Design-Objekte für den Catwalk

Weil es im Wohnzimmer keinen hässlichen Kratzbaum wollte, baute sich ein Ehepaar selbst einen. Heute be­treiben die Hannoveraner erfolgreich einen Onlineshop und haben zudem kürzlich das bundesweit erste Möbelhaus für Katzen eröffnet. Ein­ ­Besuch bei Tierfreunden mit großen Plänen.

Von Swantje Friedrich 06.08.2019

© Stylecats

Sinn für Ästhetik: Anja und Carsten Thylmann entwickeln hochwertige Tiermöbel mit Stil.

Der rote italienische Designersessel neben dem stylishen Nierentisch aus dem Retromöbelladen, darüber die kupferfarbene Pendelleuchte, ein Klassiker, gekauft im Urlaub in Kopenhagen. Sanft erhellt sie die hyggelige Wohnlandschaft – aber leider auch ihn. Groß, haarig, unförmig steht er da in der Mitte des Raumes: der Kratzbaum. Viele Katzenbesitzer kennen dieses Bild, und auch Anja Staege-Thylmann erlebt 2010, wie ein Ungetüm aus Plüsch und Sisal das Wohnzimmer der gerade bezogenen Traumwohnung verschandelt. „Wir haben uns seinetwegen geschämt“, erzählt die 47-Jährige.

Doch anders als viele andere Katzenbesitzer wollte sie sich nicht mit dem Anblick abfinden. Zwei hübsche Tierchen hatten sie und ihr Mann Carsten Thylmann gerade aus dem Tierheim geholt, denen sie ein ebenso hübsches Zuhause bieten wollten. Und so bat Staege-Thylmann ihren Gatten, der gelernter Tischler sowie studierter Betriebswirt ist und viele Jahre als Möbeldesigner gearbeitet hatte, eine moderne Variante des Kratzbaumes zu bauen. „Sie musste mich richtig überreden“, erinnert sich der 45-Jährige. Doch die Überzeugungsarbeit lohnte sich: Aus dem Einrichtungsstück für die eigene Wohnung entwickelte sich eine Geschäftsidee: 2013 startete das Ehepaar einen Onlineshop für Katzenmöbel und -accessoires. Stylecats nannten sie ihn, denn – so der Anspruch – hochwertige Möbelstücke mit Stil wollen sie fertigen und verkaufen.

Werbebotschafter im Haus

Offensichtlich eine Marktlücke: Heute führt Anja Staege-Thylmann stolz durch ein helles Ladengeschäft, zentral gelegen in Hannovers Innenstadt. Im Juni vergangenen Jahres eröffnet Stylecats dort das nach eigener Aussage bundesweit erste Möbelhaus für Katzen – und folgt so dem Beispiel vieler großer Online Pure Player, die sich derzeit stationär niederlassen. Dezent ist die Einrichtung, der Fokus liegt ganz auf den verschiedenen Kratzbaummodellen, deren Funktionalität ein elegantes graues Katzenmodell sogleich demonstriert.

Toni gehört zur Rasse „Russisch Blau“, ebenso wie der Spielpartner, der in einer anderen Ecke des Ladens herumtollt. Eine frei schwingende Fotowand zeigt weitere Katzen, die auf ihren neuen Einrichtungsgegenständen thronen – werbewirksame Schnappschüsse von zufriedenen Kunden.

Begleitet von sanfter Musik, führt der Weg zu den hinter dem Showroom gelegenen Büroräumen. Am runden Tisch in der Küche nebenan nimmt das Ehepaar Platz, Katze Toni lässt sich auf dem Schoß ihrer Besitzerin nieder. Die beiden Tiere sind die besten Werbebotschafter von Stylecats und eignen sich ideal für die Vermarktung über Social-Media-Plattformen wie Instagram. Etwa 20 Prozent, so schätzt das Ehepaar, kommen über diese Kanäle zum Onlineshop. „Die meiste Energie geht nach wie vor in unseren Webshop“, das Geschäft in Hannover erzeuge keinen „Riesen-Run“, sei aber wichtig für die Strahlkraft der Marke.

 

Katzen schlagen Hunde

Die Zahl der Haustiere ist in Deutschland deutlich gestiegen. 2017 lebten 34,3 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel hierzulande – das sind 2,7 Millionen mehr als 2016. Diese Zahlen stammen aus einer ­repräsentativen­­ Erhebung, die der Industrieverband Heimtierbedarf und der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands beim Markt­forschungsinstitut Skopos in Auftrag gegeben haben.

Demnach sind Katzen das mit Abstand beliebteste Haustier: Insgesamt 13,7 Millionen lebten 2017 in 22 Prozent der deutschen Haushalte – 2010 waren es noch 8,2 Millionen. Mit 9,2 Millionen belegen Hunde den zweiten Platz der Beliebtheitsskala. Dabei wächst laut der Studie die Heimtierpopulation in Deutschland stärker als die Zahl der Haushalte, vor allem in Singlehaushalten ist sie gestiegen. Wie wichtig das Tier dem Menschen ist, lässt sich auch an den Umsatzzahlen der Heimtiernahrungs- und Bedarfsindustrie ablesen: Der Gesamtumsatz betrug 2017 4,838 Milliarden Euro.

Knackiges Wachstum von Beginn an

Immerhin: Aus einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern reisen die Kunden an, um die Möbel in natura zu sehen, zu ertasten und zu bestellen. Auch bereits georderte Ware kann dort abgeholt werden. Manche der Stücke sind eine richtige Investition, das Kratzbaummodell „Empire“ etwa kostet stolze 1.190 Euro. Der aktuelle Kassenschlager ist mit 199 Euro sehr viel günstiger zu haben. Insgesamt 350 Artikel umfasst das Sortiment, darunter auch Spielzeuge und Ersatzteile. Letztere sind für das Geschäftsmodell wichtig, schließlich werden Katzen bis zu 20 Jahre alt, da sind Abnutzungserscheinungen vorprogrammiert.

„Wir wollen eine breite Kundenschicht ansprechen und darum nicht zu exklusiv rüberkommen“, erläutert Carsten Thylmann. Die Kernzielgruppe ist zwischen 30 und 50 Jahre alt, lebt überwiegend in der Großstadt und besteht – anders, als viele vermuten – aus ebenso vielen Männern wie Frauen. Die Möbel entwirft Thylmann bisher alle selbst, in diesem Jahr soll jedoch ein weiterer Designer das Team verstärken.

Sieben Mitarbeiter sind derzeit für das Unternehmen tätig, das komplett auf „made in Germany“ setzt und deutschlandweit in acht Produktionsstätten fertigen lässt. Jeweils 20 Kratzbäume entstehen dort in Serie, etwa zweieinhalb Tage dauert das. Sonderanfertigungen, zum Beispiel für behinderte Katzen, sind ebenfalls möglich. Und sogar ein eigenes Lager leistet sich das Ehepaar.

Mit fünf Produktlinien starteten die Thylmanns 2013, heute verkaufen sie mehrere Hundert Teile im Monat. Von Beginn an arbeiteten sie komplett eigenfinanziert, all ihre Rücklagen steckten sie ins Unternehmen und alle Gewinne auch. „Es war ein hohes Risiko“, erinnert sich Anja Staege-Thylmann, die zuvor als Reiseverkehrskauffrau mehr als 20 Jahre für den Touristikkonzern TUI tätig war und die Unternehmensgründung nach der Geburt ihres Sohnes in der Elternzeit auf den Weg brachte. „Aber von Beginn an wachsen wir knackig – und das ohne viel Werbung“, resümiert ihr Ehemann und fügt hinzu: „Ein gutes Konzept allein reicht nicht, man muss auf echten Bedarf treffen.“

Dieser Bedarf besteht in Deutschland, besitzt doch etwa jeder fünfte Haushalt eine Katze (siehe Kasten rechts). Und in Zeiten von zunehmender Digitalisierung und Einsamkeit wird die Nachfrage nach Haustieren samt dem passenden Zubehör weiter steigen, sind sich die Thylmanns sicher.

Expansionspläne gibt es schon jetzt: Weil sich Bestellungen aus dem Nachbarland häufen, richtet das Unternehmen, das 2018 den German Brand Award gewann, für seine Schweizer Kunden gerade eine eigene Website ein. Auch ein englischsprachiger Auftritt ist in Planung, denn die Ziele sind ambitioniert: „Wir wollen europaweit Marktführer im Bereich moderne Katzenmöbel werden“, sagt Carsten Thylmann und nickt Toni zufrieden zu.

Schlagworte: Tiermöbel, Tierbedarf, Möbel

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