Cowsharing

Teilen liegt im Trend. Das gilt nicht nur für Autos oder Wohnungen, sondern neuerdings auch für Kühe, wie der Online-Fleischversender Besserfleisch belegt. Doch die Tücke liegt in der Logistik.

Von Swantje Friedrich 27.08.2019

© Besserfleisch

Voll im Trend: Crowdbutchering und Cowsharing.

May-Britt Wilkens fährt einen alten Kombi, den sie gemeinsam mit Freunden nutzt. „Die brauchen ihn am Wochenende, ich unter der Woche, das passt ganz gut.“ Ums Carsharing soll es an diesem Tag nicht gehen, ums Teilen aber schon. Denn das liegt bekanntlich im Trend – das wusste auch die heute 32-Jährige, als sie 2016 den Online-Fleischversand Besserfleisch gründete. Motto: „Cowsharing –​ Wir teilen uns eine Kuh!“ Das Prinzip: Die Kunden bestellen Fleischpakete von Rindern aus artgerechter Haltung. Erst wenn das ganze Tier verkauft ist, wird es geschlachtet und das Fleisch in Fünf-Kilogramm-Boxen verschickt.

Damit sie bald wieder im Onlineshop frische Steaks, Würste und Innereien anbieten kann, ist Wilkens auf dem Weg zu Bauer Olaf Tretow, Betreiber des Landschaftspflegehofs Beild bei Bad Oldesloe. Der 55-Jährige erwartet sie schon am Rande seiner Weide, in der linken Hand eine Heugabel. Zehn Meter weiter kauen seine Galloways gemütlich vor sich hin. Es ist die Mutterkuhherde; die Tiere haben auf der großen Obstbaumwiese für die Kalbung einen ruhigen Platz gefunden.

Stolz zeigt Tretow auf den Paddock, den er vor Kurzem gebaut hat, damit seine Rinder das ganze Jahr über im Freien auf festem Untergrund stehen können. Eine Lehre aus dem Jahr 2018, als sich die Galloways nach einem außergewöhnlich regenreichen Jahresstart auf dem nassen Grund fast die Beine brachen. Es folgte ein viel zu trockener Sommer, der zu einem massiven Futtermangel führte. „Solche Extreme habe ich noch nicht erlebt“, erinnert sich der Landwirt.

Idyllische Bilder

Heute stehen er und Wilkens auf der Weide und besprechen, wann und wie viele Tiere der Hof in nächster Zeit liefern kann. Seit 2017 arbeiten die Jungunternehmerin und der Biobauer zusammen. Er kümmert sich um die Tiere, sie um die Vermarktung übers Internet sowie den Vertrieb. Bei der Eröffnung der Landwirtschaftsmesse „Grüne Woche“ sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU), städtische Sichtweisen und ländliche Kraftzentren seien aufeinander angewiesen. Das passende Bild dazu gibt es hier: Wilkens, die braunen Haare zum Dutt gebunden und matschgeschützt durch Gummistiefel mit Blümchenmuster, neben Tretow, windgeschützt in grauer Fleecejacke, von Kopf bis Fuß mit Heu bestreut.

Vor zweieinhalb Jahren startete Wilkens, die ursprünglich Übersetzerin war und mehrere Jahre in China gelebt hat, die Partnerschaft mit einem „Großeinkauf“ von zehn Tieren. „May-Britt ersetzt mir eine komplette Arbeitskraft“, erzählt Tretow, der früher einen Teil des Gallowayfleisches direkt vermarktete. „Der Zeitaufwand war enorm, heute könnte ich das nicht mehr.“ Ein „fairer Deal“ sei das, denn Besserfleisch zahle mehr als den üblichen Marktpreis.

Wie viel genau, will Wilkens nicht verraten, aber man liege „deutlich darüber“. Auf der Website des Unternehmens, das sie seit 2017 betreibt, werden die zurzeit elf Partnerhöfe vorgestellt – mit idyllischen Bildern und Geschichten zu den Bauern. Auch auf Social-Media-­Kanälen trommelt das Start-up für seine Produkte und einen bewussten Fleischkonsum.

Etwa ein Tier pro Woche bietet Besserfleisch an. Daraus ergeben sich bis zu 40 Pakete, deren Preis zwischen 129 und 199 Euro pro fünf Kilo liegt, inklusive Versandkosten. Zum Vergleich: Die gesamte deutsche Fleischwirtschaft schlachtet laut Statistischem Bundesamt knapp 9 500 Rinder pro Tag. 60 Kilogramm Fleisch isst jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr – möglich machen dies Großschlachthöfe und Massentierhaltung. Nur wenige Bauern vermarkten ihre Produkte direkt, etwa jeder zwanzigste Betrieb ist es zurzeit laut dem Deutschen Bauernverband (DBV). Gerade Höfe in bevölkerungsarmen Regionen haben es schwer.

Foodtrend Crowdbutchering

Den Absatzkanal Internet, den neben Besserfleisch noch andere Anbieter nutzen (siehe Kasten auf Seite 16), sieht der Bauernverband positiv. „Das ist eine neue Variante der klassischen Direktvermarktung, die wir unterstützen“, sagt DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken. „Es ist im Moment sicher noch eine Nische, aber sie hat Potenzial.“ Zurzeit sei dieser Weg jedoch nur für sehr wenige Betriebe eine Möglichkeit, für einen kleinen Teil ihrer Tiere einen adäquaten Mehrerlös zu erzielen. Der Anteil liege unter einem Prozent.

Auf der Weide beobachten Tretow und Wilkens gerade zwei Jungtiere, die zwei Meter entfernt kämpfend die Rangordnung klären. „Meine Galloways dürfen alles machen“, sagt der Bauer, der laut eigener Aussage „kein Biofanatiker“ ist. Man solle die unterschiedlichen Arten, Landwirtschaft zu betreiben, nicht gegeneinander ausspielen. „Viele Kollegen stecken in finanziellen Zwängen.“ Er selbst jedoch habe „keine Lust auf Massentierhaltung“.

Früher, erinnert sich Tretow, war es ganz normal, dass sich Dorfbewohner gemeinsam ein Tier teilten. Für die moderne Variante wurde der Begriff „Crowdbutchering“ erfunden: eine Verbindung aus den englischen Worten crowd (Menge) und butchering (schlachten). Heute kaufen die meisten Menschen möglichst billig im Supermarkt, ohne zu wissen, woher das Fleisch kommt. Und so ist es vor allem der Transparenzgedanke, den die Online-Start-ups hervorheben.

May-Britt Wilkens etwa betont, Transparenz und gute Tierhaltung seien wichtiger als das Etikett „Bio“: „Viele Siegel sind verwirrend und nicht aussagekräftig. Wenn ich Olafs Tiere sehe, weiß ich einfach, dass es denen gut geht.“ Dennoch arbeitet Besserfleisch zurzeit nur mit Biohöfen zusammen, die sich allesamt in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern befinden.

Mangel an Landmetzgereien

Künftig will das Unternehmen auch Schwein anbieten. Eine der Schwierigkeiten bestehe darin, Partnerhöfe zu gewinnen, die den eigenen Ansprüchen genügen. Wilkens: „Wir haben jetzt aber einen Bauern gefunden, der seine Schweine ganzjährig draußen hält.“ Geschlachtet und zerlegt werden die Tiere in kleinen Landmetzgereien – die in Zeiten von fehlendem Fachkräftenachwuchs ebenfalls Mangelware sind. Die Betriebe müssen klein genug sein, um eine „sanfte“ Schlachtung zu praktizieren, aber groß genug, um genügend Tiere verarbeiten zu können. „Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Höfen, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind“, erzählt Wilkens. „Aber im vergangenen Jahr konnten wir keine mehr aufnehmen, weil die Kapazitäten bei Schlachtereien und Mitarbeitern fehlten.“ Das Verpacken erledigt die Chefin selbst – unterstützt von Helfern. Versendet wird gekühlt per Express.

Auf kritische Einwände zum Verpackungsaufwand und zu den Transportwegen entgegnet sie, dass auch das Fleisch aus dem Fachgeschäft und die Tiere selbst meist weite Strecken zurücklegen müssten. „Der Knackpunkt ist vielmehr die Logistik.“ Die Fleischlieferung muss noch am selben Tag in den Kühlschrank gepackt werden – für manche Berufstätige nicht so einfach umzusetzen.

Das Interesse der Verbraucher scheint indes, zumindest auf dem Papier, vorhanden: Laut dem „Ernährungsreport 2018“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums bekunden etwa 90 Prozent der Deutschen ihre Bereitschaft, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, wenn die Tiere besser gehalten würden, als es die Gesetze vorschreiben. Wilkens ist mit der Entwicklung ihres Unternehmens jedenfalls zufrieden: „Ich bin an einem Punkt angelangt, dass ich davon leben kann.“

Eine kleine Übersicht über deutsche Fleischversender

Kaufnekuh.de

Pionier in Sachen Crowdbutchering ist das Unternehmen Kaufnekuh.de, das mit rund 70 Partnerhöfen zusammenarbeitet und einen eigenen Schlachtbetrieb unterhält. Gegründet wurde es in den Niederlanden, seit Ende 2015 ist es auch in Deutschland aktiv. 

kaufnekuh.de

Mein BioRind

Die Plattform Mein BioRind bietet Rinder aus artgerechter Haltung und ökologischer Aufzucht an, die erst geschlachtet werden, wenn das gesamte Fleisch verkauft worden ist. Auf der Website sind aktuell fünf Partnerhöfe gelistet, darunter auch Halter von Galloways.

meinbiorind.de

Schwarze Kuh

Die Website Schwarze Kuh wird von einer Familie betrieben, die Fleisch vom eigenen Hof verkauft. Im Onlineshop sind Pakete sowie verschiedene Teile von Angusrindern erhältlich, die ganzjährig auf der Weide leben. Zudem besteht die Möglichkeit, ein ganzes Tier zu erwerben.

schwarze-kuh.farm

EinStückLand

Das Start-up EinStückLand setzt ebenfalls auf eine artgerechte Aufzucht der Rinder und konzentriert sich dabei ausschließlich auf Galloways. Erst wenn die Fleischpakete im Internet komplett verkauft sind, werden die Tiere zur Schlachtung abgeholt.

einstueckland.de

Schlagworte: Landwirtschaft, Versandhandel, Marketing, Logistik, Lebensmittelhandel, Onlinehandel mit Lebensmitteln, Besserfleisch, Fleisch

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