Multichannel

Pure Player im Offlinemodus

Immer mehr Unternehmen, die eigentlich im Internet heimisch waren, wagen den Schritt in den stationären Handel. Sie beziehen Ladenlokale und wollen das „Look & Feel“ ihrer Marke aus der digitalen in die analoge Welt transportieren. Doch klar ist: Das reale Einkaufserlebnis bleibt virtuell nicht abbildbar.

Von Sead Husic 17.09.2018

© Mister Spex

Pure Player expandieren zunehmen in den stationären Handel.

Streben Onlinehändler in den stationären Markt, lassen sie sich bisweilen einiges einfallen, um auf sich aufmerksam zu machen. So können die Besucher im neuen „made by you“-Store von Lesara im Berliner Shoppingcenter Alexa über ihre Modefavoriten abstimmen. Wenig später sind die beliebtesten Trendteile, aktuell produziert, im Laden verfügbar – oder können online gekauft werden. Dafür erhielt Lesara den Preis „First Store by Alexa – Vol. II“. Roman Kirsch, Gründer und CEO, zeigte sich begeistert: „Wir von Lesara freuen uns sehr auf dieses neue, aufregende Projekt und bedanken uns herzlich beim Alexa sowie bei allen, die uns mit ihrer Stimmabgabe eine erste Gelegenheit gegeben haben, offine Fuß zu fassen.“

Doch auch andere, ursprünglich als Pure Player gestartete Händler verfolgen Offinestrategien. Trotz manches Abgesangs scheint der Stationärhandel auf der Customer Journey weiterhin als attraktiver Touchpoint zu gelten. Den Händlern aus der digitalen Welt jedenfalls dient er sowohl als Absatzkanal wie auch als Imageträger und Servicepoint. Im Folgenden eine kleine Übersicht unterschiedlicher Offlinestrategien:

Mister Spex überträgt Onlinekonzept auf Stores

Mister Spex sammelt bereits seit mehreren Jahren Erfahrung im Multichannel-Handel: 2016 eröffnete der Brillenhändler in Berlin seinen ersten Store; inzwischen betreibt das Unternehmen deutschlandweit zehn Shops. Doch schon 2011 startete der bis dato als Pure Player auftretende Händler sein Partner-Optiker-Programm. In diesem Rahmen arbeitet Mister Spex mit mehr als 500 lokalen Optikern in Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Schweden zusammen, um Kunden ergänzend zum Online-Angebot kostenfreie Dienstleistungen wie Sehtests und Brillenanpassungen anzubieten.

Eigene Geschäfte zu eröffnen, war der nächste logische Schritt. „Bei Mister Spex bieten wir Kunden das Beste aus beiden Welten: Wir verknüpfen die Vorteile des Onlineshoppings, wie Schnelligkeit, Preistransparenz und Sortimentsvielfalt, mit Services der Offinewelt, wie etwa der Beratung vor Ort“, sagt Senior-PR-Managerin bei Mister Spex, Anastasia Hansen. Die Mister-Spex-Stores übertragen das Onlinekonzept auf die stationäre Fläche, wobei die Ladengestaltung – und damit der Weg des Kunden im Geschäft – der Logik des Online-Shopping-Erlebnisses folgt.

So entspricht die Sortierung der Produkte nach Geschlecht, Brillenform und Brillengröße den im Onlineshop zu wählenden Filtern. Aber nicht nur bei der Auswahl, sondern auch beim Kauf durchläuft jeder Ladenkunde – bei Bedarf mit Unterstützung der Mister-Spex-Store-Mitarbeiter – den Onlinebestellprozess am Tablet inklusive der Erstellung eines eigenen Kundenkontos. Ziel ist, dass jeder Kunde lernt, wie einfach es ist, eine Brille online zu bestellen.

Shops von Fahrrad.de erklären die Radlerwelt

Dass sie auch im stationären Handel erfolgreich sein können, wollen jetzt viele der ursprünglich im E-Commerce beheimateten Händler beweisen. Die Internetstores-Gruppe, die bereits seit mehr als 15 Jahren über die Händlermarke fahrrad.de online Räder vertreibt, hat vor Kurzem in Stuttgart, Berlin und Düsseldorf Läden eröffnet. „Unsere Stores und die externen Servicepartner bieten eine hervorragende Möglichkeit, dem Kunden erklärungsbedürftige Produkte, wie beispielsweise E-Bikes, schneller und einfacher nahezubringen“, begründet die Sprecherin der Internetstores-Gruppe, Natalie Tiburtius, die Offinestrategie.

Zudem könnten Kunden physische Serviceleistungen wie Reparaturen und Inspektionen über die neuen Shops abwickeln. „Insofern stehen die Stores sehr stark für Kundenservice“, so Tiburtius. Gleichwohl bleibt fahrrad.de ein onlinegetriebener Player: Marketing und Kommunikation sollen auch weiterhin digital erfolgen. Das unterscheidet die Stores von fahrrad.de signifikant von klassischen Zweiradläden.

Gusti Leder setzt auf analoge Werte

Ein vom eigenen Onlineshop vollkommen losgelöstes Ladenkonzept verfolgt Lederwarenhändler Gusti. „Das Look & Feel des Onlinehandels versuchen wir nicht in unsere Shops zu bringen. Bei uns soll das Einkaufen nicht zu einem Multimediaereignis werden. Statt Tablets oder Bildschirmen an den Wänden gibt es in unseren Läden Schaukästen mit Produktinformationen und Fotos von der Produktion“, sagt die PR-Sprecherin von Gusti Leder, Lena-Marie Walter. Die Läden des Unternehmens seien nicht an den Onlinehandel angepasst, sondern an dessen Produkte und Philosophie.

Ladengeschäfte eigneten sich nicht nur besser, um Kunden kennenzulernen und zu informieren. In ihnen ließe sich auch Eigenwerbung markanter platzieren. Walter: „Wir erzielen durch unsere Läden engeren Kontakt zu unseren Kunden und können diese besser beraten und informieren.“ Da sich die Preise für Online-Anzeigen binnen eines Jahres vervielfacht hätten und aufgrund ihrer Vielzahl kaum noch wahrgenommen würden, dienten die Läden zudem als vergleichsweise günstige und effektive Werbeflächen.

Zalando baut sich eine Spielwiese

Zalando ist derzeit mit vier Outletstores in Köln, Berlin, Leipzig und Frankfurt/Main sowie einer ersten Zalando Beauty Station in Berlin-Mitte im stationären Handel präsent. „Unser Schwerpunkt bleibt zwar nach wie vor das Onlinegeschäft. Doch die Zalando Outlets sind für uns ein sinnvoller Weg, um Kunden für Waren zu interessieren, die sich online nicht gut verkaufen lassen“, sagt Zalando-Sprecherin Nadine Vazhayil. Dabei handele es sich unter anderem um Warenüberhänge aus Vorsaisons oder um Produkte, bei denen beispielsweise ein Knopf fehle.

In der jüngst eröffneten Beauty Station von Zalando wiederum sollen Kunden „das Sortiment anfassen und testen können“. Der Store diene zudem als Spielwiese, um Neues auszuprobieren, sowie Content, wie zum Beispiel Beauty Tutorials, zu produzieren, die wiederum online verfügbar würden. „Er ist aber auch wertvoll für uns, um den Zalando Beauty Kunden besser kennenzulernen“, so Vazhayil.

Weitere Besonderheiten der Zalando Beauty Station sind unter anderem ein kuratiertes Sortiment, das stetig wechselt, sowie die starke Verknüpfung zwischen online und offline, beispielsweise über die Contentproduktion und -nutzung. Zudem können Kunden im stationären Laden auf den Zalando-Onlineshop zugreifen, um Beauty-Produkte zu erwerben, die im Store nicht verfügbar sind.

Schlagworte: Pure Player, Stationärhandel, stationärer Einzelhandel

Kommentare

Ihr Kommentar