Living

Einer für Halle

Relaxdays wächst dieses Jahr erneut um 50 Prozent auf 50 Millionen Euro Umsatz, kündigt Martin Menz an. Nur ein Etappenziel für den 34-jährigen Gründer und seinen Onlineshop rund um die Themen Wohnen, Garten und Freizeit. Er will große Handelsketten als Kunden gewinnen.

Von Ralf Kalscheur 22.10.2019

© Relaxdays

Ärmel aufgekrempelt: Martin Menz (34) hat sein Unternehmen Relaxdays mit viel Fleiß und ohne Investorengeld zu beträchtlicher Größe geführt. Durch Internationalisierung des Geschäfts in Europa und Kon­zentration auf den B2B-Bereich treibt er das Wachstum.

Vor der Wende wurde in den ehemaligen Karosseriewerken Halle (Saale) der Wartburg 353 „Tourist“, die Kombivariante der kastenförmigen Oberklasse mit Zweitaktmotor, zusammengeschraubt. Heute sitzen die Software-Entwickler und Marketeers von Relaxdays in den Büro- und Produktionsgebäuden und justieren die Stellschrauben einer hochmotorisierten Verkaufsmaschine, die geschmeidig immer höher dreht. 2015 knackte der Onlineshop für Einrichtungs-, Garten- und Freizeitartikel die Marke von zehn Millionen Euro Umsatz. 2018 konnte das Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr um gut 50 Prozent auf 31 Millionen Euro zulegen. Und auch für 2019 erwartet Martin Menz wieder ein Umsatzwachstum von mehr als 50 Prozent auf dann „mehr als 50 Millionen Euro“.

„Unsere Entwicklung ist auf Nachfrage begründet, wir erzielen Erträge“, betont der Gründer, alleinige Inhaber und CEO von Relaxdays. Der 34-Jährige sucht nicht das schnelle Wachstum um jeden Preis und kommt seit der Shoperöffnung im Jahr 2008 ohne Investoren aus, die ihn dazu treiben könnten. Sein Gemischtwarenladen rund ums Thema Living umfasst mittlerweile mehr als 6. 000 Artikel; wöchentlich werden „50 bis 60 neue Artikel ins breite und tiefe Sortiment aufgenommen“, erzählt Menz. Die Angebotspalette, vorgehalten auf insgesamt 45. 000 Quadratmetern angemieteter Lagerfläche im Raum Halle, reicht von kleinen Wohn- und Gartenmöbeln sowie allerlei Accessoires über Lampen und Küchenausstattung bis hin zum Tier-, Camping- und Fahrradzubehör im Freizeitbereich.

In den Regalen von Rewe

„Seit drei Jahren bieten wir in unserem Onlineshop ausschließlich Eigenmarken an“, sagt Menz. Die Produkte lässt er günstig in Asien produzieren. Entwicklung und Design behält der Unternehmer jedoch im eigenen Haus. Auch in den Bereichen Marketing und IT lässt Menz kaum Know-how nach außen abfließen. Relaxdays unterhält eine eigene Serverlandschaft, die Weiterentwicklung und Pflege der selbst entwickelten digitalen Lagerlogistik stemmen Angestellte, die zudem den Webshop um ein Modul für Geschäftskunden erweitert haben. Großabnehmer sollen sich bei Relaxdays auf eine unkomplizierte, stabile Anbindung verlassen können. „Wir inszenieren alle neuen Artikel mit Fotos, Produktbeschreibungen und Videos“, erklärt Menz. Allein 60 Mitarbeiter kümmerten sich um die Contentproduktion. „Wir schnüren für jedes Produkt ein Rundum-sorglos-Paket für unsere Partner.“

Das Techunternehmen mit Sitz in einem zwar baulich ansprechenden, namentlich jedoch nicht unbedingt klangvollen Mittelzentrum ist darauf angewiesen, Fachkräfte zu gewinnen und an sich zu binden. Um den Talentpool in Dresden anzuzapfen, bauen die Hallenser dort ihren IT-Standort aus. „Weitere Offices werden folgen“, sagt Menz und hat Leipzig und Magdeburg dafür im Blick. In der Heimatstadt arbeitet der Ausbildungsbetrieb eng mit der Martin-Luther-Universität Wittenberg-Halle zusammen. Doch Menz, der gebürtige Hallenser, ist auf die Stadtspitze nicht gut zu sprechen. „Ich ärgere mich über die Politik und fühle mich von der Stadt nicht gut unterstützt. Wo bleibt das schnelle Internet? Deutschland ist im Begriff, seine Zukunft zu verspielen“, beklagt Menz. Der Unternehmer kann sich vorstellen, in 20 Jahren selbst mal Bürgermeister von Halle zu werden.

Auf etwa fünfzig-fünfzig beziffert Menz das Verhältnis von B2B- und B2C-Geschäft; den Großteil der Kunden erreicht Relaxdays über Plattformen, vor allem Amazon. Doch auch wenn die Mitarbeiter im Fulfillment täglich bis zu 5. 000 Bestellungen von Endkunden bearbeiten – Menz' vier Führungskräfte auf Geschäftsführerebene sollen ihm vor allem größere Fische ins Netz treiben. Mit Polens größtem Onlinemarktplatz Allegro sowie einer Kette des in Schieflage geratenen Möbelkonzerns Steinhoff arbeite Menz bereits zusammen. Mit den Lebensmittelkonzernen Rewe und Lidl sei er in Gesprächen. „Rewe wird bald Produkte von Relaxdays ins Angebot nehmen“, kündigt Menz an und setzt damit ein Ausrufezeichen.

„In den kommenden fünf Jahren werden wir in weitere, kleinere europäische Länder expandieren.“

Martin Menz CEO von Relaxdays

Karrierestart mit Kopfkratzern

Seine Karriere im Onlinehandel startet Menz im Jahr 2006 mit einem Kopfmassagegerät. Das an einen aufgeplatzten Rührbesen erinnernde Gerät entdeckt er durch Zufall im Urlaub. Der damals 20-Jährige verkauft zehn Stück davon auf Ebay und bemerkt eine überraschend starke Nachfrage, die er aus dem Wohnzimmer seiner Eltern heraus bedient. Angesichts von bis zu drei Euro Gewinn pro Kopfkratzer entschließt sich Menz, ein Büro und ein kleines Lager anzumieten und sein BWL-Studium auf Eis zu legen. Geschäftskunden auf der Suche nach originellen Werbegeschenken nehmen dem Gründer Hunderte Massagegeräte ab.

„Ich habe dann ein Wellnesssortiment rund um diesen ersten Verkaufsschlager aufgebaut und unter dem Namen ‚Relaxdays‘ 2008 meinen eigenen Webshop eröffnet.“ Damals hat die Firma zehn Mitarbeiter. Das Wachstum treibt Menz durch Internationalisierung voran. 2011 sind seine Produkte schon in fünf europäischen Ländern erhältlich. „Unser Fokus liegt auf den bevölkerungsreichen europäischen Märkten, aktuell bieten wir unser Angebot in sieben Sprachen an. In den kommenden fünf Jahren werden wir in weitere, kleinere europäische Länder expandieren“, sagt Menz.

Durch die Zusammenarbeit mit großen Handelsmarken hofft Menz künftig in neue Umsatzdimensionen vordringen zu können. „Wir haben uns vorgenommen, die Umsatzgrenze von 100 Millionen Euro zu reißen.“ Relaxdays beschäftigt 260 Mitarbeiter auf seinem – angesichts der angejahrten Bausubstanz etwas hochfliegend „Campus“ genannten – Betriebsgelände in Halle; im nächsten Jahr sollen „50 bis 100“ neue Kollegen hinzukommen, erwartet Menz.

Intensive Markenpflege

Sein kleines Büro ist schmucklos, er teilt es sich mit einem Mitarbeiter. „Ich bin nicht allzu oft hier“, gibt Menz freimütig zu. Seine Anteile an Relaxdays brachte der Alleingesellschafter im Jahr 2017 in die Rollercoaster Ventures GmbH ein. Er betreibt die Gebäudeverwaltung Menzer Service & Dienstleistungs GmbH und die Personalvermittlungsagentur HomeBase. „Meine Hauptaufgabe bei Relaxdays ist mittlerweile der Bereich Human Resources“, erzählt Menz. „Wir haben stabile Firmen- und Führungsstrukturen. Das Board mit vier Geschäftsführern trifft die Entscheidungen in den Fachbereichen. Ich sehe mich als erster Berater des Unternehmens.“

Der Konferenzraum sieht deutlich wohnlicher aus, die Möbel habe er bei Home24 erworben, erzählt Menz augenzwinkernd. Er will nicht ausschließen, den Berlinern künftig auch bei großformatigeren Möbelstücken Konkurrenz zu machen. „Wir wollen uns nicht auf bestimmte Produkte festlegen.“ Ausflüge in die stark umkämpften Bereiche Elektro und Textil sind jedoch nicht vorgesehen: Relaxdays sei mit dem Angebot ganzjährig gefragter Bedarfsartikel breit genug aufgestellt, um saisonale Schwankungen im Garten- und Freizeitbereich auszugleichen.

Das Stigma des „Billigheimers“ will Menz nicht auf sich sitzen lassen. „Wir sind nicht der günstigste Anbieter am Markt. Unser Ziel ist es, von Kunden online gut bewertet zu werden und Relaxdays als Marke zu etablieren.“ Ob er darüber nachdenke, perspektivisch auch Läden zu eröffnen? „Ja, ich denke darüber nach“, erklärt Menz: „Allerdings keine typischen Stores, sondern eine Mischung aus Kontakt- und Erlebnisräumen.“

Schlagworte: Onlineshop, Relaxdays, Wohnen, Garten, Freizeit

Kommentare

Ihr Kommentar