Ein Leben für den Laden

Josef Stenten ist 94 Jahre alt und arbeitet seit 65 Jahren Tag für Tag in seinem Lebensmittelladen. Vom Kundenbindungsprogramm des Kaufmanns alter Schule können sich jüngere Händlergenerationen ein Scheibchen abschneiden.

Von Ralf Kalscheur 21.05.2019

© Andreas Steindl

Josef Stenten (Mitte) arbeitet seit 65 Jahren in seinem Lebensmittelladen. Sein Sohn Josef Stenten junior (rechts) und dessen Sohn Max Stenten führen die Geschäfte in zweiter und dritter Generation fort.

Jedes Jahr Anfang Dezember geben rund 300 Kinder bei Rewe Stenten ihren Nikolausstiefel ab, seit einem Vierteljahrhundert schon. Am Nikolaustag kommen sie wieder, um den mit Süßigkeiten gefüllten Stiefel abzuholen. Verkleidet mit weißem Bart und roter Kutte, lässt sich Josef Stenten mit jedem Kind fotografieren. Danach kommen die Kunden ein drittes Mal in den Supermarkt, um das Foto mit dem Nikolaus entgegenzunehmen.

Josef Stenten, den Stammkunden liebevoll Opa Stenten nennen, dreht immer noch jeden Tag seine Runden im Markt, drei Stunden vormittags und zwei nachmittags. Der 94-Jährige achtet darauf, dass alles ordentlich aussieht, rückt Auslagen in der Frischeabteilung zurecht und kontrolliert Verfallsdaten. Für Verschnaufpausen setzt er sich in einen Korbstuhl, den ihm der Einkaufswagen­fabrikant Wanzl geschenkt hat und der in der Nähe des Eingangs steht. Die Menschen lächeln, wenn sie dem Herrn mit der Baskenmütze begegnen, geben ihm die Hand und erkundigen sich nach seinem Wohlergehen.

„Früher hatte man noch mehr Zeit für ein kurzes Pläuschchen“, erinnert sich der Seniorchef. Heute müsse man Tempo machen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Doch offenbar wissen Verbraucher auch im Zeitalter der Digitalisierung ein freundliches Wort zu schätzen, das den eher anonymen Routineablauf der zügigen Einkaufsverrichtung unterbricht. Sie wählten Rewe Stenten vor drei Jahren zum Lieblingsmarkt des Jahres in Deutschland.

 

Pralinchen für die Damen

Wie geht es Ihnen? „Wenn ich im Markt bin, immer gut!“, sagt Josef Stenten. Für Hobbys hatte der Aachener Händler nie viel übrig. Seine Frau Irmgard verstarb 2012. „Sollte ich mal nur noch eine Stunde auf den Beinen sein können, dann möchte ich diese hier verbringen.“ Opa Stenten ist eine Identifikationsfigur für den Supermarkt, ein Wein und ein Schinken sind nach ihm benannt. „Mein Vater ist ein Vorbild für unsere 108 Mitarbeiter“, erzählt Marktleiter Josef Stenten junior. „Er lebt ihnen täglich seine Freundlichkeit im Umgang mit Kunden vor und vermittelt eine familiäre Stimmung im Markt.“ Gattin Margit Stenten managt die Finanzen, und ihr gemeinsamer Sohn Max, der vor fünf Jahren ins Unternehmen kam, schickt sich an, in Zukunft die Geschäftsführung in dritter Generation zu übernehmen.

Die Emotionalisierung von Loyalty-Programmen voranzutreiben, ist für den Stationärhandel eine Kernaufgabe der Kundenbindungsstrategie. Bonus- und Rabatt­aktionen, die Digitalisierung von Kundenkarten und personalisierte Angebote gehören zum Instrumentarium zahlreicher Retailer. Einen „Wurst-Dollar“-Gutschein, auf dem der Seniorchef mit einer gerollten Scheibe Schinkenwurst zwischen den Fingern abgebildet ist, gibt es allerdings nur bei Rewe Stenten in Aachen. Opa Stenten steckt ihn Kindern zur Einlösung an der Metzgertheke zu und „den Damen“ derweil kleine Aufmerksamkeiten wie Pralinen. Die im Aachener Ortsteil weltberühmten Lautsprecherdurchsagen von aktuellen Angeboten, nicht selten garniert mit lockeren Sprüchen im Öcher Platt, überlässt Josef Stenten aber mittlerweile seinem Sohn. Das gegenseitige Vertrauen, sagt Opa Stenten, sei die Stärke des Familienunternehmens.

 

Minipreise haufenweise

Der 94-Jährige hat die Evolution des Lebensmittel­einzelhandels aus nächster Nähe miterlebt. Josef Stenten arbeitet nach dem Krieg zunächst als Bauer, bis sein Vater den Pachthof aufgeben muss. Seine Schwester Maria absolviert zu dieser Zeit gerade eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. So kommen Josef Stenten und seine Frau Irmgard 1954 auf die Idee, gemeinsam einen Lebensmittelladen aufzumachen. „Ich hatte ja gute Verbindungen zu den Bauern“, erzählt Stenten. Den Kunden schmeckt das frische Angebot. Schon zwei Jahre später vergrößern sich die Stentens von 40 auf 120 Quadratmeter Ladenfläche.

In den 1960er-Jahren eröffnen vermehrt nach amerikanischem Vorbild konzipierte Supermärkte in Deutschland. Auch in Aachen bildet ein über 1 000 Quadratmeter großer Nutzkauf-Markt bald eine übermächtige Konkurrenz. „Minipreise haufenweise“ schreibt Josef Stenten ins Schaufenster, doch das reicht nicht mehr. Die Familie geht mit der Zeit und investiert 1968 in die Übernahme eines 1 800 Quadratmeter großen Gebäudes in Aachen. Weil sich das Geschäft über zwei Ebenen erstreckt, lässt Josef Stenten einen geneigten Fahrsteig zur Beförderung von Einkaufswagen installieren. „Das war die erste Korbwagen-Mitnahmeanlage in Deutschland und damals eine echte Attraktion“, erinnert sich der Seniorchef.

1979 eröffnet die Familie schließlich den 3 600 Quadratmeter großen Markt am heutigen Standort Krugenofen im Stadtteil Burtscheid, der zunächst Extra heißt, dann Comet und schließlich seit 2008 unter der Flagge von Rewe segelt. Täglich kommen im Durchschnitt gut 4 000 Kunden – und solange Opa Stenten sie im Laden begrüßt, werden die meisten von ihnen mit einem Lächeln einkaufen.

Schlagworte: Portrait, Lebensmitteleinzelhandel

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