Warenhäuser: „Das Spielfeld schrumpft weiter“

Nach dem Deal zwischen Metro und dem kanadischen Konzern Hudson’s Bay Company (HBC) sieht es so aus, als wäre der Traum einer Deutschen Warenhaus AG endgültig geplatzt.

Von Cornelia Dörries 08.08.2015

„Wer weiß“, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI Retail Instituts in Köln. Für ihn liegen diese Pläne erst mal nur auf Eis. „Kaufhof-Eigentümer Metro hat sich einfach zwischen zwei Bietern entschieden“, resümiert Gerling ganz nüchtern. „Und aus meiner Sicht war es eine verantwortliche Entscheidung, bei der die Perspektiven sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Immobilien eine große Rolle gespielt haben.“

Mit Spannung hatte die Branchenöffentlichkeit das Rennen zwischen HBC und Konkurrent Karstadt verfolgt, der unter René Benko mit der Idee einer Deutschen Warenhaus AG in die Verhandlungen getreten war. Der angeschlagene Kaufhaus-Konzern aus Essen, der im Moment vor allem mit der eigenen Konsolidierung beschäftigt ist, gerät durch die Veräußerung des Konkurrenten an HBC noch mehr unter Druck. „Für Karstadt ist das natürlich eine große Enttäuschung“, räumt Gerling ein. „Zusammen mit dem solide aufgestellten Kaufhof hätte das angeschlagene Unternehmen seine Lage verbessern können.“

Eleganter Übergang

Eine Warenhaus AG nach den Vorstellungen von René Benko hätte viele Rationalisierungspotenziale erschließen können, von denen beide Warenhäuser profitiert hätten: Durch einen Zusammenschluss wären vor allem im Bereich Multichannel, bei Eigenmarken sowie im Einkauf erhebliche Synergieeffekte entstanden. Doch Gerlings Meinung nach wird sich durch die Übernahme zunächst nicht viel verändern. Er geht von einem, wie er sagt, „ruhigen, eleganten Übergang“ aus, denn den derzeit 21.500 Kaufhof-Beschäftigten versicherte der HBC-Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzende Richard Baker im Anschluss an die erfolgreichen Verhandlungen, in den kommenden drei Jahren weder die Belegschaft zu kürzen noch Standorte zu schließen.

Mit dem Erwerb hat HBC kraftvoll zum großen Sprung über den Atlantik angesetzt: Das 1670 gegründete nordamerikanische Traditionsunternehmen mit seinen derzeit mehr als 330 Warenhäusern und Filialen in den USA und Kanada erweitert mit Kaufhof sein Netz um 103 Warenhäuser und 16 Sportarena-Filialen in Deutschland sowie 16 Galeria-Inno-Standorten in Belgien. Was HBC mit seinem Europa-Portfolio konkret vorhat, bleibt so kurz nach Vertragsunterzeichnung naturgemäß noch etwas vage. Fest steht aber, dass das lahmende Online- und Multichannel-Geschäft bei Kaufhof systematisch ausgebaut wird. Denn in der Verknüpfung von E-Commerce und stationärem Handel liegt noch viel Potenzial brach. Michael Gerling wagt einen Ausblick: „Wenn es HBC gelingt, sein Profil als kompetenter und spezialisierter Anbieter vor allem in den zugkräftigen Sortimenten Fashion, Parfümerie, Schmuck und Spielwaren zu schärfen und das Online- Geschäft mit den attraktiven Lagen der Häuser zu verknüpfen, wird das prima.

Sinkende Marktanteile

Etwas verhaltener äußert sich hingegen Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung IFH Köln. „Das Spielfeld für Warenhausbetreiber schrumpft weiter“, sagt der Ökonom. „Kaufhof und Karstadt als die zwei verbliebenen großen Wettbewerber in Deutschland haben mit stetig sinkenden Marktanteilen zu kämpfen; daran ändert auch der Einstieg von Hudson’s Bay kurzfristig nichts.“ Auch für ihn hatte die Idee einer Warenhaus AG viel Charme, bot sie doch die Möglichkeit einer gemeinsamen Überlebensstrategie.

„Jetzt wird sich der Wettbewerb zwischen Karstadt und Kaufhof weiter verschärfen“, befindet er knapp. Künftig wird es für den Kölner Experten nur an wenigen, großen Standorten noch beide Formate geben – wer wo überlebt, ist für ihn auch eine Frage der klugen, regionalen Anpassung. Was in seinen Worten nach geordneter Entwicklung klingt, ist für Joachim Stumpf von der BBE Handelsberatung in München ein Marktbereinigungsprozess der härteren Gangart. Er sagt: „Ein Zusammenschluss von Kaufhof und Karstadt hätte gerade in Städten mit Doppelbelegung die strategische Chance geboten, die Warenhausaktivitäten an einem Standort zu bündeln und die frei werdende Immobilien für attraktive, innenstadtfreundliche Nutzungen umzuwandeln.


„In der deutschen Kaufhauslandschaft herrscht ein erheblicher Investitionsstau.“ Joachim Stumpf, BBE Handelsberatung


Diese Möglichkeit bietet sich nun nicht mehr. Stattdessen beginnt nun ein harter Kampf um einen stetig kleiner werdenden Marktanteil.“ Zum Vergleich: Nur etwa zwei Prozent des gesamten Umsatzes im Einzelhandel entfallen heute noch auf Warenhäuser; in den 1980er-Jahren lag der Anteil bei 13,5 Prozent. Doch auch HBC kann sich bei der Übernahme von Kaufhof nicht auf ein Passepartout-Erfolgskonzept verlassen, sondern muss im Wettbewerb um Marktanteile auch Strategien für kleine Städte wie Wesel, Euskirchen oder Göppingen entwickeln. „An diesen Standorten sind die Möglichkeiten für internationale und hochwertige Konzepte deutlich eingeschränkt“, gibt BBE-Experte Stumpf zu bedenken. Anders gesagt: Mit Luxus-Angeboten des HBC-eigenen Hauses Saks Fifth Avenue ist in solchen Städten kein Staat zu machen.

Um in der Konkurrenz um die verwöhnte Kundschaft zu bestehen, müssen HBC als auch Karstadt kräftig in ihre angejahrten Filialen investieren. „In der deutschen Kaufhauslandschaft herrscht ein erheblicher Investitionsstau“, so Stumpf. „Die Häuser mit ihren teilweise niedrigen Decken und angestaubtem Ladenbau sollten sich in puncto Aufenthaltsqualität an der attraktiven Umgebung eines Shopping-Centers orientieren.“ Dazu kommt der überfällige Ausbau der Multi- und Omnichannel-Angebote sowie die strategische Ausrichtung auf neue, spezialisierte Sortimente. Für diese beiden Aufgaben scheint HBC zum gegenwärtigen Zeitpunkt deutlich besser gerüstet als der schwer geprüfte Karstadt-Konzern.

Schlagworte: Hudson's Bay, Kaufhof, Metro Group, Warenhaus

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