Die Kasse muss stimmen

Vom „Bing“ zum „Beep“: Am Anfang steht das Misstrauen gegen das eigene Personal. Heute müssen Kassensysteme viel mehr können, als Einnahmen zu addieren und das Geld sicher zu verwahren.

Von Marvin Brendel 23.04.2019

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Um 1878 hat James Jacob Ritty genug. Zu dieser Zeit betreibt der US-Amerikaner bereits seit sieben Jahren eine Bar in Dayton, Ohio, und zu oft muss er feststellen, dass ihm am Ende des Tages Geld in der Kasse fehlt. Dafür macht er sein Personal verantwortlich und rüstet zur Gegenwehr: Während der Fahrt auf einem Dampfschiff fällt ihm ein Mechanismus auf, der die Umdrehungen der Schiffspropeller misst. Zusammen mit seinem Bruder John, einem talentierten Mechaniker, tüftelt er daran, wie sich mit einem ähnlichen Mechanismus die Kassiervorgänge in seiner Bar dokumentieren lassen. Im März 1879 melden die Brüder ihren „Incorruptible Cashier“, den „Unbestechlichen Kassierer“, zum Patent an. Der Apparat verfügt über 20 in zwei Reihen angeordnete Tasten, mit denen sich Preise zwischen fünf und 100 Cent buchen lassen. Ein Mechanismus summiert alle Beträge über einen bestimmten Zeitraum hinweg und zeigt die Summe auf einem großen Ziffernblatt, ähnlich einer Uhr, an.

In einer kleinen Fabrik beginnt James Ritty mit der Produktion der Kassen. 1884 übernimmt der Unternehmer John H. Patterson das Geschäft und ändert den Firmennamen in National Cash Register Company (NCR). Zudem sorgt er für entscheidende Verbesserungen am System: Neben der Möglichkeit, Kassenbons auszudrucken, zählen dazu insbesondere der Einbau einer Kassenlade für das Bargeld sowie einer Klingel, die beim Öffnen der Kassenlade für Aufmerksamkeit sorgt. Auch dank dieser Neuerungen sind die Registrierkassen einer Theorie zufolge für die Einführung gebrochener Preise verantwortlich: Denn bei glatten Kaufsummen könnten unehrliche Verkäufer das kassierte Geld direkt in ihre Tasche wandern lassen. Bei einer ungeraden Summe müssen sie jedoch die Kasse für das Wechselgeld öffnen – so wird der Kaufvorgang dokumentiert, gleichzeitig soll das laute „Bing“ die Aufmerksamkeit des Händlers wecken und den Kassierer so vom Einstecken des Geldes abhalten.

In Deutschland zählt vor allem die Bielefelder Anker Werke AG zu den Wegbereitern der Registrierkassen. Ab 1900 beginnt das Unternehmen mit der Produktion und steigt rasch zum weltweit zweitgrößten Hersteller nach dem US-Konkurrenten NCR auf. 1976 jedoch ist Schluss: Die Firma hat den Wandel von der mechanischen Registrierkasse hin zum computergestützten Kassensystem verpasst und muss Konkurs anmelden.

Tatsächlich macht die Kassentechnik in den 1960er- und 1970er-Jahren einen gewaltigen Entwicklungssprung. Dafür sind nicht nur die Fortschritte bei der elektronischen Datenverarbeitung verantwortlich, sondern auch die Entwicklung von Barcode und Barcode-Scannern sowie die Einführung einheitlicher Artikelnummern. Der große Durchbruch beginnt ab 1973, nachdem sich Händler und Hersteller in den USA auf einen gemeinsamen Kennzeichnungsstandard verständigen – den Universal Product Code (UPC) mit einem geraden Strichcode. Dieser liegt auch der 1977 in Europa etablierten European Article Number (EAN) zugrunde.

Automatisierte Warenwirtschaft

Am 26. Juni 1974 wird in den USA das erste mit einem UPC-Strichcode versehene Produkt, eine Packung Kaugummi von Wrigley, über eine Scannerkasse gezogen. Das dabei ertönende „Beep“ verkündet den Beginn einer neuen Ära im Einzelhandel. Die neue Technik beschleunigt nicht nur das Kassieren, sondern sie ermöglicht auch erstmals artikel- und tagesgenaue Absatzauswertungen und eine Automatisierung der Warenwirtschaft. Auch Preisänderungen können schneller umgesetzt werden, da die jeweiligen Waren nicht mehr händisch neu ausgepreist werden müssen.

In Deutschland beginnt die Revolution in einer Filiale des Augsburger Lebensmittelhändlers Carl Doderer. Sie wird im Herbst 1975 mit einem speziell für Supermärkte und SB-Warenhäuser entwickelten PoS-System von IBM ausgestattet. Anfänglich tippen die Kassierer statt des an der Ware angebrachten Preises noch die Artikelnummern ein – zwei Jahre später ziehen sie die Produkte samt ihrem Barcode über die damals brandneuen Scannerkassen.

Ob PoS-Systeme mit Touchscreen-Bildschirmen, die Einbindung von Waagen und Kartenlesegeräten oder die Nutzung von Smartphones und Tablets für einen cloudbasierten Kassiervorgang – in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Kassentechnik beständig weiterentwickelt. Heute wird unter anderem über Funkpreisschilder nachgedacht und der Einsatz von Selbstbedienungskassen getestet.

Diese sind übrigens keine neue Erfindung: Bereits ab 1965 experimentiert die Schweizer Migros mit Selbsttippkassen. Damit gelingt es zwar, die Wartezeiten an den Kassen zu reduzieren. Es zeigt sich jedoch auch, dass die Kunden es mit der Sorgfalt bei der Eingabe nicht so genau nehmen. 1969 wird der Versuch wegen „großer Inventurdifferenzen“ abgebrochen – ein Problem, von dem auch heute wieder berichtet wird.

 

Schlagworte: Kasse, Kassensystem, Registrierkasse

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