Wie der Vater, so der Sohn

Familie Loebner führt ihren Spielwarenladen seit 333 Jahren durch alle Krisen und historischen Wendungen. Dass jetzt die zwölfte Generation das Geschäft übernehmen kann, liegt auch am Mut, früh den Einstieg in den Onlinehandel zu wagen.

Von Annika Krempel 24.05.2018

© dpa/Jan Woitas

Im ersten Stock, wo früher das Schlafzimmer der Eltern war, befindet sich heute das Büro von Jörg und Ingo Loebner. Die schmalen Schreibtische von Vater und Sohn stehen direkt nebeneinander, gemeinsam können sie aus dem Fenster das Treiben in der Fußgängerzone des sächsischen Städtchens Torgau beobachten. Den Ausblick auf benachbarte Geschäfte und vereinzelte ­Kleinstadtbewohner auf Shoppingtour ­werden sie nicht mehr lange teilen. Am 26. Mai wird Jörg Loebner 65 Jahre alt. Er zückt sein Handy: Im Hintergrund zwei Liegestühle am Südseestrand, im Vordergrund zählt eine Uhr Sekunde für Sekunde den Countdown bis zu dem Tag herunter, an dem der Senior in Rente geht. „Tagsüber erwarten wir viele Gratulanten und abends schmeißen wir eine riesige Fete mit Feuerwerk“, erzählt Jörg Loebner voller Vorfreude auf den Ruhestand.

Während Jörg Loebner schon seine Traumreise nach Neuseeland plant, bereitet sich Sohn Ingo darauf vor, an seine Stelle als Inhaber zu treten. Ingo Loebner wird den ältesten Spielwarenladen Deutschlands in zwölfter Generation führen. Damit setzt er eine Familientradition fort, die Ur-ur-ur- ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großvater Christoph Löbner begann. Der Drechslermeister heiratete 1685, zog nach Torgau und eröffnete eine Werkstatt, in der er Spielzeug fertigte. Seither erbt stets der älteste Sohn das Unternehmen.

Ingo Loebner übernimmt ein brummendes Geschäft. Zusammen mit seinem Vater hat er früh auf den Onlinehandel gesetzt. 2010 ging der Spielwarenladen erstmals online, nach einigen schwierigen Jahren, in denen sich die Fußgängerzone stetig leerte und auch das Geschäft mit Spielwaren am Tiefpunkt angekommen war. Jörg Loebner belegte in der Volkshochschule drei Excel-Kurse, und Vater und Sohn schrieben gemeinsam die ersten kleinen Programme für ihren Onlineshop. Die Artikelinfor­mationen speisten sie aus Excel direkt in den Shop ein, auch die Warenwirtschaft ­verknüpften sie mit dem Tabellenkalkulationsprogramm.

Der Verkauf im Internet lief schon bald gut; gemeinsam mit einem freiberuflichen Programmierer schneiderten sie sich eine passende Software auf den Unternehmensleib. Eine wichtige neue Funktion kam hinzu: Die Software korrigierte den Preis je nach Angebot der Wettbewerber nach oben oder unten. Insgesamt investierten Loebners seither rund 120.000 Euro in Software und Technik. Mittlerweile bieten sie auch bei Amazon und Ebay Spielzeug an, 84.000 Artikel listen sie aktuell online. „Wir haben den Verkauf über die großen Portale zuerst vorsichtig getestet, seitdem läuft der Onlineverkauf ohne Ende“, resümiert Jörg Loebner.

Onlinehandel war die Rettung
In einer kleinen rumpeligen Kammer direkt neben der Verkaufsfläche packten Jörg und Ingo Loebner anfangs höchstpersönlich die ersten Pakete für den Versand. Die Packstraße für Pakete zog zunächst in den historischen Keller, dann wandelten Loebners einen alten Schlachthof in ein professionelleres Lager um. „Heute fahren wir darin mit Gabelstaplern umher. In der Weihnachtszeit packen 15 Angestellte die Pakete, jeden Tag holen drei Lastwagen die Ware ab“, beschreibt Vater Loebner die rasante Entwicklung.

Wie groß der Anteil des Onlinehandels am U­msatz heute genau ist, will er nicht preisgeben. Doch klar ist: Es ist der Löwenanteil. Ohne das Internet gäbe es den traditionsreichen Laden in Torgau sehr wahrscheinlich nicht mehr. Ohne die etablierte Marke des ­geschichtsträchtigen Ladens liefe es aber ­auch im Internet nicht so gut, sind Loebners überzeugt.

Auf die weiter vor dem Internetzeitalter zurückliegende Geschichte der Loebner-Familie angesprochen, sprudeln die Anekdoten aus Loebner senior nur so hervor. Was haben sie nicht alles erlebt! Unter Napoleon drohte einem ihrer Vorfahren die Exekution, weil er seine Steuern nicht zahlte. Während der Inflation 1923 nahmen Loebners an einem Tag fast 3,7 Billiarden Reichsmark ein. Neun Jahre später, während der Weltwirtschaftskrise, waren es nur noch 18,22 Reichsmark. Alle Hochs und Tiefs lassen sich noch heute in den Kassenbüchern nachlesen.

Westspielzeug gegen Ostmark
Nach all diesen Erfahrungen war die Familie für die Umbrüche der jüngeren Geschichte bestens gerüstet. Wenn Jörg Loebner erzählt, wie er in der DDR als einziger privater Unternehmer im gesamten Kreis Torgau seinen Laden zusammenhielt, grinst er spitzbübisch. „Wir sind montags früh um sieben zum sozialistischen Großhandelsbetrieb gefahren und waren immer die Ersten. Die vom Konsum haben ausgeschlafen, war denen ja egal, ob sie noch Ware bekommen haben.“

Er dagegen nutzte seine Kontakte, besorgte Waschbecken, Schnaps oder Trabbi-Windschutzscheiben, um mit diesen kleinen Gefälligkeiten beim Großhandel, beim VEB Mechanische Spielwaren Brandenburg oder im Erzgebirge Ware zu organisieren. So suchte er sich im Land seine Ware zusammen und ergatterte das ein oder andere „Schmeckerchen“, wie man in Sachsen sagt.

Nach dem Mauerfall halfen Loebners alte, schon fast vergessene Kontakte. Jörg ­Loe­b­ners Ur-Großvater war 1904 Gründungsmitglied der Vedes, Europas größtem Spielwarenverband. Als die Möglichkeit einer Wiedervereinigung in der Luft liegt, kramt Loebner eine alte Adresse der Vedes hervor und schreibt einen Brief. Dank eines ­aufmerksamen Briefträgers erreicht dieser die Vedes auch unter deren neuer Adresse. Der Vorstand ist begeistert von der Post aus dem Osten – und so tanken Jörg ­Loebner und seine Frau an der letzten ostdeutschen Tankstelle vor der Grenze ihren Zweitakter voll und füllen den Kofferraum mit Kanistern, um es nach Nürnberg und zurückzuschaffen.

Die Vedes bietet Loebner nicht nur an, gegen Ostmark Westspielzeug zu kaufen. Sie findet auch heraus, dass Loebners noch immer Genossenschaftsanteile besitzen, und zahlt ihnen die Dividenden der letzten 40 Jahre aus. Außerdem lädt die Genossenschaft Loebner auf die Spielwarenmesse in Nürnberg ein. An seine erste Messe erinnert sich Jörg Loebner genau: „Mein Lada stand draußen auf dem Parkplatz zwischen den ganzen Westautos. Das war ein Anblick! Und drinnen gingen mir die Augen über. Es gab Tausende Spielwaren.“

In diesem Jahr fuhr er das erste Mal nicht nach Nürnberg, Sohn Ingo machte die Tour allein. Schließlich müsse er auch das Jahr über selbst verkaufen, was er da geordert hat, scherzt der Sohn. Das Geschäft hat er jedenfalls von der Pike auf gelernt – so wie es die Familientradition will. Wie schon für seinen Vater war auch für ihn der Laden als Kind sein Spielzimmer. Sein erstes Verkaufsgespräch führte Ingo mit sechs Jahren. Eine wertvolle Erfahrung – auch wenn es krachend scheiterte. Mit der Zeit lief es besser. Ingo Loebner stand als Kind hinter der Theke und hatte die Muße, alle Spielsachen auszupacken und dem Kunden zu demonstrieren. Schließlich kannte er alles, was sie ­verkauften.

Seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machte Ingo Loebner beim Vater. Der schickte ihn danach in den Westen, um in großen und kleinen Betrieben Erfahrung zu sammeln. Vor zehn Jahren baten ihn die Eltern zurück, die Mutter war krank. Obwohl sich Ingo Loebner im Westen ein Leben aufgebaut hatte, gab er dort alles auf, kam zurück nach Torgau – und bereut diese Entscheidung bis heute nicht.

Internationalen Markt im Visier
Der 41-Jährige freut sich darauf, die Verantwortung bald allein zu tragen. Zusammen mit einem neuen Mitarbeiter, nach dem Vater und Sohn lange gesucht haben, wird er das Traditionsunternehmen leiten. Ingo ­Loe­b­­­ner ist sich der Herausforderung bewusst: „Die Konkurrenz hat sich komplett geändert. Früher gab es in Torgau nur uns, heute gibt es in jeder Drogerie und auf der grünen Wiese Spielzeug zu kaufen. Dementsprechend gilt es heute eher, die Ware nicht einfach zu verkaufen, sondern online an den Mann zu bringen.“ In Zukunft vielleicht auch im Ausland, überlegt Ingo ­Loebner. Warum nicht?

Die Erfahrung von Generationen im Spielzeughandel lehrt schließlich: Auch ein Traditionsbetrieb kann sich verändern. Das gilt auch für andere Familientraditionen: Loebner junior hat selbst noch keine Kinder. Sollte er mal ein Mädchen bekommen, würde er aber wohl mit der zwölf Generationen währenden Tradition brechen – und der Tochter das Geschäft übergeben.

Schlagworte: Nachfolge, Onlinehandel, Spielwaren, Loebner

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