Start-up

Designobjekte mit Fluchtgeschichte

Das Berliner Start-up Mimycri verkauft Taschen aus dem Material kaputter Flüchtlingsboote, die auf der griechischen Insel Chios angespült werden. Die beiden Gründerinnen wollen auf die Notlage aufmerksam machen, Geflüchteten Arbeit geben und aus Müll etwas Sinnvolles herstellen.

Von Jens Gräber 22.10.2019

© Gordon Welters

Boote zu Fashionprodukten: Die Gründerinnen des Start-ups Mimycri, Nora Azzaoui (links) und Vera Günther, in ihrem Atelier in Berlin-Alt-Treptow.

Abid Ali sitzt vor einer Nähmaschine, in der Hand ein Stück Gummiplane, aus dem einmal die Innentasche eines Rucksacks werden soll. Die Arbeit mit dem Material sei nicht leicht, erklärt er: „Anfangs mussten wir viel herumprobieren, um herauszufinden, was funktioniert.“ Zum Beispiel sei nicht jede Nähmaschine geeignet, um daraus Taschen herzustellen. „Sie muss stark sein“, sagt Ali. Wichtig sei zudem, das Material gründlich zu sichten; beschädigte Stellen müssten markiert und weggeschnitten werden.

Beschädigte Stellen? Ja, die gibt es. Denn die Gummiplanen, aus denen Ali Taschen und Rucksäcke näht, sind die Reste von Schlauchbooten, auf denen Flüchtlinge versucht haben, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Flüchtlinge wie der 35-jährige Pakistaner selbst, der jetzt im karierten Hemd in einem Raum des Coworking-Spaces Moos im Berliner Stadtteil Alt-Treptow sitzt und mit ruhiger Stimme von seiner Arbeit erzählt – und von seiner Flucht: damals, im Jahr 2015, als er wie Zehntausende andere die Fahrt über das Meer nach Griechenland wagte. Nicht alle schafften es. Ali hatte Glück, das weiß er. Aber manchmal kommt beim Nähen die Erinnerung wieder hoch. „Es ist schon komisch“, sagt er. „Gerade am Anfang musste ich öfter mal eine Pause einlegen und eine Zigarette rauchen gehen.“

Gründung als gemeinnütziger Verein

Die Nähmaschine rattert, nach kurzer Zeit ist die Innentasche fertig. Ali steht auf und geht zu einem Regal. „Hier kommt die später rein“, sagt er und zeigt einen dunkelgrünen Rucksack. Daneben hängen und liegen weitere Taschen und Rucksäcke; das Sortiment von Mimycri umfasst elf verschiedene Modelle. Auch Sneakers sind inzwischen dabei. Pro Monat würden 50 bis 100 Artikel verkauft, sagt Gründerin Vera Günther, die am Nebentisch E-Mails bearbeitet. Der Verkauf läuft über den eigenen Onlineshop, aber auch über ausgesuchte Plattformen, wie die auf Nachhaltigkeit abonnierte Shoppingplattform Avocadostore. Mimycri kooperiert mit stationären Läden in Berlin und München, nach Absprache können Onlinebestellungen auch vor Ort in Alt-Treptow abgeholt werden – Multichannel-Handel im kleinen Maßstab.

Die Idee, die schließlich im Sommer des Jahres 2017 zur Gründung von Mimycri führt, kommt Vera Günther und Nora Azzaoui irgendwann im Laufe der Jahre 2015 und 2016, als sie mehrmals als freiwillige Helferinnen auf der griechischen Insel Chios sind. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle betreuen sie dort ankommende Migranten, die völlig erschöpft von der Fahrt über das Meer sind. Keine leichte Aufgabe. Bei einem TedX-Talk an der Ruhr-Universität in Bochum erzählt Günther später von einem Moment, der sie seitdem nicht mehr loslässt: Unter den ankommenden Flüchtlingen ist eine Frau, die verzweifelt ein Kleiderbündel an sich presst. Die Helfer nehmen es ihr weg, um sich besser um die Frau kümmern zu können. Erst da bemerkt Günther, dass in dem Bündel ein Baby steckt. Es ist eine Geschichte mit glücklichem Ausgang: Dem Baby geht es gut, der Mutter auch. Dennoch hinterlässt die Begegnung Spuren.

Die Freiwilligen räumen auch an den Stränden der griechischen Insel auf. Dort werden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise haufenweise Gummiboote angespült, mit denen Menschen das Meer überquert haben. Die Idee der beiden Gründerinnen: Es müsste doch möglich sein, aus dem Material Gebrauchsgegenstände herzustellen. Sie gründen Mimycri als gemeinnützigen Verein, im Herbst 2017 beginnt die Produktion von Taschen und Rucksäcken, die ersten Bestellungen werden ausgeliefert. Eigentlich haben beide schon Vollzeitjobs: Azzaoui ist in einer Unternehmensberatung tätig, befasst sich mit Strategieentwicklung und der Innovation von Geschäftsmodellen; Günther arbeitet für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

„2018 haben wir gekündigt“, erzählt Günther. „Es kam der Punkt, an dem wir uns einfach entscheiden mussten, ob wir das nun mit aller Kraft versuchen oder nicht.“ Bereut habe sie die Entscheidung nie, so die 32-Jährige. Das Konzept funktioniere, sie könnten sich selbst und ihren Angestellten Gehälter zahlen, erklären die Gründerinnen – wenn auch zurzeit noch keine allzu üppigen. „Hätten wir mehr Bestellungen, könnten wir zudem mehr Menschen mit Fluchterfahrung Arbeit geben.“ Unter den aus Syrien, Pakistan und Afghanistan Geflohenen gebe es viele, die Erfahrung in der Textilproduktion mitbrächten.

Bei Mimycri gehören Menschen mit Fluchterfahrung von Anfang an zum Team, so wie Abid Ali aus Pakistan. Sie arbeiten als Schneider, beraten aber auch mit über das Design für neue Produkte. „Wir entwickeln unsere Ideen immer in der Gruppe und nach und nach über mehrere Runden hinweg“, erklärt Günther. Dabei kämen nicht nur bessere Ergebnisse heraus, auch die Wirkung auf die Beteiligten sei groß – das gegenseitige Verständnis wachse. Zu dem festen, derzeit fünfköpfigen Team zählen zudem noch zehn Freiwillige.

 

Die Mimycri-Gründerinnen

Vera Günther (l.) hat vor ihrer Selbstständigkeit für das Bundesministerium für Umwelt und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet. Ihren Master in Public Policy erlangte sie an der privaten Hertie School of Governance.

Nora Azzaoui (M.) arbeitete vor der Gründung von Mimycri als Unternehmensberaterin und hat ihren Masterabschluss in Public Policy ebenfalls an der Hertie School of Governance gemacht.

Kritiker halten Projekt für makaber

Das Material, das ist den Gründerinnen wichtig, stammt nach wie vor von der griechischen Insel und von echten Flüchtlingsbooten. Eine Kooperation mit der Hilfsorganisation „Chios Eastern Shore Response Team“ macht es möglich. „Die räumen dort die Strände auf“, sagt Günther. „Am Anfang haben wir noch selbst gesammelt, mittlerweile wird uns das Material geschickt.“ Die persönliche Verbindung nach Griechenland aber bleibt: Immer noch versuchen die Gründerinnen, ab und zu ein paar Wochen als Freiwillige vor Ort zu sein. Drei bis fünf Prozent des Mimycri-Umsatzes gehen an griechische Flüchtlingshilfsorganisationen.

Was kommt als Nächstes? „Wir wollen wachsen und hoffen, dass es nicht immer bei dem kleinen, gemeinnützigen Verein bleibt“, sagt Günther. Geplant ist eine hybride Struktur: ein kommerzielles Unternehmen in enger Verbindung zum Verein. Gewinne sollen nicht abgeschöpft, sondern in den Verein und damit in das Projekt reinvestiert werden. Und die Gründerinnen haben auch Ideen über den Verkauf der Produkte hinaus: „Wir sehen uns als Designlabor. Die Meetings, in denen wir unsere Ideen entwickeln, wollen wir auch für Unternehmen öffnen – sie können dort mit unserem Material arbeiten oder mit eigenem, das sie mitbringen“, erklärt Günther.

Ob es klappt, bleibt abzuwarten, Aufsehen jedenfalls hat Mimycri schon erregt. Viele Reaktionen sind positiv; so haben Günther und Azzaoui bereits einige Auszeichnungen erhalten: Ihr Start-up darf sich zum Beispiel zu den von der Bundesregierung prämierten „Kultur- und Kreativpiloten 2018“ zählen, hat im gleichen Jahr einen Green Product Award errungen und war 2017 einer der Gewinner des deutschen Integrationspreises. Es gibt aber auch Kritik. „Wir hören sogar relativ oft Vorwürfe, was wir machen, sei makaber – und wir würden das Leid anderer Menschen für unser Geschäftsmodell ausnutzen“, sagt Günther.

Fluchtthema in der Öffentlichkeit halten

Schlimm findet sie das nicht unbedingt. Schließlich solle Mimycri kein Wohlfühlprojekt sein, sondern Reaktionen provozieren und Menschen in den Dialog bringen – auch wenn daraus womöglich ein Streitgespräch wird. „Wir versuchen, die Kritiker zu verstehen, ihnen aber auch unsere Sicht der Dinge zu vermitteln.“ Menschen mit Fluchterfahrung sähen das Projekt im Übrigen überwiegend positiv: „Von ihnen hören wir oft, dass wir Aufmerksamkeit für die Not von Flüchtlingen schaffen und dafür sorgen, dass das Thema in der ­Öffentlichkeit wieder eine Rolle spielt“, sagt Günther. Es sei bemerkenswert, wie wenig in den großen Medien noch über Flüchtlinge berichtet werde, seit Europa seine Grenzen weitgehend dichtgemacht habe.

Dichtmachen will das Mimycri-Team noch lange nicht, die Arbeit geht weiter. Abid Ali hat schon das nächste Stück Gummiplane auf der Nähmaschine liegen. Das gesamte Team teilt sich in Alt-Treptow einen einzigen, lediglich 24 Quadratmeter großen Raum. Dort findet alles statt: vom Designprozess über die Herstellung der Produkte bis zum Versand der bestellten Ware und zu klassischen Büroarbeiten. Ein Umzug ist nicht geplant. Es habe zwar schon einige Angebote für Standorte gegeben, an denen sich Büroarbeiten und Produktionsprozess hätten trennen lassen, erzählt Günther. „Aber wir wollen das nicht. Wir möchten zusammenarbeiten – und dabei voneinander lernen.“ 

Schlagworte: Start-up, Modebranche, Mode, Nachhaltigkeit

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