Flüchtlingshilfe mit Strategie: Nicht die Herkunft zählt

Geldspenden, Warenlieferungen, Ehrenämter: In der Flüchtlingskrise helfen Einzelhändler und ihre Mitarbeiter an vielen Stellen. Bevor die Zugewanderten in den Arbeitsmarkt integriert werden können, müssen jedoch noch viele Hürden überwunden werden.

Von Martin Jahrfeld 03.05.2016

© picture alliance / ZB

Der Lebensmittelhändler Edeka setzt sich auf mehreren Wegen für die Integration von Flüchtlingen ein.

Wie wichtig Babywindeln sein können, stellt man erst fest, wenn sie plötzlich in großer Zahl fehlen. Als Julia Wöhlke ein entsprechender Hilferuf aus einer Hamburger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge erreichte, zögerte die Unternehmerin nicht lange. Die Geschäftsführerin der norddeutschen Drogeriemarktkette Budnikowsky schickte spontan 1 800 Spendentüten mit Eigenmarkenartikeln im Wert von 6 000 Euro an die Unterkunft und linderte so den allergrößten Mangel. Auch Babypuder, Feuchttücher und Binden erwiesen sich für die jungen Mütter und ihren Nachwuchs in der Unterkunft als hochwillkommene, dringend benötigte Zuwendungen. „Da konnten wir helfen, auf diesem Gebiet sind wir schließlich Fachleute“, sagt Wöhlke erfreut. Ihre Spendenaktion betrachtet sie auch als Solidaritätsbekenntnis zu den seit 2015 nach Deutschland eingewanderten Flüchtlingen: „Wir wollen den Menschen, die hier Schutz vor Krieg und Katastrophen suchen, eine Hand reichen und ihnen zeigen, dass sie hier willkommen sind.“


„Wir wollen den Menschen, die hier Schutz vor Krieg und Katastrophen suchen, zeigen, dass sie hier willkommen sind.“ Julia Wöhlke, Geschäftsführerin der Drogeriemarktkette Budnikowsky


Wenn es darum geht, der Not der Flüchtlinge in Deutschland etwas entgegenzusetzen, reagieren viele Einzelhändler ähnlich handfest und pragmatisch wie die Hamburger Familienunternehmerin. Das Spektrum der seit dem vergangenen Jahr von Handelsunternehmen angestoßenen Hilfsaktionen ist so vielfältig wie die Branche selbst: Da werden kostenlos Lebensmittel und andere dringend benötigte Waren geliefert, leer stehende Gewerberäume zur Verfügung gestellt, Lieferwagen ausgeliehen, Spendenaktionen für Deutschlehrbücher und Kinderspielzeug ins Leben gerufen oder auch freiwillige Betreuungsaktionen eigenständig und spontan von der Belegschaft organisiert.


Nicht nur traditionsreiche Mittelständler mit langjährigen Kontakten zu Kommunen und Vereinen, auch die großen Handelsketten sind in ihren Regionen mit vielerlei Ideen und Projekten für Flüchtlinge aktiv. Die 31 Regionalgesellschaften von Aldi Süd in West- und Süddeutschland etwa können selbstständig entscheiden, wo und in welchem Umfang sie Hilfeleistungen anstoßen. „Unsere Organisationsstruktur und die dezentrale Verteilung unserer Logistikzentren ermöglichen es, nachbarschaftliche Unterstützung unbürokratisch und einfach dort zu leisten, wo konkreter Bedarf entsteht. Dies geschieht zum Beispiel durch Produktspenden, Getränkespenden für ein Flüchtlingsfest oder die Spende von Hygieneartikeln und Lebensmitteln für Erstaufnahmeeinrichtungen“, berichtet Unternehmenssprecherin Kirsten Geß. Eine der Regionalgesellschaften stellte eine leer stehende Filiale als Unterkunft zur Verfügung. Eine weitere unterstützte den Betrieb einer Talentwerkstatt. Die Sympathie der Belegschaft für derartige Aktionen sei in der Regel groß: „Einige unserer Mitarbeiter engagieren sich ehrenamtlich. In einer Regionalgesellschaft geben Mitarbeiter beispielsweise Sprachunterricht in einem Flüchtlingsheim. Wir möchten von den verschiedenen Projekten keines herausstellen, sondern begrüßen die Vielseitigkeit der verschiedenen Aktionen“, betont Geß.


Fokusthema: Flüchtlinge im Handel

Die Zahl der nach Deutschland geflohenen Menschen ist so groß wie die Herausforderung ihrer dauerhaften Integration. Zu deren Gelingen kann der Handel viel beitragen.

In unserem Fokusthema
stellen wir einen Händler und seinen neuen Mitarbeiter aus Syrien vor
beleuchten wir die Mammutaufgabe mit Zahlen und Fakten
besuchen wir einen Mut machenden Globetrotter
erläutern wir formale Beschäftigungsfragen


Nicht jeder sucht die Öffentlichkeit

Aldi Süd befindet sich mit derartigen Initiativen in guter Gesellschaft. Laut einer Umfrage des EHI Retail Institute unter 80 Handelsunternehmen engagieren sich derzeit mehr als drei Viertel aller befragten Unternehmen in irgendeiner Weise in der Flüchtlingshilfe. Fast alle der Befragten möchten ihre Mitarbeiterteams am Engagement für Flüchtlinge teilhaben lassen. Weit weniger eindeutig ist das Stimmungsbild jedoch bei der Frage, inwieweit diese Hilfe für Öffentlichkeitsarbeit und Imagewerbung taugt. Dem alten Grundsatz „Tue Gutes und rede darüber“ vertraut längst nicht jedes Unternehmen. Lediglich 41 Prozent der befragten Händler sind der Überzeugung, dass ihr gesellschaftliches Engagement auch für die externe Kommunikation genutzt werden sollte. Doch nahezu die Hälfte aller befragten Unternehmen will das eigene Engagement in der Öffentlichkeit eher nicht dargestellt sehen.


Initiativen

Die deutsche Wirtschaft bündelt ihre Integrationsinitiativen für Flüchtlinge. 35 namhafte Unternehmen haben sich dem Netzwerk „Wir zusammen“ angeschlossen
Mit der Plattform „Work for Refugees“ verfolgen der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin und die Stiftung Zukunft Berlin das Ziel, Flüchtlinge in Arbeit zu vermitteln
Ebenfalls in der Hauptstadt tätig ist die Ausbildungs- und Berufsinitiative Arrivo zur Integration von geflüchteten Menschen in den Berliner Arbeitsmarkt
In Hamburg engagiert sich die W.I.R – work and integration for refugees


Das gespaltene Meinungsbild vermag wenig zu überraschen. Schließlich polarisiert das Thema Flüchtlingseinwanderung die deutsche Öffentlichkeit derzeit so stark wie kaum ein anderes Thema der vergangenen Jahrzehnte. Die Sorge vieler Unternehmer, bei einer allzu offensiven Kommunikation ihres Engagements an Sympathie bei den Kunden zu verlieren, ist offenbar groß. Denn kalt lässt dieses Thema derzeit kaum jemanden: Rund zwei Drittel der in der Flüchtlingshilfe engagierten Händler glauben, dass sich ihr Einsatz auf das Unternehmensimage auswirken wird. Die eine Hälfte rechnet mit positiven, die andere Hälfte mit negativen Reaktionen.

Zurückhaltend reagiert ein Großteil der Branche auch auf die Frage, in welchem Umfang bereits zum jetzigen Zeitpunkt Hilfestellungen bei der Integration in den Arbeitsmarkt angeboten werden können. Für viele Personalchefs kommt diese Frage derzeit noch zu früh. Sie verweisen darauf, dass zunächst die Behörden ihre Hausaufgaben machen und den Unternehmen ein Mindestmaß an Rechtssicherheit bieten müssen. Solange der Aufenthaltsstatus der meisten Flüchtlinge nicht abschließend geklärt ist, die fachliche Einstufung der Arbeitsuchenden kaum begonnen hat und auch keine ausreichenden Deutschkenntnisse bestehen, bleiben viele Unternehmen in der Reserve: „Überall dort, wo in diesem Zusammenhang Anfragen von anerkannten Institutionen bezüglich konkreter Unterstützung an unser Unternehmen herangetragen werden, prüfen wir diese sehr genau. Vor dem Hintergrund der aktuellen administrativen Erfordernisse, wie beispielsweise Beschäftigungsverbote oder Bleibeperspektiven, prüfen wir auch die Möglichkeiten zur Qualifizierung und Integration von Flüchtlingen“, berichtet Claudius Günther, Pressesprecher Lidl Deutschland.

Praktische Hilfe beim Spracherwerb

Mit einem Angebot der Stiftung Lesen können Unternehmen auf einfache und unbürokratische Weise Hilfe beim Spracherwerb für Flüchtlinge leisten. Die Stiftung bietet eine sogenannte Vorlese- und Erzählbox mit zahlreichen Büchern und anderen Medien an, die von Unternehmen zum Stückpreis von 700 Euro erworben werden können. Jeder Käufer kann die Boxen für Vorleseaktivitäten an Einrichtungen verschenken, die er entweder selbst auswählen oder von der Stiftung Lesen bestimmen lassen kann. Alternativ zu den Vorlese- und Erzählboxen bietet die Stiftung auch kleine Buchpakete an, die drei Titel aus der Box, 30 Maxi-Pixi-Bücher zum Verschenken und einen Flyer mit didaktischen Hinweisen enthalten.

Edeka setzt Massstäbe

Es geht allerdings auch mutiger. So qualifizierte das spanische Textilunternehmen Inditex, zu dem Marken wie Zara und Bershka gehören, 18 Flüchtlinge berufsvorbereitend in seinen Berliner Filialen. Auch bei Edeka engagieren sich einige Händler für die berufliche Integration der Zugewanderten. Kaufleute von Edeka Minden-Hannover unterstützen im Raum Berlin das Projekt „FairWelcome“, das geflüchtete Menschen auf der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz begleitet. Im Raum Hamburg will Edeka in nächster Zukunft zehn bis 15 Flüchtlinge als Auszubildende einstellen und für die Kernberufe Verkäufer/-in mit möglichem Durchstieg zum/zur Kaufmann/-frau im Einzelhandel qualifizieren. Zu diesem Zweck kooperieren die Kaufleute mit ihrer Zentrale und den Edeka-Logistikstandorten sowie dem Berufsbildungswerk Hamburg (BBW). Das Berufsbildungswerk übernimmt die Kontaktaufnahme zu möglichen Interessenten und hält Kontakt zu Integrationsklassen, Flüchtlingsinitiativen, Arbeitsagentur, Kammern sowie Ausländer- und Schulbehörde. Entsprechend deutlich ist das Bekenntnis des Unternehmens: „Für Edeka kommt es nicht auf die Herkunft an, sondern auf Engagement, soziale Kompetenz und die Lust auf Bildung. Eigenschaften, die auch in der aktuellen Flüchtlingssituation von zentraler Bedeutung sind, denn sie sind Schlüssel für eine erfolgreiche Integration“, betont Sprecherin Laura-Mareike Hohls.

Dass es sich bei solchen Bekenntnissen nicht nur um Marketing handelt, dokumentiert Edeka auch als Partner der Integrationsinitiative „Geh deinen Weg“, die sich der Förderung von jungen Talenten mit Migrationshintergrund verschrieben hat. Bei einer Abendgala der Stiftung in Berlin beeindruckte vor allem ein im Herbst 2015 nach Deutschland geflüchteter Iraker die Gäste. Der 20-jährige ehemalige IT-Student rührte das Publikum mit einer Dankesrede in nahezu makellosem Deutsch. Die Sprachkenntnisse hatte er sich zuvor in wenigen Wochen in seiner Flüchtlingsunterkunft im Selbststudium angeeignet.

Schlagworte: Flüchtlinge, Lebensmitteleinzelhandel, Migrationshintergrund, Strategie, Supermärkte

Kommentare

Ihr Kommentar