Deutscher Handelskongress 2019

Digitaler Handel mit menschlichem Antlitz

Um neue Technologien wie das maschinelle Lernen und traditionelle Werte wie Menschlichkeit und Kundenservice ging es beim 27. Deutschen Handelskongress. Die 1 500 Besucher erfuhren, wie beides zusammengehen kann.

Von Jens Gräber 15.12.2019

© Joerg Sarbach/euroforum by HMG

Digitalisierer: Matt Brittin von Google spricht sich für Differenzierung beim Datenschutz aus.

Der Handel sei eine Stütze der Wirtschaft und damit der Gesellschaft, stellt Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) beim Handelskongress klar. „Wir werden auch in diesem Jahr Wirtschaftswachstum haben – und das verdanken wir stark dem Einzelhandel. Sie sind die Helden der wirtschaftlichen Entwicklung“, ruft Altmaier in den Saal.

Doch auch Helden haben Wünsche an die Politik. Josef Sanktjohanser, Präsident des Deutschen Handelsverbandes, artikuliert sie. Die Reform der Unternehmenssteuer lasse auf sich warten, die den Handel belastende EEG-Umlage sei immer noch nicht abgebaut, die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlags ebenfalls noch nicht beschlossen. Es fehle Spielraum für Innovationen, der angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung und des Klimaschutzes nötig sei, moniert Sanktjohanser.

 

Gerade der stationäre Handel sei ein Ort der Begegnung und fördere den Zusammenhalt der Gesellschaft. „Es läuft aber nicht für alle Händler rund, die Schere zwischen den großen und den kleinen geht weiter auseinander“, warnt der HDE-Präsident.

Konkrete Zusagen hat der Minister indes nicht im Gepäck. Beim Thema Digitalisierung führt er die bekannte, drei Milliarden Euro schwere KI-Strategie der Bundesregierung an sowie deren Bemühungen, eine bessere Dateninfrastruktur in Europa aufzubauen. Bei den Energiekosten verweist er auf die beschlossene Absenkung der EEG- Umlage – ansonsten auf seine Mittelstandsstrategie. Den Solidaritätszuschlag möchte Altmaier komplett abschaffen, aber: „Mit unserem Koalitionspartner SPD ist nicht alles verhandelbar.“

Ohne Wachstum keine Veränderung

Für Christian Lindner ist das eine Ausrede. Der FDP-Chef fordert eine komplette Abschaffung des Soli und stimmt Sanktjohanser zu: „Wachstum macht Veränderung und Anpassung erst möglich.“ Lindner fordert eine Entlastung der Energiekosten von Abgaben wie der EEG-Umlage, da sie die ohnehin knappen Margen im Handel unnötig schmälerten. Lindner spricht sich für mehr Markt und weniger Regulierung aus. „Wir müssen wieder mehr auf Eigenverantwortung bauen, statt alles politisch steuern zu wollen.“ Gerade bei der Digitalisierung müsse der rechtliche Rahmen auch praxistauglich sein, so der FDP-Chef mit Blick auf komplexe Regeln wie die Datenschutzgrundverordnung.

 

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth betont im Gespräch mit Lindner, dass der Handel den Datenschutz an sich nicht als Problem sehe, im Gegenteil. „Das ist für uns ein hoher Wert – daran wollen wir nicht kratzen.“ Das Vertrauen der Kunden sei ein hohes Gut, und sie müssten sich darauf verlassen können, dass Händler mit ihren Daten sorgfältig umgehen. Lindner stimmt zu, ruft aber zu einer Abkehr von der Maxime der Datensparsamkeit auf. „Wer international mithalten will, muss Daten als Rohstoff sehen“, betont der FDP-Chef.

KI macht aus Daten Prognosen

Um das Thema Daten geht es in vielen Vorträgen der über 100 Fachreferenten beim Kongress. Denn auch der intelligenteste Algorithmus funktioniert nur, wenn valide Daten vorliegen, die er auswerten kann, wie Andrea Cornelius vom Beratungsunternehmen Elaboratum betont. „KI macht aus Daten Prognosen“, erklärt sie.

Matt Brittin, President of Business and Operations bei Google für Europa, den Nahen Osten und Afrika, schlägt in seinem Vortrag vor, beim Datenschutz genauer zu differenzieren. „Daten sind sehr verschieden, nicht alle müssen gleichermaßen geschützt werden“, sagt er. Es sei zwar korrekt, sie als Rohstoff zu betrachten. Aber im Unterschied zu den meisten anderen Rohstoffen seien sie nicht knapp, denn sie könnten mehrfach und für verschiedene Zwecke genutzt werden.

 

„Wir stehen vor großen technischen Herausforderungen, aber wir müssen unsere Kunden dabei immer mitnehmen“, mahnt HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. Michael Müller, Europapräsident der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), stimmt Genth zu. Die kritischen Kunden von heute wollten beim Thema Datenschutz stärker einbezogen und beteiligt werden. „Es kommt darauf an, dem Kunden mehr Macht oder zumindest das Gefühl von mehr Kontrolle zu geben“, betont Müller. Angesichts eines immer stärkeren Kampfes um Kunden sei das für Händler ein Weg, sich ihre Loyalität zu sichern.

Kunden sind durchaus bereit, Daten preiszugeben, wenn das für sie Vorteile hat, weiß Benjamin Beinroth, Senior Vice President IT and Processes bei Fressnapf. „Ein Onlineshop reicht nicht, wir wollen verstehen, was der Kunde braucht“, sagt er. Durch die maschinelle Auswertung von Daten wisse das Unternehmen mehr über Kunden und könne sie so besser ganzheitlich betreuen. In einigen Fressnapf-Läden arbeiten schon Tierärzte, in Zukunft könnten Kunden auf Basis ihrer Einkäufe Arzttermine angeboten werden. Die lernenden Maschinen machen also eine neue Form der Rundumbetreuung von Kunden erst möglich. Ziemlich menschlich, der datengetriebene Handel der Zukunft.

Schlagworte: Deutscher Handelskongress

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