"Das Warenhaus gilt als Königsdisziplin"

Nach rund einem halben Jahr Verhandlungszeit unterzeichneten die beiden Warenhausketten Karstadt und Kaufhof im September vergangenen Jahres einen Fusionsvertrag. Chef des Ganzen wurde Stephan Fanderl, der zuvor schon Karstadt zurück in die Spur gesetzt hat.

Von Thomas Müller 16.06.2019

© Marcus Simaitis/WirtschaftsWoche

Herr Dr. Fanderl, wie schätzen Sie die Zukunft des Formates Warenhaus ein?

Das Format Warenhaus gilt wegen seiner Sortimentsbreite und wegen der Vielzahl unterschiedlichster Prozesse und Partner häufig als eine Art Königsdisziplin des Einzelhandels. Wir haben damals im Jahr 2014 bei Karstadt eine wirtschaftlich äußerst schwierige Situation übernommen und konnten sie stabilisieren, da wir und unser Gesellschafter Signa zu jeder Zeit an das Format Warenhaus geglaubt haben. Wir haben bei der Neuausrichtung auf den Marktplatzcharakter des Warenhauses aufgebaut und daran können wir jetzt im Zuge der Digitalisierung anknüpfen.

Aber mehr noch: Durch digitale Initiativen und Cross-Channel-Services können wir nicht nur die Attraktivität von und die Aufenthaltsqualität in den Warenhäusern, sondern in den Innenstädten insgesamt steigern. Hierzu zählen beispielsweise Onlineservices wie Click & Collect, Click & Reserve oder der Online-Filialversand. Unsere Rolle beim Erhalt lebendiger Innenstädte nehmen wir sehr ernst.

Wir prägen mit den Warenhäusern, unserer Gastronomie und dem Lebensmittelhandel das Bild der Innenstädte mit und sichern die Frequenz für die Innenstädte entscheidend mit ab. Laut IHK-Studie hat der stationäre Handel für 80 Prozent der Bevölkerung nach wie vor eine große Bedeutung. Das ist eine enorme Reichweite.

Stichwort Innenstädte: Was wünschen Sie sich als Rahmenbedingungen, damit die Innenstädte insgesamt aufgewertet werden?

Wie gesagt, die Menschen schätzen in den Innenstädten sehr deutlich ein relevantes und attraktives Handelsangebot. Studien zeigen, dass das Einzelhandelsangebot die Attraktivität und Beliebtheit der Innenstadt maßgeblich bestimmt.

Aber natürlich benötigen wir auch die Unterstützung der Politik. Nehmen Sie allein die Sonntagsöffnung. Wir verlieren seit 2014 fast 30 Prozent der Sonntage bundesweit. Weiterhin hält der Trend zu unnötigen Genehmigungen von Factory-Outlet-Centern an, die mit ähnlichen Sortimenten auf der grünen Wiese dem Handel und der Wettbewerbsfähigkeit der Innenstädte in hohem Ausmaß schaden. Und natürlich spielt auch die Verkehrssituation, wie Parkplätze, ein dichter Personennahverkehr und die Unsicherheit über weiter drohende Dieselfahrverbote für die Attraktivität der Innenstädte eine maßgebliche Rolle. Auch die Sicherheitslage bleibt in vielen Städten im Umfeld unserer Häuser ein wichtiges Thema, wie heute vielerorts bandenmäßig organisierter Diebstahl zeigt.

Hier müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den innerstädtischen Handel stärken und ihm nicht weiter gesellschaftspolitische Risiken zuschieben, die zulasten der Geschäftschancen in der City gehen.

Noch einmal zurück zu Galeria Karstadt Kaufhof. Wie geht es bei dieser Zusammenführung voran?

Die Vereinigung der beiden traditionsreichen Häuser ist zurzeit sicherlich eine der anspruchsvollsten Aufgaben im deutschen Einzelhandel. Ohne unser wirklich sanierungserfahrenes und agiles Führungsteam sowie das fantastische Engagement aller unserer Mitarbeiter wäre das nicht zu schaffen. Wir integrieren Karstadt und Kaufhof systemfertig im Sortiment und in der Kundenansprache und stärken Wachstumsfelder wie Sport, Gastronomie oder unseren Lebensmitteleinzelhandel. Das alles läuft parallel zur Transformation unseres Geschäftsmodells, sodass wir im Tagesgeschäft die volle Konzentration auf Ware, Preis, Beratung und Umsatz behalten. Wir sind da auf einem guten Weg. Vor Ostern haben wir unsere neue gemeinsame Kampagne „Zusammen sind wir Deins“ für Galeria Karstadt Kaufhof vorgestellt. Wir haben erstmals gemeinsam ins Ostergeschäft hineingeworben. Die Kundenansprache ist frisch und modern. Unser Song ist dabei, ein richtiger Ohrwurm zu werden. Unsere Werbespots laufen erfolgreich auf allen Kanälen und geben uns beim Kunden wesentlich mehr Werbeoberfläche als vorher für Karstadt und Kaufhof allein.

Wir arbeiten mit hoher Geschwindigkeit daran, unser Bestes aus beiden Welten zusammenzuführen. Das werden wir auch in der Ladenkasse merken.

 

Dr. Stephan R. Fanderl, geboren 1963, ist seit Anfang 2015 Geschäftsführer der Signa Retail GmbH und seit Oktober 2014 CEO der Karstadt Warenhaus GmbH, der er bis dahin als Aufsichtsratsvorsitzender vorgestanden hatte. Im Dezember 2018 wurde Fanderl im Zuge des Zusammenschlusses der Karstadt Warenhaus GmbH und der Galeria Kaufhof GmbH zusätzlich zum Vorsitzenden der Geschäftsführung von Kaufhof berufen. Zuvor war er President Emerging Markets East bei Walmart Inc. und von 2001 bis 2007 bei Rewe – zuletzt als Vorstand für die Supermärkte in Deutschland – sowie von 1997 bis 2001 bei der Metro AG. Er ist gelernter Einzelhändler und führte seinen Werdegang nach Studium und Promotion von 1991 bis 1996 zunächst in der Managementberatung bei Kienbaum in Düsseldorf fort. Fanderl ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Köln.

Schlagworte: Galeria Kaufhof, Karstadt, Warenhaus, Interview

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