Mobile Money

Nachdem das Smartphone schon Einkaufszettel, Stadtplan und U-Bahn-Ticket verdrängt hat, macht es nun auch dem Portemonnaie Konkurrenz: Statt mit Bargeld oder Karte soll der Kunde künftig mit dem Handy bezahlen.

Von Cornelia Dörries 03.08.2015

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Blutdruck messen, eine neue Freundin finden oder Filme schneiden– wenn man bedenkt, was ein modernes Smartphone schon seit Jahren alles drauf hat, ist es fast verwunderlich, dass es mit einer Funktion für das alltägliche Bezahlen beim Einkauf, an der Tankstelle oder im Restaurant so lange gedauert hat. Mit der sogenannten Near Field Communication (NFC) verfügen die jüngeren Handy-Generationen ebenso wie viele Kassen in Geschäften und Kaufhäusern längst über die dazu erforderliche Technologie, doch durchsetzen konnte sich „kontaktloses Bezahlen“ per Smartphone auf breiter Basis bislang nicht. Es fehlte nicht nur an einheitlichen Standards, sondern auch an hinreichend großem Interesse für digitale Bezahlformate – obwohl weit mehr als die Hälfte aller Mobilfunkkunden bereits ein Smartphone nutzen.

Der unter Federführung von GS1 Germany gestarteten Initiative „NFC City Berlin“ ist es mittlerweile gelungen, drei große Mobilfunkanbieter sowie führende Einzelhandelsunternehmen für die in Berlin laufende Aktion „Zahl einfach mobil“ zusammenzubringen. Die über einen Zeitraum von fünf Monaten laufende Promotionkampagne soll zeigen, wie bequem, zuverlässig und einfach diese Zahlweise ist. Seit dem 15. April kann die Berliner Kundschaft in derzeit mehr als 750 Geschäften mit dem Smartphone bezahlen. „Bei NFC City Berlin handelt es sich trotz der beschränkten Laufzeit nicht um ein zeitlich begrenztes Pilotprojekt“, erklärt Ercan Kilic, Leiter der Abteilung Mobile Payment bei GS1 Germany. „Mit der Initiative wollen wir vielmehr dem Markt einen Impuls geben und diese Bezahlform vorantreiben.“

Wie bei allen neuen Technologien steht auch bei „Zahl einfach mobil“ am Anfang die Aufklärung. Sowohl die Kunden als auch die interessierten Händler sollen über Technik, Anwendung und Sicherheitsstandards des kontaktlosen Bezahlens informiert werden. Wer als Kunde seine Einkäufe zukünftig mit dem Smartphone bezahlen möchte, muss sich die von seinem jeweiligen Mobilfunkanbieter offerierte Wallet-App – eine Art digitale Brieftasche – herunterladen, mit der er dann sämtliche Bezahlvorgänge abwickeln kann. In der Wallet steckt eine digitale Bezahlkarte, mit der der Kunde an der Kasse bezahlt – entweder auf Prepaid-Basis, also als Guthaben, oder über die bequeme Direktabbuchung von seinem Girokonto.

Es ändert sich fast nichts

Klingt kompliziert? In der Praxis ist es ganz einfach: Sobald die Wallet-App installiert ist, kann der Kunde ganz normal einkaufen – doch an der Kasse zückt er nicht mehr das Portemonnaie, sondern hält einfach sein Smartphone an das Bezahlterminal. Erst bei Beträgen von mehr als 25 Euro ist die Eingabe einer PIN fällig – fertig. Der Händler wiederum benötigt lediglich ein NFC-fähiges Kartenterminal; gängige Anbieter wie Ingenico, Verifone oder CCV führen diese Geräte schon seit geraumer Zeit.

Bei NFC, der technologischen Voraussetzung für das kontaktlose Bezahlen, erfolgt der Datenaustausch über eine Funkverbindung, die innerhalb von nur wenigen Zentimetern aufgebaut wird. Da die Daten ausschließlich über diese kurze Distanz übermittelt werden, ist ein sogenannter „Man-in-the-middle“-Angriff durch einen unbefugten Dritten allenfalls theoretisch möglich. „Das größte Sicherheitsrisiko ist der Verlust des Smartphones selbst“, betont Projektleiter Kilic. Bei Verlust oder Diebstahl ist das Smartphone selbst ebenso wie die Wallet mit einer PIN geschützt; darüber hinaus lassen sich SIM-Karte, Wallet und Bezahlkarte jederzeit deaktivieren. Das Smartphone bietet im Grunde genommen einen besseren Schutz als das Portemonnaie.


„Wir möchten einfach alle gängigen Zahlungsarten anbieten. Zu unserer Kundschaft gehören viele Touristen, die diesen Service erwarten.“ Maria-Christina Powowarski, Buchhandlung „Ocelot“, Berlin


Ein Teilnehmer an der Aktion „Zahl einfach mobil“ ist die Buchhandlung „Ocelot“ in Berlin-Mitte. Der wohlsortierte Laden mit seiner verwöhnten, technikaffinen Szene-Stammkundschaft in der Brunnenstraße nimmt sich neben Lebensmittelsortimentern wie Rewe oder Kaiser’s zwar wie ein Exot aus, doch die Buchhändler wollten unbedingt dabei sein. „Wir möchten einfach alle gängigen Zahlungsarten anbieten“, sagt Ocelot- Mitarbeiterin Maria-Christina Powowarski. „Zu unserer Kundschaft gehören viele Touristen, die diesen Service erwarten. Bei uns konnte man von jeher auch eine Postkarte für einen Euro mit der Kreditkarte zahlen.“ Noch ist die Resonanz auf das Angebot zwar verhalten, doch Patrick Hutsch, zuständig für die Social-Media-Aktivitäten des Ladens, ist schon von Berufs wegen sehr zuversichtlich: „Das setzt sich durch.“

Noch gibt es letzte Hürden

Dass neben solchen kleinen Einzelhändlern nun auch große Unternehmen wie Aldi Nord, Media Markt und Saturn in das Mobile Payment einsteigen, hat nicht zuletzt mit der bald in Kraft tretenden Kappung der Gebühren zu tun, die im Falle von Kreditkartenzahlungen anfallen. Bislang mussten Händler einen gewissen Prozentsatz des Umsatzbetrages an die Kreditkartenfirmen entrichten; ab Herbst 2015 gilt ein einheitlicher Satz von 0,3 Prozent. Deshalb akzeptieren die Discounter mit ihren notorisch kleinen Margen künftig Visa- und Mastercard sowohl in Plastikform als auch aus der digitalen Brieftasche. Denn das „kontaktlose Bezahlen“ ist ja nichts anderes als eine kartenbasierte Transaktion, an der nun auch die Mobilfunkanbieter mitverdienen.


Retail Conference
Begleitend zur Initiative NFC City Berlin findet am 29. und 30. September 2015 im „nhow Hotel“ Berlin die „Mobile in Retail Conference 2015“ statt. Die Projektinitiatoren aus Mobilfunk und Handel sowie zahlreiche weitere Unternehmen berichten im Rahmen des Fachkongresses von ihren Erfahrungen mit dem Hauptstadtprojekt sowie den mobilen Strategien unterschiedlicher Branchen. Weitere Informationen unter: zahl-einfach-mobil.de


„Mit der virtuellen Kreditkarte mieten sich die Banken praktisch in der digitalen Wallet des Kunden ein“, erklärt Ulrich Binnebößel, Experte für Bezahlsysteme beim HDE. Allerdings sieht er für eine flächendeckende Einführung mobiler Bezahlmethoden im Moment noch einige Hürden. „Wenn ich das Mobile Payment selbst nutzen möchte, müsste ich mir erstmal ein neues Smartphone anschaffen, da mein Modell trotz NFC-Funktion noch nicht auf der Liste freigegebener Geräte des Netzbetreibers steht“, gibt er zu bedenken. „Und weil meine Bank derzeit keine virtuellen Bezahlkarten fürs Smartphone anbietet, bräuchte ich darüber hinaus auch noch ein neues Kreditkartenkonto.“ Alles in allem zu umständlich, findet Binnebößel. Mit solchen Bedenken ist Sabrina Frank derzeit fast jeden Tag konfrontiert. Als Mitarbeiterin im Promotionteam von NCF City Berlin ist sie in diesen Wochen ständig mit Neugierigen, Zweiflern, Neunmalklugen und Ahnungslosen in Kontakt. Bei ihr am Stand von „Zahl einfach mobil“ stehen potenzielle Smartphone-Shopper Schlange, um zu fragen, wie das Bezahlen mit dem Smartphone funktioniert und was sie dafür benötigen.

Frank ist mit dem Erfolg der Aktion zufrieden. Das Interesse, gerade bei jungen Berufstätigen und Geschäftsleuten, sei groß. „Viele wussten gar nicht, dass ihr Smartphone bereits alle Voraussetzungen erfüllt“, sagt sie. „Wir erläutern dann, welche Schritte noch notwendig sind, damit alles funktioniert, und geben die entsprechenden Broschüren der beteiligten Mobilfunkunternehmen mit.“ Wer es genau wissen will, den fährt ein Mitglied des Promotionteams sogar im Auto- Shuttle nach Hause und erklärt ihm in aller Ruhe selbst kleinste Details.

Nutzt Frank selbst auch schon das kontaktlose Bezahlen? Die junge Frau zieht ihr altes Handy aus der Tasche und lacht. „Ich weiß, das ist kein Grund“, sagt sie. Schließlich kann sich jeder, dessen Telefon nicht entsprechend ausgerüstet ist, eine NFC-fähige Bezahlkarte in Form eines simplen Stickers besorgen. Dieser Sticker lässt sich genauso gut auf ein altes Nokia-Handy wie auf ein Lederportemonnaie kleben – er funktioniert unabhängig von einer App.

Sogar die vermeintliche Avantgarde der iPhone-Nutzer muss sich im Moment noch mit einen solchen Sticker bescheiden, wenn sie in Deutschland mobil bezahlen will. Auch wenn ihre iPhones serienmäßig NFC-tauglich sind – Apple Pay, die Wallet-App der iPhones, funktioniert hierzulande noch nicht. Aber auch das ist nur noch eine Frage der Zeit.

NUR EIN ANFANG
Interview mit Ulrich Binnebößel, Referent Verkehrspolitik und Zahlungssysteme beim HDE.

Was haben Einzelhändler davon, wenn sie ihren Kunden das Bezahlen mittels Smartphone anbieten?
Die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens sind zunächst ganz praktischer Natur. Da ist zum einen der Zahlvorgang selbst, der sich dadurch schneller abwickeln lässt – was vor allem für Betriebe mit niedrigem Durchschnittsbon und hoher Frequenz, wie zum Beispiel Super- und Verbrauchermärkte, interessant ist. Zum anderen ist diese Methode zuverlässiger und weniger störanfällig, weil Probleme wie defekte Chips, zersplitterte Plastikkarten oder verschmutzte und blockierte Kartenschlitze bei den Lesegeräten keine Rolle mehr spielen.

Mit welchen Kosten müssen Händler rechnen, wenn sie sich für kontaktloses Bezahlen ausrüsten wollen?
Den Händlern entstehen grundsätzlich keine Mehrkosten, wenn sie NFC anbieten wollen, da die modernen Kartenterminals ohnehin meist mit dieser Funktion ausgestattet sind. Oder anders gesagt: Wer als stationärer Händler ein Kartenterminal bei den bekannten Anbietern mietet, verfügt automatisch über ein NFC-fähiges Gerät für das kontaktlose Bezahlen. Geht man davon aus, dass die durchschnittliche Nutzungsdauer eines solchen Terminals bei etwa fünf Jahren liegt, wird diese Technologie in absehbarer Zeit flächendeckend verfügbar sein. Wenn Kreditkarten akzeptiert werden sollen, besteht ohnehin bereits eine Nachrüstpflicht der Anbieter.

Welche Chancen bieten sich mit dieser Technologie in Sachen CRM?
Interessant wird das kontaktlose Bezahlen ja erst, wenn man es mit zusätzlichen Funktionen verknüpft: Individuelle Kundenansprache, eine digitale Kundenkarte, Couponing oder die Digitalisierung von Einkaufsbelegen sind in diesem Zusammenhang nur einige von vielen Ideen. Natürlich gibt es im Bereich Datenschutz einiges zu beachten, doch grundsätzlich bieten sich mit den Smartphone-Technologien sehr viele Optionen.

Schlagworte: Bargeldlos bezahlen, Bezahlen per Handy, NFC city Berlin, Bezahlarten

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