Handelskongress 2015: Digitalisierung in Echtzeit

Der Kunde gibt das Tempo der Transformation im Einzelhandel vor. Damit auch mittelständische Unternehmen dem Taktgeber folgen können, ist mehr unternehmerische Freiheit gefragt.

Von Ralf Kalscheur 08.01.2016

© J Sarbach

Denkwürdig war der Jahreskongress für den Einzelhandel. In Gedenken an die Opfer von Terror, Krieg und Vertreibung richtete sich der Blick der Teilnehmer nach vorn. Trotz angespannter Sicherheitslage hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Zusage ein, vor dem Plenum zu sprechen. Das war mit 1 400 Teilnehmern noch größer als im Vorjahr und bekräftigte mit starkem Beifall die Forderung von HDE-Präsident Josef Sanktjohanser an die Große Koalition: „Die beschäftigungs-, sozial- und energiepolitischen Projekte der letzten beiden Jahre haben die Spielräume insbesondere mittelständisch geprägter Branchen wie des Einzelhandels deutlich eingeschränkt. Die Politik der Verteilung und Regulierung muss darum jetzt beendet werden.“

In der Verantwortung zur Veränderung sieht sich auch der Handel selbst. Sanktjohanser plädierte in seiner Eröffnungsrede für einen Schulterschluss aller Staaten und Unternehmen, um in den Herstellerländern die Arbeitsbedingungen in sozialer wie auch in ökologischer Hinsicht verbessern zu können. In diesem Sinne habe der Handelsverband die Gründung des Textilbündnisses unterstützt. Gesetzliche Regelungen jedoch, die dem Handel die Haftung für die Lieferkette „vom Baumwollfeld bis zum Bügel“ zuwiesen, bezeichnete der HDE-Präsident als ein „völlig untaugliches Instrument“. „Der Handel kann nicht für die gesamte Wertschöpfungskette verantwortlich gemacht werden“, hielt die Bundeskanzlerin in ihrer Ansprache fest.


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HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth bekräftigte in seinem Vortrag die Notwendigkeit politischer Rahmenbedingungen, die den Händlern unternehmerische Freiräume lassen. „Die Debatte um den Ladenschluss ist in Zeiten des 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche geöffneten Onlinehandels anachronistisch. Hier brauchen wir eine Liberalisierung“, sagte Genth. Der Investitionsbedarf im Handel sei durch den wachsenden Digitalisierungsdruck riesengroß. Damit die stationären Unternehmen die Erwartungen des Konsumenten auch online erfolgreich erfüllen könnten, müsse die WLAN-Störerhaftung schnell abgeschafft sowie der Breitbandzugang ausgebaut werden.

„Ich habe Ihr Digitalprogramm gelesen und unterstütze Sie zu 100 Prozent“, sagte EU-Internetkommissar Günther Oettinger (CDU), an den Handelsverband gewandt. Und bemerkte trocken: „Die digitale Infrastruktur ist nicht schlecht. Sie ist mittelmäßig.“ Wie der anspruchsvolle Konsument auf allen Kanälen dennoch spitzenmäßig bedient werden kann, beleuchtete Otto-Konzernvorstand Alexander Birken. „Die disruptive Macht der Verbraucher“ führe zur Entwicklung „intelligenter Echtzeitunternehmen“, denn nur die perfekte Personalisierung und ein bruchfreier Einkauf stellten den Kunden künftig noch zufrieden. Im Prozess der Transformation ist der Handel seines Glückes Schmied. „Das Mindset ist entscheidend“, sagte Birken.

Treiber oder Getriebene? Referenten wie Rewe-Vorstandsmitglied Lionel Souque oder Jerry Storch, Vorstandschef von Hudson’s Bay, sowie die zahlreichen Experten in den Praxis- und Strategieforen ließen keinen Zweifel daran: Wer das Heft des Handelns in der Hand behält, dem bietet die Digitalisierung große Chancen.

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