Flexibilität sichern

Die meisten Deutschen würden auf Scheine und Münzen gern verzichten – zumindest bei höheren Einkaufsbeträgen. Sogar die kontaktlose Variante der Kartenzahlung entwickelt sich mit einer gewissen Dynamik. Google Pay und Apple Pay mischen aktuell den Markt fürs mobile Bezahlen auf.

Von Eva Neuthinger 14.01.2019

© Stock Adobe / ryanking999

Bereits drei Viertel ihrer Kunden zahlen mit Karte. Jessica Klostermann führt zwei Textilfachgeschäfte, das eine in Nordkirchen sowie seit wenigen Wochen ein weiteres in Drensteinfurt. Erst 2015 startete die Jungunternehmerin in die Selbstständigkeit – eine schnelle Entwicklung. Seit August 2018 können die Kunden, zumeist in der Altersgruppe zwischen 20 und Mitte 60, auch online bei ihr shoppen: Vorkasse, PayPal, EC Cash und Bezahlen mit Bargeld bei Abholung vor Ort sind als Zahlungswege wählbar.

Die gesamte Technik läuft über den Anbieter Paymash. Dabei handelt es sich um eine Software, die Einzelhändler über alle Kanäle und mit Rundumservice bedient – vom stationären Geschäft bis zur Vermarktung des Onlineshops. Sie beinhaltet mehrere Schnittstellen, etwa zum Warenwirtschaftssystem. Alle Daten werden in der Cloud gespeichert.

Paymash bietet der Firma Instyle Fashion eine Komplettlösung, bestehend aus dem Paymash-Kassensystem sowie Kartenterminals der Marke Ingenico. Und zwar auf Grundlage einer Kooperation, die der Einzelhandelsverband HDE mit den beiden Anbietern geschlossen hat. „Für uns ist das von großem Vorteil, nicht zuletzt, weil das System sehr einfach zu handhaben ist. Per Knopfdruck auf dem iPad werden die Daten an das Gerät übertragen“, erklärt Klostermann. Zudem sind die Konditionen günstig: Im Monat zahlt sie für den All-in-one-Service rund 100 Euro plus Anschaffung der Hardware sowie EC-Cash-Gebühren. Für eine weitere Filiale fallen bei Paymash keine weiteren Gebühren an.

Die Einzelhändlerin ist technisch damit gut gerüstet – und weitaus fortschrittlicher aufgestellt als viele andere Handelsunternehmer. Vor allem bietet ihr die Lösung die Möglichkeit, auf aktuelle Entwicklungen kurzfristig zu reagieren. „Wir haben hart verhandelt, um möglichst kurze Laufzeiten zu vereinbaren“, sagt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungssysteme beim HDE. Die Verträge laufen nur mindestens ein Jahr mit Sonderkündigungsrecht bei Geschäftsaufgabe. Das sichert die notwendige Flexibilität, die bei Zahlungssystemen wichtig ist.

Payment als Wettbewerbsfaktor
„Der Markt entwickelt sich momentan recht schnell. Das Kundenverhalten ändert sich. Die Art und Weise, wie stationär oder im Onlineshop bezahlt werden kann, wird zum wichtigen Wettbewerbsfaktor“, sagt Binnebößel. Deshalb sollten für Terminals nicht länger Mietlaufzeiten von vier oder fünf Jahren vereinbart werden. Betroffene Unternehmer können mit ihrem Anbieter verhandeln. Seitdem HDE Cashless Pay auf dem Markt ist, spürt die Konkurrenz den Druck, mitzuziehen. Ebenso stehen Preisnachlässe zur Diskussion. Verschiedene Hersteller haben ihre Tarife bereits angepasst.

An den Kosten sollten zeitgemäße Paymentlösungen jedenfalls nicht scheitern. Nach Erhebungen des EHI geht inzwischen nur noch die Hälfte des Einzelhandelsumsatzes bar über die Theke. Das bedeutet zwar nicht, dass die Deutschen auf Scheine und Münzen verzichten wollen. Drei Viertel der Einkäufe wickeln sie noch immer in bar ab – bei kleineren Beträgen, etwa beim Bäcker oder im Supermarkt. Doch deren Aktionsanteil sinkt. Das Interesse an Kartenzahlungen jeder Art hingegen steigt. „Seit rund einem Jahr gibt es eine starke Zunahme auch an kontaktlosem Bezahlen mit Karte“, stellen die EHI-Forscher fest. Etwa zehn Prozent der Transaktionen begleichen Kunden inzwischen im Vorbeigehen per NFC-Technik. Der Anteil könnte kurz- bis mittelfristig sprunghaft ansteigen, wenn die Verbraucher sich damit vertraut gemacht haben.


Unterstützung bei der Einführung kontaktloser Bezahlmöglichkeiten
sowie bei der Schulung von Mitarbeitern bietet der HDE an unter:
einzelhandel.de/kontaktlos


Die nächste Stufe wird das mobile Bezahlen per Smartphone sein. „Hier besteht noch großer Informationsbedarf – sowohl bei Händlern als auch bei Verbrauchern. Beide Gruppen sind aufgrund der vielen unterschiedlichen Mobile-Payment-Lösungen verunsichert“, meint Horst Rüter, Zahlungsexperte des EHI. Das Problem: Noch existiert kein einheitliches System.

Nachfrage der Kunden nimmt zu
Bereits im Sommer startete Google Pay in Deutschland. Nutzer von Android-Smartphones haben seither Zugriff auf die Google-Pay-App. PayPal-Kunden können seit Oktober in allen Läden mit Google Pay bezahlen, die kontaktloses Bezahlen mit Mastercard akzeptieren. Eine PIN-Eingabe ist erst bei Beträgen über 25 Euro vonnöten.

Die Konkurrenz aus Cupertino bringt indes Apple Pay nach Deutschland, das iPhone-Besitzer schon bald werden nutzen können. Diverse Banken sowie Visa, Mastercard und Co. sind mit an Bord. Auch
Apple Pay funktioniert an allen Kassen, die kontaktlose Varianten der jeweils hinterlegten Kreditkarte akzeptieren. Ihre Weihnachtsgeschenke sollen Apple-Nutzer bereits auf diesem Wege bezahlen können.
Wie viele Kunden die mobilen Angebote nutzen werden, bleibt zwar abzuwarten. Laut einer Studie bezahlen bisher erst fünf Prozent der Deutschen im stationären Handel mit ihrem Smartphone. Der Eintritt von Apple Pay könnte aber einiges in Schwung bringen. Binnebößel: „Händler sind jedenfalls gut beraten, sich mit dem kontaktlosen Bezahlen vertraut zu machen, um der steigenden Nachfrage gewachsen zu sein.“


Überweisen in Echtzeit

Die Überweisung per Instant Payment ist nicht allein für Banken ein wichtiges Thema, sondern auch für Händler höchst relevant. Denn die Innovation könnte das Lastschriftverfahren mit Unterschrift ablösen. Der Kunde zückt einfach sein Smartphone und startet via App eine Echtzeitüberweisung.

Rewe Systems, GS1 Germany, der Zahlungsdienstleister Ingenico und weitere Akteure wie der HDE
arbeiten an einer händlerbasierten Instant-Payment-Lösung am PoS, kurz: HIPPOS. Die Idee: Der Kunde aktiviert die App auf dem Smart­phone. Die Händlerkasse leitet die Daten über QR-Code oder NFC auf das Smartphone des Kunden, der die Überweisung startet. Das Geld landet binnen Sekunden auf dem Konto des Händlers, der sofort eine Mitteilung über den Eingang erhält.

Unter dem Dach von GS1 Germany entwickeln die beteiligten Partner derzeit Spezifikationen für die Schnittstellen zwischen den einzelnen Parteien des Zahlungsvorgangs sowie Lösungen für das Einbinden von Mehrwertdiensten, wie zum Beispiel Loyalty-Programme. Noch in diesem Jahr soll ein Pilotprojekt starten, das die Umsetzung der Lösung in der Praxis erprobt.

Um eine solchen SEPA-Instant-Payment-Lösung zum Erfolg zu führen, müssten sich allerdings auch die Banken beteiligen, die sich bisher ­– womöglich wegen der hohen Investitionskosten – zurückhaltend zeigen. Einzelhändler sollten diese Entwicklung dennoch verfolgen. Denn früher oder später dürfte HIPPOS der Markteinstieg gelingen.

Schlagworte: Payment, Zahlungssysteme, Zahlungsarten, Apple Pay, Google Pay, Kontaktlos

Kommentare

Ihr Kommentar