Spielwiese für Experimentierfreudige

Stationäre Händler sehen die Digitalisierung längst nicht mehr nur als Bedrohung an. Beim Dachmarkenforum der Unternehmensberatung Roland Berger in Berlin diskutierten Experten und innovative Händler, warum dieser Trend eine Chance für den stationären Handel sein kann.

Von Annika Krempel 16.05.2018

© VISA Retail Experience Lab Berlin

Habt mehr Mut zum Spielen und zum Ausprobieren! Diesen Appell richtet Michael Bültmann, Geschäftsführer des Software-Entwicklers Here Deutschland, an die Teilnehmer des Dachmarkenforums. Unter dem Motto „Handel [4.0] – Was ich nicht weiß, macht mich heiß …“, geht es um den Einsatz neuer Technologien und die Möglichkeiten der Digitalisierung im stationären Handel. Das Unternehmen Here, das vor allem für seine digitalen Kartendienste für Navigationssysteme bekannt ist, ist einer der Teilnehmer des Forums, die zeigen wollen, dass die Digitalisierung viele neue Chancen für den stationären Handel bietet. Here illustriert das Potenzial der Datenanalyse. Bültmann entwickelt in seinem Vortrag gemeinsam mit den Teilnehmern die Zukunftsvision, dass jeder Händler vor der Anmietung eines Ladens relevante Daten wie Verkehr oder Laufkundschaft analysiert und erst daraufhin seine Entscheidung trifft.

Doch die Chancen der Digitalisierung gilt es schon heute zu nutzen. Retailer müssten auf veränderte Erwartungen ihrer Kunden reagieren, erklärt Antonia Wälzholz, Industrie Head Retail von Google. Wälzholz beschreibt den modernen Shopper als anspruchsvoll, neugierig und ungeduldig. Es gelte, den Kunden mittels Datenanalyse wieder ins Zentrum zu rücken, neue Technologien und Prozesse zu nutzen und Omnichannel-Services auszubauen. „Idealerweise befruchten sich online und offline gegenseitig“, sagt Wälzholz.

Best-Practice-Beispiele für Omnichannel-Services finden sich bei den Start-up-Pitches im Rahmen des Dachmarkenforums. Für Händler interessant sind zum Beispiel Local Inventory Ads, wie sie Loca Fox oder Google anbieten. Mit diesen Diensten können Händler das Sortiment ihres stationären Ladens bei Google auffindbar machen.

Datensammeln mit Konzept
Schwerpunktthema des Tages ist aber das Potenzial von Kundendaten, die Händler online und direkt vor Ort im Laden sammeln können. Dabei reiche reines Datensammeln nicht, mahnt Georg Ibing von der Unternehmensberatung Braintrix. Vielmehr sei es wichtig, sich bereits vor dem Sammeln der Daten zu überlegen, was man damit erreichen und wozu man sie nutzen wolle.

Zugeben mussten die Vortragenden: Online bleibt das Erheben solcher Verhaltensdaten ungleich einfacher als im stationären Handel. Doch Beispiele, wie der Brillenhändler Mr. Spex oder der Matratzenhändler Caspar, die den Schritt ins Offlinegeschäft gewagt haben, belegen, dass es möglich ist. Werkzeuge zum Datensammeln im Laden lassen sich inzwischen sogar in bestehende Laden- und IT-Infrastrukturen mit vergleichsweise geringem Aufwand einfügen.

Das Start-up Minodes etwa will Online- und Offline-Marketing besser verbinden. Das im vergangenen Jahr vom Mobilfunkdienstleister Telefónica übernommene Unternehmen baut Boxen, so groß wie Zigarettenschachteln, in denen Sensoren für eine WiFi-gestützte Analysesoftware stecken, mithilfe derer sich die Customer Journey im Laden vermessen lässt. Die direkt im Laden verbauten Sensoren erfassen die WiFi-Signale von Mobilfunkgeräten und verschlüsseln diese. Auf diesem Wege können anonymisierte Bewegungsströme im Geschäft beobachtet und analysiert werden.

Deutlich wird: Vieles ist möglich. Es gilt, alte Denkmuster zu überwinden und den eigenen Store als Ort voller Wachstumspotenzial und neuer Entwicklungsmöglichkeiten wiederzuentdecken.

Schlagworte: Digitalisierung, Dachmarkenforum

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