Omnichannel total

Kann es dem stationären Einzelhandel gelingen, die digital ­verwöhnten Kunden auch in Zukunft zum Einkaufen in seine Läden zu locken? Lösungsansätze, etwa zur Digitalisierung am PoS, kommen derzeit vor allem aus der Start-up-Szene.

Von Pascal Fynn 15.02.2019

© Cisco

Virtuelle Anprobe: Mithilfe von Tools wie dem interaktiven Spiegel „StyleMe“ von Cisco können Kunden aus dem Instore- und Onlinelagerbestand eines Händlers individuelle Outfits zusammenstellen.

Ein Klick genügt – und die Ware wird eine Stunde später an die Tür geliefert. Das ist bequem, praktisch und eine logistische Meisterleistung, aber vom Erlebniswert so spannend wie das tägliche Zähneputzen. Trotzdem: Der Kunde hat sich durch die Amazonisierung des Handels mittlerweile daran gewöhnt, sofort und ohne lange Wartezeit bedient und beliefert zu werden. An dieser Erwartungshaltung muss sich auch der stationäre Einzelhandel orientieren. „Der Kunde steht mehr denn je im Mittelpunkt – und dieser Position ist er sich auch bewusst”, sagt Thomas Flick, Head of Operations bei der Otto Group Digital Solutions (OGDS). „Am liebsten möchte er alles sofort und überall – unabhängig von Raum, Zeit und Kanal.“

Optimierung der Customer Journey
Eine Entwicklung, die vor allem den Point of Sale stark beeinflusst. „Lange Schlangen an den Kassen, nicht verfügbare Ware und inkompetentes Personal sind Ärgernisse, die nicht mehr zur aktuellen Anspruchshaltung passen”, mahnt Flick. Lösungsansätze sieht er in der Optimierung der Customer Journey sowie in perfektionierten Omnichannel-Ansätzen, die ein besonderes Einkaufserlebnis ermöglichen. Ein aktuelles Beispiel ist der neue Hamburger Flagship-Store der Otto-Tochter Bonprix (siehe Seite 14).
Aber nicht allein die auf Millennials abzielende Modebranche entwickelt spannende Lösungen zur Digitalisierung des PoS. So denkt das ebenfalls zum Portfolio von OGDS zählende Start-up OrderThis über das Smartphone hinaus in eine Zukunft, in der Kunden von überall über alle Kanäle einkaufen werden. „Die offene IoT-Commerce-Plattform verbindet das Internet of Things (IoT) mit dem Onlinehandel“, erklärt Flick. „Dadurch sind Konsumenten in der Lage, ihre Alltagseinkäufe über IoT-fähige Geräte zu steuern, was nicht nur zeitsparend, sondern auch äußerst bequem ist.“ Der Nutzer muss also nicht mehr erst sein Smartphone zücken, um Staubsaugerbeutel zu kaufen – das erledigt der IoT-fähige Staubsauger, einmal programmiert und mit OderThis verbunden, von allein. Gemeinsam mit Conrad Connect hat Otto dieses neue Konzept bereits auf der IFA 2018 erfolgreich präsentiert.

Verschmelzung der Kanäle
Wie sich die genannten Entwicklungen auf das Einkaufsverhalten und damit auch auf die Umsatzverteilung zwischen Stationär- und Onlinehandel auswirken werden, bleibt abzuwarten. Doch in dieser Herausforderung liegt für klassische Händler eine Chance – sofern sie es durch die Digitalisierung ihrer Ladengeschäfte schaffen, beide Kanäle zu einem integrierten Omnichannel-Angebot zu verschmelzen. Vielversprechende Ansätze liefert dazu die Start-up-Szene. „Durch die Nähe zum Kunden und die schnelle Umsetzung des Feedbacks können Produkte und Services sehr schnell an die Erwartungen angepasst werden“, sagt Thomas Flick. Start-ups und auch OGDS pflegten eine „Fail- Fast-Kultur“. Von diesem Mindset und der damit einhergehenden Schnelligkeit könne auch der Handel profitieren. Flick: „Gefragt sind innovative, kreative Ideen, die helfen, aus der Masse herauszustechen und dem Kunden ein einmaliges Einkaufserlebnis zu bieten.“ 

Vier Start-ups, die Händlern helfen, sich gegenüber Mitbewerbern zu profilieren und Kunden besondere Einkaufserlebnisse zu eröffnen:

24 Stunden shoppen am digitalen Point of Sale: garamantis.com
Garamantis ist Partner der Ars Electronica und bietet nicht nur Lösungen für den Handel, sondern etwa auch für Museen und die Kunstszene an. Am PoS wirken die futuristisch designten, interaktiven Installationen als Publikumsmagnet: Sie machen neugierig, wecken das Interesse der Kunden und laden dazu ein, mehr über einen Artikel oder ein Angebot zu erfahren. Erklärungsbedürftige Produkte können ansprechend, zum Beispiel in einer interaktiven Vitrine, präsentiert werden. Eine Integration im Schaufenster ermöglicht den Kunden, rund um die Uhr am digitalen PoS des stationären Händlers einzukaufen. In Leerlaufzeiten spielt die Einkaufswand großformatige Videos ab. Integrierte Scanner und optische Produkterkennung erweitern die Interaktionsmöglichkeiten. Auch eine Anbindung ans Kassensystem ist möglich. Außer an der Weiterentwicklung des Multitouch-Scanner-Tisches arbeitet Garamantis 2019 an der Einbindung von Virtual Reality, Hologrammtechnologien und Brain-Interfaces.

Vom Point of Sale zum Point of Experience: weshop.info
Basierend auf aktuellen Marktforschungsergebnissen, entwickelt Weshop.one einfach zu installierende und voneinander unabhängige digitale Lösungen, um das Einkaufserlebnis im stationären Handel zu verbessern. Über die „Easy Consulting Option” (ECO) können potenzielle Käufer per Knopfdruck einen Berater anfordern. Dazu werden an strategisch sinnvollen Orten im Laden, etwa in den Umkleidekabinen, Schalter angebracht. Ein beliebiges, per WiFi verknüpftes Gerät informiert den Berater über den Aufenthaltsort des Kunden. Außerdem können Kunden persönliche Berater per Videochat erreichen. Ebenfalls bereits im Einsatz ist der „Easy Product Finder” (EPF). Beispielsweise im Regalbereich installiert, zeigt dieser derzeit im Tabletformat lieferbare Touchscreen den Standort des gesuchten Produkts an und liefert zudem relevante Informationen sowie personalisierte Kaufempfehlungen.

Shoppen als Entdeckungstour: shopestapp.com
Mit der App von Shopest können Kunden schnell und unkompliziert ihre Lieblingsshops und -marken oder auch einzelne Produkte in der unmittelbaren Umgebung aufspüren. Die Lösung verbindet den Komfort des E-Commerce mit dem Erlebnis des Einkaufsbummels. Die Kunden erhalten live Zugang zu aktuellen Shoppingevents und speziellen Angeboten. Andersherum können Händler interessierte Kunden gezielt ansprechen und so langfristige Beziehungen aufbauen. Verknüpft ist das Angebot mit kuratierten Inhalten und Empfehlungen. Shopest kann derzeit in London und Berlin genutzt werden.

Empfehlungsshoppen am mobilen Point of Sale: yeay.com
Yeay ist da, wo die Zielgruppe am häufigsten hinschaut: auf dem Smartphone. Darüber empfehlen Influencer Produkte per Video. So wird E-Commerce zum unterhaltsamen Format – und soll sowohl die Generation Y als auch Millennials am mobilen PoS abholen. Selbstmarketing erfolgt über Peer-to-Peer-Aktionen wie #notsponsored. Dabei durften Kunden ab 14 Jahren die Kampagnen-T-Shirts von #notsponsored über Yeay vermarkten und die Hälfte des Verkaufserlöses, also zehn Euro, behalten. Zudem schloss Yeay eine Partnerschaft mit dem Blockchain-Start-up Wom. Mit via Blockchain generierten, sogenannten Word-of-Mouth-Token werden Nutzer für „ehrliche“ Empfehlungen belohnt. Die mittlerweile rund 170 000 Nutzer bewerten den Ehrlichkeitsfaktor der Empfehlungen und verdienen dadurch ebenfalls WoM-Token, mit denen sie gleich auf der Plattform einkaufen können.

Schlagworte: Start-up, Point of Sale, PoS, Digitalisierung

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