Stationärer Handel

Frequenzbringer

Die Frequenzen ­sinken,­ Läden schließen, selbst Filialisten ziehen sich aus der Fläche zurück. ­Vielerorts setzt die ­Immobilienwirtschaft deshalb auf Mixed-Use-Konzepte, also die räumliche Durchdringung von Handel, Dienstleistungen, Gastronomie und Entertainment.

Von Christine Mattauch 12.03.2020

© Getty Images

Selbst in erfolgsverwöhnten Lagen zeigen sich mittlerweile die Folgen eines ­veränderten Kundenverhaltens und des technologischen Wandels.

Die Lage ist dramatisch: Zwischen 2010 und 2019 haben nicht weniger als 39 000 stationäre Geschäfte in deutschen Städten dichtgemacht, so der HDE-Standortmonitor 2020. Immer mehr Kunden bestellen online – der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel schätzt den Umsatz im vergangenen Jahr auf 72,6 Milliarden Euro, ein neuer Rekord. Für Händler, Politiker und Immobilienbesitzer stellt sich daher die große Frage: Wie lässt sich auch dann Leben in die Innenstädte bringen, wenn Einkaufen als Anreiz nicht mehr reicht? Was könnte den klassischen Einzelhandel als Frequenzbringer ergänzen?

Innenstädte haben im Stadtgefüge die Funktion eines Marktplatzes, meint Frank Danzinger, Leiter der Abteilung „Innovation and Transformation“ bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services: „Menschen gehen dorthin, wo sie andere vermuten.“ Die Innenstadt als Treffpunkt, Ort des Austauschs und gemeinsamen Erlebens, das ist ihre Stärke und ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber der virtuellen Welt. Deshalb lohnen sich gerade dort Showrooms für neue Technik. Manufakturen, denen man bei der Produktion zusehen kann. Aktionen wie die Münchner Initiative Kauf lokal, bei der 130 regionale Marken die Sortimente großer Händler ergänzen. Danzinger wünscht sich mehr Mut zum Experiment: „Der Handel muss sein Denken verändern.“ Stadtpolitik könne das flankieren, indem sie das Profil der City schärft und Freiräume zum Ausprobieren schafft.

Allerdings müssen nicht nur Lokalpolitiker und Händler umdenken, sondern auch Vermieter. David Bosshart, Chef des handelsnahen Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts, sagt: „Wo sie die Fläche neu definieren, ist das, was kommt, meistens umsatz- und margenschwächer.“ Das verbreitete Kalkül, lieber Leerstand zu riskieren als die Miete zu senken, geht unter diesen Voraussetzungen nicht mehr auf. Hilfreich wäre zudem mehr Flexibilität bei der Laufzeit von Verträgen: Jemand, der neue Geschäftsmodelle probiert, will sich nicht gleich auf fünf oder zehn Jahre festlegen.

Das handelsjournal zeigt auf den folgenden Seiten einige Beispiele für innovative Nutzungen von Ladenflächen in City-Lagen. So unterschiedlich sie sind, es gibt Gemeinsamkeiten: Erlebnisqualität, Interaktion und Entertainment. ●

Pop-up-Store der Streitkräfte

Es war ein ungewöhnlicher Mieter, der Mitte November in die Pasing Arcaden einzog: die Bundeswehr. Für zwei Monate mieteten die Streitkräfte in dem Einkaufszentrum im Münchner Westen eine „Pop-up-­Karriere-Lounge“ und warben dort um Nachwuchs – ein Pilotversuch. Interessierte konnten mit aktiven Soldaten sprechen, probeweise in Dienstkleidung schlüpfen und per Virtual-Reality-Brille einen Flug mit dem Eurofighter simulieren. Schon am Eröffnungstag kamen mehr als 300 Besucher – insgesamt waren es bis Mitte Januar mehr als 4 000. „Wir bewerten das Projekt als Erfolg“, sagte ein Bundeswehr-Sprecher dem handelsjournal. Nach Abschluss der Evaluation werde über weitere Standorte entschieden. Das schwarze Kreuz und der Schriftzug „Bundeswehr“ dürften sich damit bald auch in anderen Fußgängerzonen und Malls finden.

Präsenzen für Brands

Wenn der stationäre Einzelhandel schrumpft, fehlen den Marken Schaufenster. Deshalb wird das Konzept eigener Innenstadtpräsenzen bei Herstellern hochwertiger Produkte immer populärer. Wie Sennheiser in Berlin oder ­Rosenthal in München (Bild) richten sie extravagante Flagship Stores ein, häufig eine Mischung aus Outlet, Showroom und Testlabor. Rosenthal hat in der Nähe des Marienplatzes einen Edelkosmos rund ums Porzellan entwickelt, in Kooperation mit Luxusanbietern wie Versace und der italienischen Lifestyle-Marke Sambonet. Dort werden auch Kochkurse veranstaltet. Sennheisers Tech-Store, im Herbst 2018 gegenüber der Gedächtniskirche eröffnet, ist Experimentierfeld und Markenbotschafter auch für Touristen.

Reisebüro in die Vergangenheit

Einmal in die Vergangenheit reisen – was wie Fantasie klingt, ist neuerdings ein Produkt. Vor zwei Jahren eröffnete das Start-up Timeride am Kölner Alter Markt den ersten Store, in dem Besucher mittels Virtual Reality in eine andere Zeit eintauchen. Per Straßenbahn geht es durchs Cöln der Kaiserzeit, durch eine unzerstörte Altstadt und am Rhein entlang. Das Ladenlokal ist dekoriert mit dem Nachbau einer historischen Tram. In der lokalpatriotischen Domstadt war das Angebot von jetzt auf gleich ein Hit, schon im ersten Jahr kamen 120 000 Zuschauer. Inzwischen unterhält Timeride auch Filialen in München, Berlin und Dresden: Mal geht es per fliegendem Pfauenwagen über das Alpenvorland, mal in der goldenen Kutsche durch die Gassen des barocken Elbflorenz. Nächste Station ist, in diesem Frühjahr, Frankfurt am Main.

Marktforschung live

Es bezeichnet sich als offenes Innovationslabor: Seit 2014 gibt es das Josephs in der Innenstadt von Nürnberg, eine Initiative des Fraunhofer-Instituts. Unternehmen und Hochschulen nutzen die Räume, um kreative Prozesse anzustoßen, Produktideen zu entwickeln und dabei die Öffentlichkeit einzubinden. Interessierte Bürger können einfach so vorbeikommen. Bei den Methoden, darunter Social Prototyping, Design Thinking und Open Innovation, unterstützen Experten. Mehr als 50 000 Besucher haben sich im Laufe der Jahre mit neuen Produkten und Dienstleistungen beschäftigt, eigene Ideen eingebracht und Feedback gegeben. Das Konzept wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wissenschaftspreis 2018 der EHI-Stiftung und von GS1 Germany.

Werkstätten fürs Digitale

Innovative Technologie sorgt für Geschäftsideen: Selfies der besonderen Art lassen sich bei 3DyourBody erstellen. Die Kunden gehen in einen Ganzkörperscanner, anschließend wird das dreidimensionale Ebenbild per 3-D-Printer ausgedruckt. Die Idee kam den Brüdern Toni und Tino Weidt 2014 mit einem Freund abends in einer Bar, bald darauf mieteten sie ihre erste Fläche im Berliner Einkaufszentrum Alexa. Heute gibt es sieben Filialen in Großstädten wie Hamburg, München und Frankfurt. 3DyourBody ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie digitale Technik neue Nutzungen anstößt: In zahlreichen Städten entstehen offene Werkstätten, in denen Konsumenten mit 3-D-Druck, Lasercutting oder Mikroelektronik experimentieren können.

Sozialgenossenschaft in Bestlage

Der schicke Laden wirkt wie ein Designer-Store: Ponchos und Tücher sind im Angebot, fantasievoll bedruckte T-Shirts und Stofftaschen, daneben auch Gourmetkaffee. „Vergissmeinnicht Handmade Fashion“ steht auf dem blau-weißen Aufsteller im Schaufenster. Erst auf den zweiten Blick fällt der kleine Zusatz „Sozialgenossenschaft/Cooperativa Sociale“ ins Auge. Seit Juli 2018 belegt das Inklusionsprojekt der Südtiroler Stadt Bruneck Räume mitten in der Fußgängerzone: vorn der Verkauf, hinten die Nähstube, in der Menschen mit Handicaps – sogenannte Grenzgänger – und Nichtbehinderte zusammenarbeiten. Insgesamt elf Mitarbeiter beschäftigt das Projekt, fast drei Viertel der Betriebskosten werden selbst erwirtschaftet. Für Initiatorin Sigrid Regensberger ist der Standort wichtig: „Mitten in der Stadt haben wir größere Sichtbarkeit.“

Gläserne Manufaktur

Im Dezember eröffnet und von den Bürgern Kaiserslauterns begeistert begrüßt: „Z – Die Manufaktur“. Das Projekt residiert in einem zuvor leer stehenden Ladenlokal in der Fußgängerzone. Auf drei Etagen werden handwerklich hergestellte Produkte angeboten – darunter Kerzen, Seifen, gestrickte Strümpfe und Möbel aus Weinfassdauben. Kunden können bei der Produktion zusehen und Unikate in Auftrag geben. Zudem besteht eine Kooperation mit der Firma CookCulture, die handgefertigte Messer anbietet und in dem Manufaktur-Kaufhaus eine Schleiferei einrichten will. Der Laden beschäftigt rund 40 behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter. Initiator ist das evangelische Diakoniewerk Zoar – daher das Z im Namen.

Schlagworte: Mixed-Use-Konzepte

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