Onlinehandel

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Das Münchner Start-up Idee will Schluss machen mit dem Passwort-Wirrwarr beim Online-Einkauf. Seine Lösung: Kunden übertragen ihre digitale Identität per Mausklick.

Von Christine Mattauch 17.03.2020

© Getty Images/Vasilina Popova

Al Lakhani hat eine Software entwickelt, durch die Konsumenten ihre digitale Identität per Mausklick von einem Anbieter auf den anderen übertragen können.

Nein, heute keine Lederhosen. An diesem kalten Wintermorgen betritt Al Lakhani das Münchner Traditionscafé Tambosi stattdessen im karierten Anzug samt Fliege und weinrotem Borsalino. „Ich bin ein bisschen extrovertiert“, sagt er und lächelt charmant. Auffallen, sich abheben ist aber auch wichtig, wenn man, wie er, ein Start-up aus der Taufe hebt mit dem Ziel, digitales Einkaufen radikal zu vereinfachen.

Idee heißt das Unternehmen, das der Amerikaner vor vier Jahren gegründet hat. Und zwar in München. Die Stadt hat der 42-Jährige in seinem vorigen Leben als Unternehmensberater kennengelernt; wie viele seiner Landsleute verehrt er sie. Auch seiner heutigen Ehefrau ist er dort begegnet. Und weil das alles so ist, treten Lakhani und seine Mitstreiter gern in Lederhosen auf – was ihnen schon einmal Aufmerksamkeit sichert, zumindest außerhalb Bayerns.

Doch zurück zum Unternehmen. Englisch ausgesprochen klingt „Idee“ wie „ID“, Identität also – und genau das ist das Geschäftsfeld des Start-ups. Lakhani hat eine Software entwickelt, durch die Konsumenten ihre digitale Identität per Mausklick von einem Anbieter auf den anderen übertragen können. Kein Passwort-Wirrwarr mehr, kein lästiges Ausfüllen von Adressfeldern, nur weil man mal woanders seine Schuhe kaufen will. Mehr Convenience für Käufer, höhere Konversionsraten für Händler: Der Ansatz ist so plausibel, dass man sich fragt, warum nicht längst schon jemand darauf gekommen ist.

„Das Thema digitales Vertrauen hat ein riesiges Geschäfts­potenzial“, glaubt Daniel Schellenberg, Chief Operating Officer bei der Idee GmbH. Der 46-Jährige war einst Al Lakhanis Kollege bei der New Yorker Unternehmensberatung Alvarez & Marsal. Als Lakhani 2017 jemanden suchte, um das Deutschlandgeschäft seines Start-ups aufzubauen, schlug Schellenberg ein. Seither ist viel passiert. Die junge Firma ist auf den Campus „Neue Balan“ im Münchner Osten gezogen, ein früheres Infineon-Gelände. Sie beschäftigt 16 Mitarbeiter und hat zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, darunter den Innovationspreis des Handels. Bis Anfang 2018 hatte Lakhani den Aufbau von Idee aus eigener Tasche finanziert, später hat er Wagniskapital einwerben ­können. Zuletzt, im Dezember, waren es 5,4 Millionen Euro.

Organisierter Identitätsaustausch

Ein vielversprechender Anfang also und doch kein einfacher. Start-ups wie Idee haben vor allem dann eine Chance, wenn sie die Praxistauglichkeit ihrer Produkte in Pilotprojekten beweisen können. Dazu brauchen sie Partner. Bei Idee ist diese Hürde besonders hoch, weil ihre Lösung vor allem für große Online-Anbieter interessant ist: Handelskonzerne, die ihren Kunden zusätzliche Services anbieten, etwa Streaming-Abos beim Kauf eines Bildschirms. Banken, die Gutscheine für Veranstaltungen ausgeben oder für vergünstigte Flugreisen. Besonders sinnvoll ist die vereinfachte Datenübertragung innerhalb einer Unternehmensgruppe. An die Entscheider in solchen Konglomeraten jedoch muss man erst einmal herankommen.

Idee gelang das über die Teilnahme an Programmen wie dem Retailtech Hub von MediamarktSaturn und dem Metro Target Retail Accelerator. Über diese Kontakte entstand etwa ein Projekt mit der Metro-Tochter Hospitality Digital. Deren Geschäftsführer Volker Glaeser ist begeistert: „Dank des Identitätsaustausches können wir unseren B2B-Kunden eine Vielzahl neuer Online-Dienstleistungen anbieten – ohne zeitaufwendige Neuanmeldung und lästige Dateneingabe.“ Auch mit der amerikanischen Kette Target laufen Verhandlungen über einen Piloten. Weitere Projekte mit Banken, Handelskonzernen und einem Autohersteller seien fest vereinbart, sagt Schellenberg.

Dass der Datenaustausch sicher sei, dafür sorgten Blockchain-Technologie und Kryptografie. Weil mit jedem Transfer aber auch Fehler oder falsche Angaben übertragen werden können, ist für alle Beteiligten wichtig, dass der Ursprungsdatensatz aus einer vertrauenswürdigen Quelle stammt. Lakhani sieht Banken als natürliche Partner des Handels, weil diese üblicherweise die Identität neuer Kunden besonders gründlich prüfen. Die Gefahr, dass seine Software Gaunern das Handwerk erleichtert, sieht Lakhani nicht. „Wer unbedingt betrügen will, wird immer einen Weg finden. 80 Millionen Deutsche wollen aber vor allem eins: bequem ein­kaufen.“

Nutzer entscheiden im Einzelfall

Auch andere Anbieter arbeiten an Lösungen, die Log-ins​ vereinfachen sollen, Konsortien wie Verimi zum Beispiel oder NetID. Bei ihnen richtet der Konsument einen zentralen Account ein, der dann mit Nutzerkonten bei den Partnerunternehmen verbunden wird. Genau das aber wollen viele Kunden nicht, glauben die Idee-Macher. Sie sehen die Stärke ihrer Lösung darin, dass die Kunden weder einen Datenpool anlegen noch eine App herunterladen müssen, sondern im Einzelfall entscheiden, wann und mit wem sie ihre Daten teilen. „Das Problem wird genau in dem Moment gelöst, wenn der Nutzer es hat“, verdeutlicht Schellenberg.

Warum aber überhaupt etwas ändern, solange das alte System mit den Passwörtern funktioniert? Da haben die Ideeisten Umfragen auf ihrer Seite wie die des E-Mail-Providers Web.de, wonach 56 Prozent der Deutschen die Log-in-Flut als lästig empfinden und sich 43 Prozent durch die Anforderung unterschiedlicher Passwörter genervt oder gestresst fühlen. „Wenn man das Argument ‚Haben wir noch nie gemacht‘ beiseiteschiebt, ergibt unsere Lösung eine Menge Sinn“, findet Lakhani, setzt seinen weinroten Borsalino auf und eilt zum nächsten Termin. ●

Schlagworte: Onlinehandel, Start-up

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