"Zufriedenheit ist ein Teufel"

Nur selten äußert sich Klaus Gehrig ­öffentlich, doch die Retail Innovation Days in Heilbronn sind für ihn ein Heimspiel. Der Schwarz­-Chef bestätigt Übernahmepläne für die SB-Kette Real, räumt strategische Fehlentschei­dungen ein und blickt mit 70 Jahren in die Zukunft.

Von Ralf Kalscheur 18.03.2019

© DHBW Heilbronn

In Plauderstimmung: Klaus Gehrig (l.) gab Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel, eines seiner seltenen Interviews. Am Ende waren Gehrig 30 Minuten zu kurz: „Jetzt bin ich warmgelaufen.“

Das ist für mich jetzt so, wie Michael Jackson zu treffen“, sagt eine junge Studentin zu ihrer Sitznachbarin in der Aula auf dem Bildungscampus in Heilbronn. Die Dieter Schwarz Stiftung hat das Areal finanziert, auf dem die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) als größte Handelshochschule in Deutschland mit zwei Einrichtungen vertreten ist. Rund 100 Handelsunternehmen qualifizieren hier ihren Nachwuchs, 300 Absolventen erwerben jährlich einen Bachelor. Auf der Bühne ein seltener Gast: Klaus Gehrig. Der Komplementär der Schwarz Unternehmenstreuhand KG gibt nicht gerne Interviews, doch beim Heimspiel im Rahmen der Veranstaltung Retail Innovation Days macht er eine Ausnahme – und zeigt sich in ungewohnter Plauderlaune.

So sagt Gehrig im Podiumsgespräch mit Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der DHBW, en passant und erstmals öffentlich, dass die Schwarz-Gruppe an einer Übernahme von Märkten der zum Verkauf stehenden Kette Real interessiert ist. „Wir würden 100 Real-Märkte kaufen – auch mehr, wenn es gute Standorte sind“, betont Gehrig. „Den finanziellen Spielraum haben wir.“ Real kriege der, der am meisten zahle. „Aber es würde auch Geld kosten, wenn wir die Märkte nicht bekommen.“ Neben Kaufland, das mit rund 14 Milliarden Euro etwa doppelt so viel Jahresumsatz erwirtschaftet wie Real, sollen sechs weitere Interessenten konkrete Kaufangebote vorbereiten, darunter Finanzinvestoren und Handelsketten wie Globus oder Edeka, berichtet das Handelsblatt mit Bezug auf Informationen aus „Kreisen“. Einer Komplettübernahme der 280 Filialen von Real durch den größten deutschen Handelskonzern könnten wettbewerbsrechtliche Hürden im Weg stehen.

Neuer Anlauf im Onlinehandel

Den Einstieg des ewigen Lidl-Konkurrenten Aldi in den Verkauf von Markenprodukten zu Sonderpreisen nimmt Gehrig gelassen. „Das war für uns nicht spürbar.“ Aldi hatte sich dem Geschäft mit Sonderangeboten außerhalb des Eigenmarkensortiments bislang verweigert, um keine Zweifel an seiner Dauerniedrigpreispolitik aufkommen zu lassen, doch der Preiswettbewerb unter den Discountern wird immer härter. „Wir brauchen den Aldi, wir müssen uns gegenseitig reiben, denn das geht zulasten von Dritten“, sagt der frühere Aldianer Gehrig. Der Versuch des russischen Konkurrenten Mere, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, sieht nach Gehrigs Einschätzung hingegen nicht danach aus, dass ihm Langlebigkeit beschieden sei – doch müsse man ihn ernst nehmen. „Zufriedenheit ist ein Teufel.“ Hungrige Angreifer lauern auf ihre Chance auf dem europäischen Markt.

Offen räumt Gehrig strategische Fehlentscheidungen ein, etwa den boomenden Biobereich betreffend. Der Biokunde habe zwar einen größeren Bon, doch habe Lidl viele Bioartikel wieder ausgelistet, weil die Umsatzziele damit nicht schnell genug erreicht worden seien. „Das war ein Fehler, wir waren zu ungeduldig. Aldi war geduldiger.“ Gehrig meint Aldi Süd, den seiner Meinung nach Stärkeren im Bunde. Beim Thema E-Food gibt sich der 70-Jährige ebenfalls selbstkritisch. Lidl hatte die Pläne, einen Lieferdienst aufzubauen, schon nach einem Jahr wieder begraben. Das operative Geschäft konnte die hohen Vorlaufkosten von bis zu 300 Millionen Euro im Jahr nicht erwirtschaften. „Es gab einen Überehrgeiz, wir hätten uns auf einen Standort konzentrieren müssen“, erklärt der Schwarz-Chef. Dennoch bezeichnet er die Niederlage als „gute Erfahrung“: „Wir waren vom System her gefühlt die besten, aber zu teuer.“ Wenn die Zeit reif für den Onlinehandel mit Lebensmitteln sei, werde die Schwarz-Gruppe das nötige Geld für einen neuen Anlauf in die Hand nehmen.

Mehr Kopfzerbrechen bereiten Gehrig die Plattformplayer aus Amerika und China. „Wenn wir es zulassen, macht Amazon hier alles platt, und Alibaba ist noch viel schlimmer. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die für alle Marktteilnehmer gleich sind“, fordert Gehrig. Auf der Bühne steht der mittlerweile auch schon nicht mehr ganz so neue Roboter Pepper und wackelt mit dem Kopf. Werden wir in Zukunft Roboter durch die Gänge von Lidl und Kaufland huschen sehen? „Die Reise wird dahin gehen, der Stationärhandel wird sich verändern, die Kassen werden verschwinden“, prognostiziert Gehrig. Was die technischen Entwicklungen betrifft, gilt für ihn jedoch die Regel: „Man muss nicht der Erste sein, das ist teuer, aber man muss dranbleiben.“

Internationale Konzernsprache Deutsch

Gehrig hat keinen Computer, nur ein Smartphone und eine Assistentin aus der Altersgruppe der Digital Natives, die an der DHBW ausgebildet wurde. Die Freude daran, altmodisch zu sein, ist ihm anzumerken. „Was wir früher an Stunden geleistet haben, das kann man heute gar nicht mehr abfordern“, sagt er den Studenten im Auditorium. Er spricht kein Englisch und verlangt von allen Mitarbeitern, auch Auszubildenden aus dem europäischen Ausland, Deutsch zu lernen. „Ein Unternehmen braucht eine Konzernsprache, es braucht eine Heimat.“ Doch der Verfechter des Mindestlohns ist nicht rückwärtsgewandt; Lidl zahlt sogar einen internen Stundenmindestlohn von zwölf Euro. Fertig ist Gehrig auch noch nicht, er verspüre immer noch diese „innere Unruhe“. Nach 47 Jahren in der Branche hat er seinen Vertrag noch einmal um fünf Jahre verlängert: „Solange es der Inhaber mit mir aushält, bin ich dabei.“

Schlagworte: Real, Klaus Gehrig, Retail Innovation Days

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