Ladenbau

Erfolg lässt sich einrichten

Mit dem Durchbruch der Selbstbedienung beginnt ab den 1950er-Jahren der moderne Ladenbau. 1966 entsteht eine Messe für die junge Branche. Heute ist die Ladengestaltung für den stationären Einzelhandel ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, um gegen den E-Commerce zu bestehen.

Von Marvin Brendel 17.09.2019

© ullstein bild/Oscar Post

Früher stiegen Verkäuferinnen für ihre Kunden in die Höhe.

Einkaufen in der „guten alten Zeit“: Vielfach bedeutete das kleine, dunkle Läden mit unterschiedlichsten Gerüchen und einer klaren räumlichen Trennung zwischen Kunden auf der einen, Verkäufer und Ware auf der anderen Seite. Dazwischen stand meist ein wuchtiger Verkaufstresen aus schwerem Holz. Davor warteten die Kunden, bis sie an der Reihe waren. Dann nannten sie ihre Wünsche und die Verkäufer suchten die Waren einzeln aus den teils bis unter die Decke reichenden Regalen, aus Schränken und aus Schubladen zusammen. Diese umständliche Praxis ändert sich erst mit dem Aufkommen der Selbstbedienung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Als ein Pionier der revolutionären Einkaufsform gilt der US-Amerikaner Clarence Saunders. Am 11. September 1916 eröffnet er in Memphis, Tennessee, seinen ersten Selbstbedienungsladen unter dem einprägsamen Namen Piggly Wiggly. Seine Idee trifft den Nerv der Zeit: Innerhalb von nur fünf Jahren steigt Piggly Wiggly mit 615 Läden in rund 200 Städten zur drittgrößten Supermarktkette in den USA auf.

Einzug der „stillen Verkäufer“

Der Erfolg der Selbstbedienung stellt den Ladenbau vor völlig neue Herausforderungen. Die Präsentation der Waren rückt in den Mittelpunkt, denn was die Kunden nicht sehen, können sie auch nicht kaufen. Dessen ist sich bereits Saunders bewusst. Für seine Piggly-Wiggly-Läden entwickelt er eine neue Ladengestaltung: Das Betreten des Verkaufsraums erfolgt anfänglich durch ein nur nach innen aufschwingendes Holztor, das bald durch ein hölzernes Drehkreuz ersetzt wird. Von dort werden die Kunden durch die Gestaltung und Anordnung der Warenregale einmal durch den ganzen Laden und am gesamten Warenangebot vorbei bis zu den Kassen am Ausgang geführt.

In der Bundesrepublik setzt sich die Selbstbedienung nach verhaltenen Anfängen erst ab Mitte der 1950er-Jahre durch. Zählt man 1954 lediglich 326 Selbstbedienungsläden, so sind es 1960 schon über 20 000. Damit einher geht auch hierzulande eine „neuzeitliche Ladengestaltung“: Schränke und Regale treten zurück. Stattdessen halten Warenständer und Warengondeln als frei im Raum stehende „stille Verkäufer“ Einzug. Die Beleuchtung gewinnt ebenso an Bedeutung wie die Gestaltung von Decken und Fußböden. Typisierte Ladenmöbel, in Standardgrößen und einheitlichem Design hergestellt, ermöglichen mehr Flexibilität bei der Gestaltung der Verkaufsräume und der Steuerung der Kundenwege. Als Materialien setzen sich kühles Metall und moderner Kunststoff in bunten Farben durch.

 

Boom der Verkaufskühlmöbel

Angesichts der wachsenden Bedeutung der Ladengestaltung etabliert sich bald eine spezielle Messe: Am 11. Juni 1966 eröffnet in Düsseldorf die erste EuroShop, anfänglich noch als „Internationale Messe für Ladenbau und Schaufenster“. Großes Interesse wecken schon damals die verschiedenen Baukastenprogramme für Ladenmöbel, Fließbandkassen sowie Kühlsysteme. Neben Molkereiprodukten, verpackten Wurstwaren und gekühlten Getränken gelten gerade Tiefkühlprodukte als „die Ware mit Zukunft“. Zwischen 1970 und 1990 verdoppelt sich hierzulande der Absatz von gekühlten Bedienungstheken, Kühlregalen, Tiefkühlinseln und anderen Verkaufskühlmöbeln von 25 000 auf 50 000 pro Jahr.

Über die Jahrzehnte werden auf der EuroShop zahlreiche Neuerungen im Ladenbau vorgestellt, von denen uns viele noch heute im Laden begegnen. Dazu zählen schon in den 1970er-Jahren Minishop- respektive Shop-in-Shop-Konzepte sowie Geschenkverpackungs- und Kinderspielecken. Später folgen unter anderem Lautsprecheranlagen, Bildschirme, Internetterminals und Abholstationen für Onlinebestellungen, digitale Regaletiketten zur dynamischen Preisauszeichnung und immer wieder neue Ideen zur umsatzsteigernden Optimierung der Kundenlaufwege. Manche Entwicklungen nehmen die Kunden nur unbewusst wahr, wie etwa das Duftmarketing. Es wird kontrovers diskutiert, wirklich neu ist der Einsatz von Düften aber nicht. Schon zu Großvaters Zeiten verlegten Bäcker ihr Ofenrohr so, dass es auf der Straße vor dem Geschäft nach frischen Backwaren roch.

In jüngster Zeit wirken sich auch die digitale Konkurrenz und der Trend zum Up-Trading in fast allen Bereichen des Einzelhandels auf den Ladenbau aus. Der Onlineshop erweitert das stationäre Warenangebot; eine großzügigere Gestaltung der Verkaufsflächen, die Verwendung höherwertiger Materialien und ein Mehr an regionaler Individualität sollen das Einkaufen zum besonderen Erlebnis machen.

Selbst die Discounter, deren stiefmütterlich behandelter Ladenbau über Jahrzehnte darin bestand, möglichst viel Ware möglichst kostengünstig auf Paletten, Kisten und einfachsten Regalen anzubieten, können sich dem nicht entziehen.

Schlagworte: Ladenbau, Ladengestaltung

Kommentare

Ihr Kommentar