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Google Pay und Apple Pay sowie bald wohl auch Alipay mischen den Markt der Zahlungssysteme auf. Welche Trends sich in Deutschland mittelfristig abzeichnen.

Von Eva Neuthinger 16.04.2019

© Getty Images/Onfokus

So ganz versteht Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte des Handelsverbands Deutschland , den Hype um Apple Pay nicht: „Rein technisch gesehen, bringt der Start in Deutschland nichts Neues.“ Die meisten Einzelhändler brauchen nichts zu unternehmen, um Apple-Nutzern diese Bezahlvariante anzubieten. Wer kontaktloses Bezahlen per NFC-Technik im Programm hat, verfügt über die notwendigen Voraussetzungen.

Der Startschuss für Apple Pay in Deutschland fiel im Dezember vergangenen Jahres. Seitdem können Besitzer eines iPhones ab der Kategorie SE oder ab der Generation iPhone 6 stationär mit ihrem Smartphone bezahlen. Die Kunden halten ihr Apple-Gerät einfach vor das NFC-Terminal. Die Eingabe einer PIN entfällt. Der Kunde drückt lediglich seinen Finger auf den Knopf mit der Touch-ID. Nutzer neuerer Smartphones lösen die Zahlung alternativ per Face-ID aus. Apple Pay funktioniert auch in Onlineshops. Dort kommen die Besitzer von Mac oder iPad ebenso zum Zuge. Die Zahlung läuft via Kreditkarte. 

Der Einzelhändler erkennt nicht einmal, ob seine Kunden Apple Pay einsetzen. Das Gleiche gilt für Google Pay, das im Sommer vergangenen Jahres in Deutschland startete. „Wir sind in der Lage, verwendete Zahlungsmittel wie Visa oder Mastercard zu analysieren. Aber Apple und Google bieten mit ihren Lösungen letztendlich nur die technische Plattform für eine Kreditkartenzahlung mit der NFC-Technologie“, erläutert Michael Krause vom Lebensmitteleinzelhändler Tegut. Er geht davon aus, dass bei den Apple-Nutzern ein gewisses Interesse fürs Bezahlen mit Smartphone vorhanden ist: „Diesen Schluss ziehen wir aus den Rückmeldungen unserer Kundenbetreuung sowie aus sozialen Netzwerken“, so Krause. 

Das könnte ein Grund für den Wirbel rund um Apple Pay sein: iPhone-Fans haben das Image, innovativ und fortschrittlich zu sein. Sie könnten Mobile Payment in Deutschland einen Schub geben. „Unsere ersten Kunden tasten sich bereits an die Entwicklungen im Mobile Payment heran. Wir beobachten, dass bisher insbesondere sehr technikaffine Kunden diesen Service intensiv nutzen“, bestätigt Markus Rietz, Leiter Treasury bei Globus. Für ihn ist klar: Apple Pay und Google Pay bleiben in der Entwicklung nicht stehen und versuchen, weiter in das Geschäftsfeld der Banken einzudringen. 

Kunden erwarten Mehrwert beim Mobile Payment

„Jeder Einzelhändler sollte daher den Markt genau beobachten, um bei Bedarf schnell reagieren zu können“, rät HDE-Payment-​experte Binnebößel. Mit NFC-fähigen Terminals zu arbeiten, zählt längst zum Standard. Der Handelsverband Deutschland rät, die Geräte mit einer kurzen Laufzeit von rund zwölf Monaten zu mieten, anstatt sie zu kaufen. „Die Technik entwickelt sich dynamisch. Künftig kommen verstärkt Geräte ins Spiel, die beispielsweise Kundenbindungsprogramme oder Rabatt- und Couponaktionen integrieren“, prognostiziert Binnebößel. Kunden erwarteten einen Mehrwert, wenn sie mobil bezahlen.

Daran arbeitet auch Globus. Der Filialist forciert nach abgeschlossener Pilotphase seit Oktober 2018 deutschlandweit die mobile Bezahlart Blue Code. Kunden laden sich die Blue-Code-App aufs Handy und verbinden sie mit ihrem Girokonto. An der Kasse erhalten sie einen einmalig gültigen Barcode. Der Betrag wird in einem anonymisierten Vorgang abgebucht. Globus kann keinerlei Transaktions-Metadaten auswerten. Die Sicherheit steht im Fokus. „Das noch junge Blue-Code-System nutzen unsere Kunden gerne und nachhaltig. Die höchsten Quoten erreichen wir an unseren Scan&Go-Zahlstationen“, weiß Rietz. Hintergrund: Globus rüstet seine deutschlandweit 46 SB-Warenhäuser mit einer „Scan&Go“ genannten Mobile-Scanning-Lösung aus. Scan&Go basiert auf der Idee, dass Kunden ihre Waren während ihres Einkaufs nicht nur mit einem Handscanner eigenhändig erfassen, sondern auch selbstständig Coupons oder Pfand einlösen und am Ende mobil per Blue Code bezahlen. 


„Jeder Einzelhändler sollte den Markt genau beobachten, um bei Bedarf schnell reagieren zu können.“ – Ulrich Binnebössel, HDE-Paymentexperte


 

Bezahlung gleich am Regal

Scannen und Bezahlen per Smartphone testen auch andere Einzelhändler, etwa Saturn in der Hamburger Mönckebergstraße. „Das Smartphone ist für viele Menschen heute die Fernbedienung des Lebens. Daher ist es nur konsequent, dass es künftig auch zum Bezahlen genutzt werden kann, zumal neue Mobile-​Payment-Angebote wie Google Pay und Apple Pay diese Entwicklung noch beschleunigen werden“, meint Martin Wild, Chief Innovation Officer der MediaMarktSaturn Retail Group.

Das Projekt in Hamburg startete Anfang Dezember vergangenen Jahres. Die Saturn Smartpay-App laden sich die Android- und Apple-Nutzer in ihrem Store herunter, registrieren sich und der Einkauf beginnt. Mit der Smartphonekamera scannen sie den Barcode oder berühren alternativ das digitale Preisschild des Produkts. Die Zahlung gleich am Regal mit Kreditkarte sowie via PayPal, Google Pay und Apple Pay ist per Smart​phone möglich. Nach dem Bezahlen erhält der Kunde seinen digitalen Kassenbon per E-Mail. Vor dem Verlassen des Marktes muss er sich am Expressschalter nur noch seine Einkäufe entsichern lassen. 

Ziel ist es, die Abwicklung am PoS zu beschleunigen. Hohe Aufmerksamkeit verschafft sich momentan der US-Riese Amazon mit seinen ersten Amazon-Go-Stores. Diese arbeiten ohne Kassenzone und ohne Self-Scanning der Kunden. Die Verbraucher registrieren sich beim Betreten des Geschäfts mit ihrer Smartphone-App. Intelligente Software, Sensoren und Bilderkennungsverfahren analysieren, was im Einkaufswagen liegt. Beim Verlassen des Geschäfts bucht Amazon den Rechnungsbetrag über die App von der Kreditkarte ab. Erste Läden wurden im vergangenen Jahr zum Beispiel in Chicago, San Francisco sowie Seattle eröffnet. Amazon Go expandiert. Künftig will der Onlinehändler auf US-Flughäfen vertreten sein, wie das Handelsblatt berichtet. Ob und wann das Konzept von Amazon Go nach Deutschland kommt, ist noch nicht absehbar.

Unübersichtlicher Markt

Das Bezahlen per Handy-App könnte sich hingegen sehr rasch dynamisch entwickeln. Allerdings bestehen Handicaps. Deutsche Kunden bevorzugen noch immer Scheine und Münzen. Das bestätigt die aktuelle Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland. Verbraucher tragen durchschnittlich 107 Euro Bargeld mit sich im Portemonnaie, sechs Euro davon in Münzen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es durchschnittlich 118 Euro. Drei von vier Einkäufen gehen in bar über den Ladentisch. Knapp ein Prozent des Umsatzes erzielt der Handel mit kontaktlosen Kartenzahlungen. Die Deutschen hängen also sehr an den klassischen Bezahlverfahren.

Die jungen Zielgruppen zeigen sich Neuem gegenüber jedoch sehr aufgeschlossen. Wenn diese die innovativen Zahlmethoden annehmen, dürfte dies deren Marktdurchdringung beschleunigen. Der Handel jedenfalls ist nicht schlecht gerüstet. Immerhin rund ein Drittel der Einzelhändler gab gegenüber den Kölnern Forschern des EHI Retail Institute im vergangenen Jahr an, Mobile Payment bereits eingeführt zu haben. Mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen plant dies. 

Der Markt aber ist unübersichtlich, weshalb Investitionsentscheidungen schwerfallen. Auf der einen Seite agieren die internationalen Konzerne Google und Apple. Auf der anderen Seite stehen die nationalen Banken, die sich ebenfalls ihren Teil des Kuchens sichern wollen. Nicht zuletzt arbeiten einige große Handelskonzerne zusammen mit GS1 Germany an einem eigenen Bezahlsystem: Das „Händlerbasierte Instant Payment am PoS“, kurz Hippos, soll Instant Payments nicht nur direkt an der Ladenkasse, sondern auch Zahlungen zwischen Personen und im E-Commerce vereinheitlichen. Welche der Lösungen werden von den Kunden akzeptiert? Welche setzen sich am Markt durch? Das wird sich in den kommenden zwei, drei Jahren entscheiden. Händler sollten die Entwicklung im Blick behalten, um rechtzeitig auf die richtigen Pferde zu setzen.

Das Modell Alipay

Weltweit gilt Alipay als größter mobiler Bezahldienst, nun gehen die Chinesen in Europa an den Start.

Die Zahlen scheinen gigantisch: Rund 700 Millionen Nutzer verzeichnet Alipay weltweit. Das Modell hat Charme. Nicht nur mobiles Bezahlen ist integriert, sondern darüber hinaus auch mannigfaltige Einsatzmöglichkeiten und Mehrwerte. So können Verbraucher beispielsweise über die App Kredite aufnehmen, ein Taxi rufen, Tickets für öffentliche Verkehrsmittel kaufen oder einen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reservieren. Außerdem liefert Alipay zahlreiche nützliche Alltagsinformationen, zum Beispiel, welche Geschäfte sich in der Nähe befinden. Im Prinzip handelt es sich um eine Lifestyleplattform auf dem Smartphone. Bisher profitieren allerdings nur Chinesen. Alipay erhielt jüngst aber eine Lizenz als E-Geld-Institut in Europa. Damit ist der Weg offen, um EU-Verbrauchern nicht nur die Bezahlfunktion, sondern auch interessante Mehrwerte anzubieten. Alipay akzeptieren bereits große Häuser wie Rossmann, Müller oder Kaufhof.

Schlagworte: Payment, App, Alipay, Apple Pay, Google Pay, Trends

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