Online-Foodhandel

Der Reis ist heiß

Starinvestor Frank Thelen haben sie die kalte Schulter gezeigt, dennoch sind zwei Bremer Gründer mit ihrem Onlineshop rund um den Reis auf Erfolgskurs: 2019 machten sie mehr als neun Millionen Euro Umsatz.

Von Jens Gräber 03.05.2020

© Jakob Boerner

Säcke voll Reis: Sohrab Mohammad (l.) und Torben Buttjer schauen in ihrer büronah gelegenen Lagerhalle nach dem Rechten. Dort werden die Produkte ihres erfolgreichen Onlineshops rund um das längliche Korn zum Versand verpackt.

Das große Gemälde im Reishunger-Hauptquartier in der Bremer Speicherstadt zeigt die Kaiserkrönung Napoleons im Jahr 1804. Eines der Geschenke an den Korsen: ein Reiskocher. Wer ganz genau hinschaut, erkennt unter den Mitgliedern des in Notre Dame versammelten Hofstaates die beiden Reishunger-Gründer Torben Buttjer und Sohrab Mohammad.

Muss die Geschichte neu geschrieben werden? Ist die wichtige Rolle, die der Reis für Frankreich spielte, bislang verkannt worden? Mohammad, der mit Buttjer auf einem Sofa vor dem Gemälde sitzt, löst das Rätsel auf. „Wir haben einen Mitarbeiter, der sehr gut mit Photoshop umgehen kann“, lautet seine Erklärung. Die Kollegen, die im großen, offenen Büro in der Nähe an ihren Schreibtischen sitzen, feixen amüsiert.

Im Leben der beiden Unternehmensgründer allerdings spielt der Reis tatsächlich die zentrale Rolle. In ihrem Onlineshop bieten sie 25 verschiedene Sorten davon an, darunter Exoten wie den schwarzen Klebreis aus Thailand. 25 Sorten – das sind mehr, als die meisten Menschen überhaupt kennen dürften, und trotzdem ist es nur ein Bruchteil derer, die auf Erden wachsen. „Es existieren verschiedene Verfahren, die Reissorten zu zählen. Einige sagen, es gibt Hunderttausende, andere sprechen von Tausenden, die auf dem Markt verfügbar sind“, erklärt Mohammad.

Der 36-Jährige stammt aus dem Iran, wo Reis für die Menschen das ist, was für die Deutschen die Kartoffel ist: ein beliebtes Grundnahrungsmittel, das auf viele verschiedene Arten zubereitet wird. „Du musst dir vorstellen: Bei uns zu Hause führt der Reis kein Randdasein als Sättigungsbeilage. Er steht im Zentrum jeder Mahlzeit und zu jedem Essen werden zwei oder drei verschiedene Varianten vom gleichen Reis gereicht, jeweils unterschiedlich zubereitet: einer mit Kruste, einer mit Safran, ein anderer mit Berberitzen und Rosinen“, schwärmt Mohammad.

Einkauf möglichst ohne Zwischenhändler

Mitgründer Buttjer erzählt von seinen Reisen in Sachen Reis: „Wir kaufen in Europa und besuchen zum Beispiel einen Kleinbauern auf seinem Hof in Italien. Im Iran sind unsere Produzenten ebenfalls oft Kleinbauern, die gerade mal 20 Tonnen im Jahr ernten. Das ist ein ganz exquisites Produkt, das in Deutschland noch gesäubert werden muss. Zum Teil kooperieren wir aber auch mit industriellen Großbetrieben, zum Beispiel in Thailand.“ Mohammad ergänzt: „Wir kaufen immer möglichst direkt, ohne Zwischenhändler.“

Auch Reiskocher, wie den auf dem Gemälde abgebildeten, hat das Unternehmen inzwischen im Angebot, sodass die Zubereitung der kostbaren Sorten auch garantiert gelingt. „Das ist ein wunderbares Tool, wenn jemand guten Reis in sein Leben lassen will“, erklärt Mohammad. Nicht ohne Grund setzt Reishunger auf seine eigene Reiskochermarke: Die teuren Geräte automatisieren die Regelung der verschiedenen Temperaturen des siebenphasigen Kochvorgangs. Die Kruste, die der Iraner an seinem Reis schätzt, lässt sich damit genauso punktgenau zubereiten wie schön klebriger Sushireis, der sich gut formen lässt. Wer partout keinen Reis mag, findet im Onlineshop zudem rund 25 Sorten Hülsenfrüchte und Getreide.

Das Konzept geht auf: Reishunger hat sich mit moderaten Preisen erfolgreich in seiner Nische etabliert – trotz einer relativen Zurückhaltung der Deutschen beim Onlinekauf von Lebensmitteln (siehe Grafik). Rund 500 000 Besucher verzeichnet die Webseite von Reishunger im Monat, das reicht für einen Platz in den Top Ten der deutschen Food-Seiten. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr laut Buttjer bei mehr als neun Millionen Euro – und er wachse pro Jahr im Schnitt um 55 Prozent. „Daran messen wir aktuell unseren Erfolg“, sagt der 35-jährige CEO. Anders als viele andere junge Unternehmen schreibt Reishunger mit seinen 95 Mitarbeitern vor Steuern auch Gewinne, wenn es auch in einigen Jahren keine hohen waren, wie Buttjer einräumt.

Der Onlineshop der beiden Gründer setzt nicht nur auf die Qualität der Produkte, sondern auch auf Content. So bietet die Webseite Informationen über die Herkunft und die Geschichte von Reis, vor allem aber Rezepte und Videoanleitungen. Mitarbeiterin Jana erklärt zum Beispiel, wie sich Reis im Kochtopf, aber auch im Reiskocher zubereiten lässt. „So behalten wir Relevanz“, sagt Buttjer.

Auch Fertiggerichte seien ein großes Thema für die Zukunft. „Das ist der Wachstums-​pfad, den wir gehen wollen, zum Beispiel mit Milchreismischungen, Reiskuchen, Currypasten.“ Sechs Mitarbeiter sind ausschließlich mit der Entwicklung neuer Produkte beschäftigt.

Der Weg zum Erfolg war lang, sagt Buttjer und erinnert sich an die Anfänge: „Nachdem wir unser Studium als Wirtschaftsingenieure abgeschlossen hatten, haben wir uns im Sommer 2010 oft getroffen und über die Idee gesprochen, ein Lebensmittel auf digitalem Weg auf den Markt zu bringen.“ Sie kommen auf Reis, nicht allein der Herkunft Mohammads wegen, sondern auch, weil ihn beide in der Bremer Uni-Mensa immer so scheußlich fanden. „Zunächst war es ein Witz, aber dann hat uns die Idee nicht mehr losgelassen“, sagt Buttjer.

Bis das Geschäft richtig losgeht, wird es 2012. Bewusst verzichten die beiden Gründer darauf, im großen Stil Kapital einzusammeln. Reishunger startet mit einem relativ geringen Kapital von 20.000 Euro. „Das Geld haben wir aus unseren Ersparnissen und mit der Hilfe unserer Eltern zusammengebracht“, so Buttjer. „Wir dachten, wir wollen ja nicht mehr, als Reis in Tüten abzufüllen, könnten also erst einmal klein anfangen.“ Bootstrap-Finanzierung heißt in der Start-up-Szene dieses Modell, bei dem die Gründung mit knappen Ressourcen ohne große externe Geldgeber umgesetzt wird.

Erst als Reishunger mit der ersten Jahresbilanz aufwarten kann, gibt eine Bank 50.000 Euro Kredit. Ein Ausflug in die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“, in der Gründer ihre Geschäftsidee vorstellen und Kapital erhalten, führt 2016 zwar zu einem Angebot des Investors Frank Thelen. Doch Buttjer und Mohammad lehnen ab, da Thelen im Gegenzug mit 20 Prozent statt der angebotenen fünf Prozent am Unternehmen beteiligt werden will.

Diese Entscheidungen bereuen sie bis heute nicht. „Wir sind langsam und fundiert gewachsen und haben dabei alles von der Pike auf gelernt“, betont Buttjer. Ansonsten, sagt er, diktiere oft die Suche nach Geld das gesamte Handeln von Unternehmensgründern. Mohammad pflichtet ihm bei: „Wir schätzen unsere Unabhängigkeit von Kapitalgebern im Hintergrund.“ Der Fernsehauftritt sei trotzdem ein Erfolg gewesen. „Danach haben wir innerhalb von 24 Stunden rund 25 000 Bestellungen generiert – das waren zum damaligen Zeitpunkt mehr Bestellungen als sonst innerhalb von drei Monaten“, sagt Mohammad.

Also gar keine Zweifel, niemals? „Doch, natürlich“, sagt Buttjer und rutscht etwas tiefer ins Sofa hinein. „Im ersten Jahr ist uns eine Abmahnung über 5.000 Euro ins Haus geflattert – da fragt man sich schon, ob man das Richtige tut. So etwas passiert immer wieder mal, aber mit der Zeit sind wir da reingewachsen.“

Fördermittel vom Stadtstaat

Gewachsen ist auch das Unternehmen. Waren die ersten Mitarbeiter noch Studenten, die auf 400-Euro-Basis gejobbt haben, zeigen die beiden Gründer jetzt stolz die rund 500 Meter von den Büros entfernt liegende Halle, in der auf zwei Etagen Lagerung, Verpackung und Versand der Produkte abgewickelt werden. 30 bis 40 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, je nach Jahreszeit. Mit Überziehern, Haarnetzen und Handschuhen bekleidet, stehen einige vor einer halb​automatischen Maschine und füllen Reis aus 25-Kilo-Säcken in versandfertige Tüten.

„Wir sind gerade in einer Automatisierungsphase, um effizienter und besser zu werden“, sagt Mohammad und zeigt auf eine große Maschine, die noch ungenutzt im hinteren Teil der Halle steht. Sie soll bald vollautomatisch Reis aus riesigen tonnenschweren Säcken abfüllen. 300.000 Euro hat sie gekostet, dafür soll sie fast viermal so schnell arbeiten wie die halb automatische Variante. „Logistik und Verpackung werden oft in andere Länder ausgelagert, aber wir investieren in den Standort“, betont Buttjer. Aus Packkräften werden so Maschinenführer. Zum Dank gab es eine Förderung von der Stadt Bremen in Höhe von 20.000 Euro.

Seine Pakete verschickt Reishunger fast nur an Endverbraucher. „95 Prozent unseres Absatzes machen wir auf diesem Weg“, erklärt Buttjer. Gerne würden die beiden auch in stationären Läden ihren Reis verkaufen – und die passenden Kocher gleich dazu. „Eine Kombination wie bei Kaffeemaschinen und Kapseln“, bringt Buttjer die Idee auf den Punkt. Bisher fehle aber der passende Partner, jedenfalls noch. Eine Testlistung beim Bio-Supermarkt Alnatura läuft.

Einen B2B-Kunden mit Symbolkraft hat Reishunger immerhin schon neugierig gemacht: die Bremer Uni-Mensa, die die beiden Gründer mit ihrem pappigen Reis erst auf die Idee für Reishunger brachte. „Der Leiter unserer B2B-Abteilung war kürzlich dort und hat erst mal richtig Ärger bekommen, weil wir deren Reis immer so schlechtmachen“, sagt Buttjer lachend. Am Ende aber sei doch alles harmonisch gewesen, die Mensabetreiber hätten Interesse an den Industriereiskochern gezeigt, die Reishunger gerade entwickelt.

Internationalisierung steht bevor

Die Gründer wollen neue Märkte wie die Niederlande und Skandinavien erschließen und sich künftig stärker darauf konzentrieren, den Gewinn zu steigern. Einem weiteren Erfolg von Reishunger steht hierzulande jedenfalls wenig entgegen: Eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Zeitung Welt am Sonntag prophezeit, der Online-Umsatz mit Lebensmitteln werde sich bis 2030 verfünffachen. Ein weiterer Grund also, sich keine ernsthaften Sorgen zu machen. Bis auf eine vielleicht: Buttjer zeigt auf eine Klebefalle in einer der Lagerhallen, in der zwei kleine Insekten verendet sind. „Die Lebensmittelmotte“, sagt er und lacht. „Die ist überall, die ist der Endgegner.“

Reisanbau

Rund 740 Millionen Tonnen Reis wurden im Jahr 2016 weltweit in mehr als 100 Ländern auf fünf Kontinenten angebaut. Die wichtigsten Anbaugebiete sind China, Indien und Indonesien, aber auch in Vietnam, Thailand und Ägypten sind die Getreidekörner der Pflanzenarten Oryza sativa und Oryza glaberrima heimisch. Andere Länder ziehen beim Anbau nach – die Erträge aus den USA, aus Südamerika und Europa wachsen kontinuierlich. Die gängigste Anbaumethode ist der Nassreisanbau: Reispflanzen werden durch Regen oder Flusswasser unter Wasser gesetzt, um Unkraut oder Schädlinge fernzuhalten. Erst kurz vor der Ernte wird das Wasser abgelassen. Bis zur Ernte benötigt der Reis je nach Sorte zwischen drei und acht Monaten Wachstumszeit. Dann ist die Pflanze 80 bis 120 Zentimeter hoch und jeder Halm trägt zehn bis 20 Rispen, die jeweils bis zu 200 Reis­körner enthalten. Reis ist vor allem in Asien ein Grundnahrungsmittel und somit die Nahrungsgrundlage eines großen Teils der Weltbevölkerung.

Schlagworte: Food-Handel, E-Food-Shops

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