Kassenbelege

Ist gebongt!

Die neue Kassenbonpflicht, die Steuerbetrug an der Ladenkasse verhindern soll, sorgt seit Jahresbeginn für reichlich Erregung. Über die Geschichte der kleinen Zettel, die seit Jahrzehnten zu einer Selbstverständlichkeit in vielen Hand- und Hosentaschen geworden sind.

Von Marvin Brendel 20.01.2020

© imago images/Westend61

Ein Meilenstein des Handels: Der Kassenbon

Ursprünglich haben Kunden für einen Kassenzettel etwas bekommen – und zwar Geld bei der Bank. Bereits im 18. Jahrhundert wird der Begriff im Bankbereich für einen Auszahlungsbeleg beim Geldabheben benutzt. Aus dem Bankgeschäft findet der Kassenzettel seinen Weg in den Handel: In den vielen Krämer- und Kolonialwarenläden dieser Zeit notieren die Händler die Einkäufe ihrer Kunden traditionell auf einem Stück Papier und addieren am Ende im Kopf die Einzelpreise zusammen.

Ab 1879 kommen die ersten Registrierkassen auf den Markt. Ursprünglich sollen sie vor allem das Verkaufs-​personal dazu verpflichten, alle Einnahmen zu verbuchen und nicht teilweise am Geschäftsinhaber vorbei in die eigene Tasche fließen zu lassen. Dazu verfügen die Kassen über ein Zählwerk, ein Addierwerk für die Einzelpreise besitzen sie jedoch noch nicht. Auch die erste Kasse mit Druckeinheit, 1883 in Großbritannien patentiert, kann zwar die Gesamtsumme eines Einkaufs auf einem Kundenbon ausdrucken und zudem alle Tageseinnahmen auf einer zweiten Papierrolle für den Händler vermerken.

Doch den jeweiligen Endbetrag für die einzelnen Kunden müssen die Verkäufer weiterhin mit spitzem Bleistift berechnen, bevor sie ihn in die Kasse eintippen können. Durch das folgende Drehen einer seitlich an der Kasse angebrachten Kurbel wird der Kassenzettel ausgegeben, gleichzeitig öffnet sich mit einem Klingeln oder Gong die Kassenschublade. Dieses parallele Zusammenspiel zwischen Ausdruck und Geräusch erklärt auch die Herkunft des Wortes Kassenbon.

1907 stellt das US-amerikanische Unternehmen National Cash Register schließlich eine Registrierkasse vor, die sowohl einzelne Preise addieren als auch die Gesamtsumme auf einem Kundenbon ausdrucken kann. Doch aufgrund ihrer hohen Preise verbreiten sich diese neuen Geräte nur langsam. Vor allem kleine Händler halten weiter an ihren Kopfrechenkünsten in Verbindung mit einer einfachen Registrierkasse fest.

Das ändert sich erst mit dem Aufkommen der Selbstbedienungsgeschäfte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die sich aber in Deutschland nach verhaltenen Anfängen erst ab Mitte der 1950er-Jahre verstärkt durchsetzen. Professionelle Handelsketten mit einem großen, griffbereiten Warenangebot verdrängen zunehmend den vertrauten Händler an der Ecke, bei dem die Kunden noch miteinander plauschend darauf warteten, an die Reihe zu kommen.

Selbstbedienung beschleunigt das Einkaufen

Mit der Selbstbedienung wird das Einkaufen deutlich schneller. Soll die Kassenzone dabei nicht zum Nadel-​öhr werden, ist auch bei der Erstellung des Kassenzettels moderne Technik gefragt. Als bahnbrechend erweist sich hier der Nadeldrucker. Bereits in den frühen 1950er-Jahren erfunden, sind die Geräte Ende der 1960er-Jahre klein und erschwinglich genug, um im Handel für den Belegdruck Verwendung zu finden. Ab den späten 1980er-Jahren werden sie überwiegend durch die schnelleren Thermodrucker verdrängt – auch wenn die Kassenbons auf dem dafür nötigen Druckpapier rasch verblassen.

Der Zeitgewinn bei der Ausgabe der Kassenzettel ist umso wichtiger, da diese immer ausführlicher und länger werden. Dafür sorgt nicht nur ihre verstärkte Nutzung als Werbeträger, sondern auch das zunehmend anonymer werdende Verhältnis zwischen Kunden und Händlern. Hinzu kommen die steigenden Mindestanforderungen der Finanzämter an eine absetzfähige Rechnung infolge der 1968 reformierten Umsatzsteuer. Einfach nur die Preise untereinanderzuschreiben und am Ende zu einem Gesamtbetrag zu addieren, reicht nicht mehr aus. Stattdessen geht die Entwicklung hin zu ausführlichen Kassenbelegen mit konkreten Produktbezeichnungen.

Mindestanforderungen an den Bon steigen

Für diese „sprechenden Bons“ muss das Verkaufs​personal anfänglich noch die einzelnen Warennummern eintippen. Mit der Einführung vernetzter Kassensysteme ab Ende der 1970er-Jahre werden die Informationen für den Kassenbon nach dem Scannen direkt aus dem Warenwirtschaftssystem abgerufen.

Heute steht der Kassenbon vor dem Übergang ins Digitalzeitalter. Vorreiter ist der Hard- und Softwarekonzern Apple: Schon 2005 bietet er den Kunden seiner US-Geschäfte einen elektronischen Kassenbon per E-Mail an. Seit 2011 arbeiten auch in Deutschland die ersten Firmen daran, den auf Papier gedruckten Kassenbon durch digitale Lösungen zu ersetzen. Der unscheinbare zerknüllte Kassenzettel – womöglich bald keine Selbstverständlichkeit in der Hosentasche mehr? ●

Der Wirtschaftshistoriker Marvin Brendel ist Betreiber von „Geschichtskombinat“, einer Agentur für wirtschafts- und unternehmens­geschichtliche Recherchen. Exklusiv für das handelsjournal verfasst er die Serie „Meilen­steine des Handels“, die sich mit der Längsschnittanalyse handelsspezifischer Innova­tionen beschäftigt. Haben Sie Fragen, Kommen­tare, Ergänzungen? Dann schreiben Sie an: brendel@geschichtskombinat.de

Schlagworte: Kassenbon, Bonpflicht, Meilensteine des Handels

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