Tausend Augen

Wollen Händler sich über Inventurdifferenzen hinwegtrösten, fällt oft der Satz: „Wo nichts geklaut wird, wird auch nichts verkauft.“ Wehrlos hinnehmen wollen sie den Warenschwund trotzdem nicht. Im Kampf gegen Ladendiebe erweisen sich neben Kameras auch Warenetiketten als sehr hilfreich.

Von Marvin Brendel 06.08.2019

© dpa Picture Alliance

Alles im Blick: Ein Sicherheitsmitarbeiter beobachtet im Kontrollraum eines Kaufhauses die Livebilder der zahlreichen Kameras, die sämtliche Verkaufsräume überwachen.

Obwohl als siebtes der Zehn Gebote weitgehend bekannt, scheren sich Ladendiebe traditionell wenig um die alttestamentarischen Worte: „Du sollst nicht stehlen!“ Daher verschwinden Jahr für Jahr unbezahlte Waren im Wert von rund 2,3 Milliarden Euro aus deutschen Geschäften. Berichte und Klagen über vermehrten Ladendiebstahl gibt es bereits aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals entstehen die ersten modernen Kaufhäuser. Zu ihrem Konzept gehört die Trennung von Warenauswahl und Bezahlung. Doch der damit verbundene direkte Zugriff auf viele angebotene Waren bringt manchen Kunden in Versuchung.

Mit dem allgemeinen Durchbruch der Selbstbedienung ab den 1960er-Jahren gewinnt das Thema Ladendiebstahl im deutschen Einzelhandel stark an Bedeutung. Parallel zur Ausbreitung der Selbstbedienungsläden und Warenhäuser steigt die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle. Erfasst die Kriminalstatistik 1966 noch 69 706 Fälle, so sind es 1981 schon 311 530 Anzeigen – ein Anstieg um fast 350 Prozent. 2017 waren es 353 384 Fälle. Die schwer zu ermittelnde Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Grund genug also für die Händler, sich mit geeigneten Maßnahmen zur Wehr zu setzen. Dazu zählen unter anderem eine übersichtliche Gestaltung der Verkaufsräume, das Anbringen von Spiegeln, die Schulung des Verkaufspersonals oder der Einsatz von Videoüberwachung und Ladendetektiven. Als eines der effektivsten Mittel zur Aufdeckung von Ladendiebstahl erweist sich aber die elektronische Stücksicherung mittels Warensicherungsetiketten.

Einsatz von Geigerzählern

1966 revolutioniert der US-Amerikaner Ar-thur​ Minasy mit ihnen die Sicherheit im Einzelhandel. Die Etiketten enthalten eine flache Drahtspule. Will ein Dieb mit einer damit präparierten Ware den Laden verlassen, reagiert die Spule auf das Radiofrequenzfeld der Sicherungsschleusen und löst Alarm aus. Bei ehrlichen Kunden wird das Sicherungsetikett dagegen beim Bezahlen entfernt oder unwirksam gemacht.

Die Idee eines Warensicherungsetiketts ist Mitte der 1960er-Jahre nicht mehr neu. Frühere Versuche basieren jedoch noch auf der Nutzung kleiner Mengen radioaktiven Materials, die von Geigerzählern am Ladenausgang erkannt werden. Wenig überraschend erteilen die Behörden dafür keine Genehmigung. Erst Minasy verhilft den Etiketten mit seinem Radiofrequenzansatz zum Durchbruch. Inzwischen wird sein System jedoch zunehmend durch elektromagnetisch und akustomagnetisch arbeitende Sicherungssysteme verdrängt.

 

Abschirmung mittels Alufolie

In der Bundesrepublik Deutschland werden die ersten Warensicherungsetiketten Mitte der 1970er-Jahre eingeführt. Vorreiter sind die Textilhändler. Doch „die unheimlichen Aufpasser“, so ein damaliger Buchtitel, sorgen bei den Kunden auch für Angst um ihren guten Ruf. Übersehene oder nicht korrekt deaktivierte Sicherungsetiketten lösen immer wieder falschen Alarm aus.

Berichte über die aggressive Verfolgung betroffener Kunden bis weit vor das jeweilige Geschäft, verbunden mit lautstarken öffentlichen Anschuldigungen und tätlichen Übergriffen, machen die Runde. Dazu trägt auch das damals noch verbreitete Vertrauen der Polizei in die neue Technik bei. Das Auslösen eines Alarms, erklärt etwa der Berliner Polizeipräsident, begründe schon „für sich allein den Verdacht einer Straftat“.

Betroffene trommeln zum Protest, richten Petitionen an den Bundespräsidenten und ziehen sogar bis vor das Bundesverfassungsgericht. Professionelle Diebe haben dagegen bald herausgefunden, wie sich die Stücksicherung austricksen lässt. So entfernen sie beispielsweise die Sicherungsetiketten von der Ware, verstecken sich beim Passieren der Ausgangsschleusen in größeren Kundengruppen oder schirmen die Etiketten mit handelsüblicher Alufolie ab.

Heute werden Warensicherungsetiketten nur noch von den wenigsten Kunden bewusst wahrgenommen. Dafür sorgt der Trend zu immer kleineren Sicherungsetiketten und zu Etiketten, die bereits vom Hersteller direkt in das Produkt oder die Produktverpackung integriert werden.

Schlagworte: Diebstahlschutz, Diebstahl, Ladendiebstahl, Sicherheit

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