Internet of Things

Schlauhaus zu buchen

Der Smarthome-Experte Tink mit Sitz in Berlin und San Francisco will Content-Führer sein. Durch Partnerschaften mit anderen Unternehmen sollen Kunden mehr Services rund um die Tech-Gadgets buchen können. Ziel ist das smarte Zuhause als buchbares Rundum-sorglos-Paket.

Von Jens Gräber 12.11.2019

© tink

Ganz schön smart: Die beiden Tink-Gründer Julian Hueck (links) und Marius Lissautzki wollen das vernetzte, schlaue Zuhause zu einer Dienstleistung machen, die jeder einfach buchen kann. Die Investoren glauben an einen Erfolg.

Wenig bekannte Produkte mit schlechtem Image – so fasst Julian Hueck die Lage auf dem Smarthome-Markt im Jahr 2016 zusammen. „Viele hielten das für Spielzeug für Nerds“, sagt er. Es ist das Jahr, in dem Hueck gemeinsam mit Marius Lissautzki den Smarthome-Anbieter Tink gründet. Die schlauen Geräte, etwa intelligente Heizungsthermostate oder Lichtsysteme, gibt es zwar bei vielen Anbietern zu kaufen, aber Beratung und Hilfe bei der Installation fehlen meist. „Klassische stationäre Händler sind dafür nicht aufgestellt“, glaubt Hueck. Eine Vertrauensmarke für den Endkunden – das soll Tink sein.

Um Vertrauen auf- und Angst vor der Technik abzubauen, setzt Tink viel stärker auf Content, als es andere Pure Player tun. Auf einem eigenen YouTube-Kanal mit rund 7 000 Abonnenten geht etwa Familie Sill regelmäßig der Frage nach, was das Internet der Dinge eigentlich für die eigenen vier Wände bringt. Die vierköpfige Familie sei echt, versichert Hueck. „Ich habe sie bei einer Sendung kennengelernt, in die ich als Smarthome-Experte eingeladen war.“ Jetzt testen die Sills für Tink etwa das smarte Türschloss Nuki; Interessenten können zuschauen und sich dabei gleich selbst eine Meinung bilden.

Pure Player mit Showrooms

Noch einen Schritt weiter gehen die Tests, die auf dem You-Tube-Kanal, aber auch auf der Tink-Homepage selbst abrufbar sind. Da werden Mähroboter im Video vorgestellt; wer einen automatischen Staubsauger sucht, kann sich auf der Homepage durch einen Ratgeber zum Thema klicken. Der Kunde soll Orientierung finden – und im Anschluss möglichst ein Gerät bestellen. Bald sollen diese Inhalte auch über eine Smartphone-App abrufbar sein, von der Tink sich einen noch direkteren Kundenkontakt erhofft.

Apropos Kundenkontakt: Streng genommen ist Tink kein Pure Player mehr, denn es gibt inzwischen drei Showrooms in Berlin und Hamburg, in denen Interessenten Geräte ausprobieren können. „Das Thema Internet der Dinge ist so komplex, dass echte Begeisterung bei vielen Konsumenten erst durchs Ausprobieren aufkommt. Gekauft wird in unserer Kategorie trotzdem in mehr als 80 Prozent der Fälle online“, sagt Hueck. Auch im Showroom können die Kunden ihre Wunschgeräte nicht gleich erwerben, aber aussuchen und bequem nach Hause liefern lassen.

Geschäftszahlen nennt Tink keine, mal abgesehen von der Mitarbeiterzahl: Mehr als 100 seien es derzeit, heißt es. Tech-Nerds sind darunter, aber auch Germanistikstudenten, die dafür sorgen, dass alle Texte für Laien verständlich sind. Die Investoren jedenfalls glauben weiterhin fest an den Erfolg des Start-ups: In einer zweiten Finanzierungsrunde haben die Gründer im vergangenen Herbst weitere zehn Millionen Euro eingesammelt. Ein Grund für die Finanzspritze dürften auch die überaus positiven Marktaussichten sein. Schätzungen gehen davon aus, dass der weltweite Smarthome-Markt bis 2023 auf eine Größe von rund 136 Milliarden Euro wächst. Eine Studie von Deloitte wies bei der Verbreitung von Smarthome-Geräten wie etwa intelligenten Lautsprechern bereits im vergangenen Jahr Wachstumsraten von bis zu 67 Prozent aus.

 

Kooperation mit Energieversorger

Eines der Ziele von Tink heißt jetzt Internationalisierung. „Wir sind in Holland im Juli gestartet und aktuell arbeiten wir in weiteren europäischen Länder am Markteintritt. Nach aktueller Planung werden wir als Nächstes in Schweden launchen“, kündigt Hueck an. Bis Ende 2020 will Tink neben den aktuellen Standorten Deutschland, Österreich und USA auch in Großbritannien, Frankreich, Italien, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und eben Skandinavien vertreten sein.

Ebenfalls wichtig: der Ausbau von Partnerschaften mit anderen Unternehmen. Mit Vattenfall arbeitet Tink schon zusammen. Der Energieversorger kann seinen Kunden jetzt gleich auch die Smarthome-Lösungen von Tink anbieten, sodass sie zum Beispiel ihre Heizung fernsteuern oder bei Abwesenheit automatisch herunterfahren können. Er glaube an die Automatisierung, sagt Hueck. Smarte Geräte im Haus oder in der Wohnung könnten im Idealfall von sich aus tun, was ihre Besitzer von ihnen erwarten.

Partnerschaften will Tink möglichst viele weitere aufbauen, etwa mit Versicherern. Huecks Vision: „Mit unseren smarten Alarmsystemen können unsere Kunden beruhigt in den Urlaub fahren und wissen immer, dass sich niemand unbefugt Zutritt zu ihrem Zuhause verschafft hat. Zusätzlich werden wir mit unserem Versicherungspartner auch einen Sicherheitsdienst anbieten und können im Einbruchsfall die komplette Schadensabwicklung übernehmen.“

Eine Art Rundum-sorglos-Paket also. Der erste Schritt dahin: das Angebot des smarten Zuhauses als mietbare Dienstleistung. Gegen einen monatlichen Beitrag sollen Kunden bald die nötigen Geräte leihen können, Installation, Wartung und Software-Updates inklusive. „Und wenn jemand umzieht, kommen wir mit und rüsten die neue Wohnung wieder passend aus“, so Hueck.

Sorge um Privatsphäre

Im Wege stehen könnte einer Erfolgsgeschichte allenfalls die Skepsis der Deutschen gegenüber Geräten, die Daten sammeln. Laut der Deloitte-Studie ist die Zahl derer, die Smarthome-Angebote wegen Datenschutzbedenken nicht nutzen, seit 2015 sogar gewachsen. Immer wieder gibt es Berichte, die diese Skepsis schüren: Amazon-Mitarbeiter hören die Aufzeichnungen des intelligenten Lautsprechers Echo ab, um die Spracherkennung zu verbessern. Anonymisiert freilich – aber vielen Nutzern war das vorher nicht bewusst. Eine Meldung, wonach die Polizei Zugriff auf die Sprachdaten erhalten soll, stimmte zwar so nicht – viele Echo-Besitzer sahen den kleinen Zylinder in ihrem Wohnzimmer aber dennoch schlagartig mit anderen Augen.

Sorgen macht sich Tink-Chef Hueck deswegen nicht. Klar, die meisten der Systeme funktionierten nicht ohne bestimmte Informationen über den Nutzer. „Aber Datensicherheit ist ein Thema, auf das unsere Berater detailliert eingehen. Jeder Kunde sollte selbst entscheiden, welche Daten er herausgibt. Wir empfehlen ihm dann das passende Ökosystem und Produkt.“ Letztlich seien die meisten Nutzer aber doch bereit, ihre Daten zu teilen, sofern sie einen Vorteil darin sähen, ist Hueck überzeugt. Ein Beispiel? „Die meisten Menschen nutzen ganz selbstverständlich die Navigationsfunktion von Google Maps. Die aktuellen Verkehrsinformationen wären jedoch nicht annähernd so präzise, würden die User ihre Daten nicht teilen.“

Schlagworte: Internet of things, IoT, Smarthome

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