr da sind.“ Der Politik ist solcher Unmut oft schwer zu vermitteln. Als Verbandsvertreterin und langjährige Präsidentin des Handelsverbandes Osnabrück-Emsland lässt sie dennoch keine Gelegenheit ungenutzt, um es zu versuchen. So vor einigen Wochen bei einer Veranstaltung mit Volker Kauder, bei der sie den CDU-Fraktionschef auf die immer erdrückendere Bürokratie im Einzelhandel hinzuweisen versucht hatte. Das Gespräch sei nicht besonders gut verlaufen, erinnert sie sich. Der Unionspolitiker habe sie möglicherweise nicht richtig verstanden. Wahrscheinlich sei er über das wahre Ausmaß des Problems aber auch nicht im Bilde.


„Einzelhändler sind agile, optimistische, kontaktfreudige Menschen. Die würden nicht nur im Handel, sondern auch in vielen anderen Branchen klarkommen.“


Ein Grund für Politikverdrossenheit? Auf keinen Fall. „Die meisten Politiker sind engagierte, stark beschäftigte Menschen, die vieles nicht wissen können, sich aber um alles Mögliche kümmern und dafür nicht mal besonders gut bezahlt werden.“ Ihr größtes Defizit sei ihr fehlender Kontakt mit der beruflichen Wirklichkeit der Menschen – etwa in einem Osnabrücker Familienunternehmen mit fünf Edeka-Märkten und 140 Mitarbeitern. Möllenkamp würde die realitätsfernen Politiker gern für ein oder zwei Tage in ihr Geschäft einladen – nicht nur Abgeordnete aus dem unternehmernahen Lager, sondern auch Menschen wie Sarah Wagenknecht von der Linken.


„Der Beruf hat Nachteile wie die lange Arbeitszeit, aber zugleich so viele Vorteile wie keine andere Branche. Nirgendwo kann man so einfach ohne Abitur Karriere machen.“


„Die Politiker sollten sich mit Kunden, Mitarbeitern oder auch mit dem Reinigungspersonal unterhalten. Dann würden sie vieles anders sehen“, wünscht sie sich, während ein weiterer Anruf auf dem Handy schon wieder ihre Aufmerksamkeit fordert. Das Telefon intoniert die Anfangstakte des „Supergeil“-Songs von Fred Liechtenstein, jenem YouTube-Video, das Edeka 2014 einen sensationellen Aufmerksamkeitserfolg bescherte. Möllenkamp hat sich darüber besonders gefreut, nicht nur wegen der medialen Resonanz, sondern weil das Video den Lebensmittelhandel endlich in einem, auch für jüngere Zielgruppen attraktiveren, cooleren Licht darstellte. Denn dass der Einzelhandel ebenso attraktiv wie cool ist, steht für die Unternehmerin außer Frage: „Der Beruf hat Nachteile wie die lange Arbeitszeit, aber zugleich so viele Vorteile wie keine andere Branche. Nirgendwo kann man so einfach ohne Abitur Karriere machen. Nirgendwo gibt es so viele verschiedene Arbeitszeitmodelle. Und nirgendwo gibt es ein so vielfältiges Arbeitsplatzangebot für unterschiedlichste Charaktere und Talente.“

Eine Fernsehserie für den Handel

Jedoch: Unter Parlamentariern, in den Massenmedien, auf den Schulhöfen weiß man zu wenig darüber, glaubt Möllenkamp, die das Renommee des Unternehmers gestärkt sehen möchte. Die Vorzüge des Handels würden nicht genug kommuniziert, eine Karriere als selbstständiger Einzelhändler sei für viele junge Leute nicht sonderlich attraktiv, beobachtet sie und verweist auf rund 4 000 Unternehmer in ihrem Verbandsgebiet, die derzeit mit Mühe nach Nachfolgern suchen. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, wäre das eine Fernsehserie, bei der ausnahmsweise mal nicht Kommissare, Rechtsanwälte oder Gerichtsmediziner, sondern Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden eines Supermarktes im Mittelpunkt stehen – Drama, Intrige und Happy End inklusive.

Im verbandspolitischen Alltag geht es kleinteiliger zu: In ihrer Antrittsrede zur Wahl als neue Präsidentin des Handelsverbandes Niedersachsen-Bremen im September konstatierte sie „keinen Fachkräfte-, sondern einen Unternehmermangel“, dem es auch seitens des Verbandes entgegenzutreten gelte. Und natürlich sollen ebenso Politik und Landesregierung stärker in die Pflicht genommen werden, etwa durch mehr Informationen über das Unternehmertum an den Schulen.

Und wie sieht es mit der Nachfolge im eigenen Geschäft aus? Die Tradition wiegt schwer, das Unternehmen besteht seit achtzig Jahren und wird in dritter Generation geführt. Doch die Chefin sieht die Sache entspannt. Anders als früher seien Unternehmerkinder heutzutage schließlich frei genug, um über ihre berufliche Laufbahn selbst zu entscheiden. Und das sei selbstverständlich gut so. Ihre Tochter hat sich für einen anderen Weg entschieden und arbeitet im Bereich Gesundheitspolitik in Berlin. Der Sohn geht noch zur Schule, hat vielfältige Interessen und hilft bisweilen zur Freude der Kundschaft im Markt und an der Kasse aus. „Ob er es machen wird, weiß ich nicht. Das Selbstbewusstsein und die Begeisterung jedenfalls hat er“, beobachtet sie. Ein klarer Fall von Vererbung.

Schlagworte: HDE, Portrait, Bremen, Niedersachsen, Möllenkamp

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