“Wettbewerb um die besten Standorte”

Die Entwicklung des Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels stagniert. Thomas Grothkopp und André F. Kunz über die Banalisierung des Angebots, virtuelle Einkaufserlebnisse und standardisierte Lieferprozesse.

Von Ralf Kalscheur 23.10.2018

© Verband der Deutschen Möbelindustrie

Herr Grothkopp, nach vier Jahren Wachstum stagnierte der Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandel 2017 – trotz positiver binnenkonjunktureller Rahmenbedingungen. Wie kam es zur Trendwende?
Grothkopp: Bei Küchenmöbeln spüren wir den Produktionsausfall eines der größten Produzenten, der Alno-Gruppe. Die übrigen Hersteller konnten diese Nachfrage nicht auffangen. Das wird sich im kommenden Jahr ausgleichen. Viele Menschen segmentieren ihre Ausgaben in Bereiche wie Essen und Trinken, Mobilität, Reisen und Kultur, Bekleidung und Wohnen. Beim Wohnen steigen die Kosten für Mieten und Kauf, Energie und Entsorgung überproportional. Gespart wird stattdessen beim Einrichtungskauf. Daher sinkt hier die Binnennachfrage.

Herr Kunz, wie entwickeln sich die Geschäfte in den verschiedenen Warengruppen im laufenden Jahr?
Kunz: Der Bedeutungszuwachs elektronischer Medien, die Nutzung von Tablets und Flachbildschirmen führt zu immer weniger Möbeln für Bücher, Videos und DVDs. Es steigt die Bedeutung von Wohnküchen mit immer bequemeren Stühlen zulasten von Polstermöbeln. Anstelle kompletter Schlafzimmereinrichtungen dominieren Boxspringbetten und Einzelmöbel. Die Umsatzanteile verschieben sich entsprechend den Nutzungsgewohnheiten.

Die zehn größten Filialisten erwirtschafteten im Vorjahr mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes, Konzentrationstendenz steigend. Das Wachstum wird vor allem durch Übernahmen bestehender Flächen generiert. Steckt der stationäre Möbelhandel in einer strukturellen Krise? 
Kunz: Der stationäre Möbelhandel befindet sich in einer starken Konsolidierungsphase im Wettbewerb um die besten Standorte. Da neue Standorte nur schwer realisierbar sind, besteht eine signifikante Nachfrage nach bestehenden Möbelhäusern, deren Inhaber verkaufswillig sind. Zumal manche von ihnen auf diese Weise ihr Nachfolgeproblem lösen.

Welche Rolle spielt der Onlinehandel – gemessen am Umsatz und als Treiber im Preiswettbewerb?
Grothkopp: Der Onlinehandel macht acht Prozent des Umsatzes aus. Betrachtet man Segmente wie Matratzen oder Kleinmöbel, liegt er deutlich höher. Bei komplexen Sortimenten wie Einbauküchen fällt es schwer, online und offline auseinanderzuhalten, denn die Customer Journey erstreckt sich hier über beide Kommunikationskanäle.

Ebenfalls auf der Stelle treten die deutschen Möbelhersteller: Billigimporte, vor allem aus Osteuropa, machen ihnen zu schaffen und befeuern die Banalisierung des Angebots in den Geschäften. Wie können Handel und Industrie gemeinsam das Hochpreissegment stärken?
Grothkopp: Uns sagen Hersteller hochwertiger Möbel aus Deutschland, Italien, Frankreich und Skandinavien, dass es immer schwerer wird, entsprechende Einrichtungshäuser zu finden, über die sich der deutsche Markt abdecken ließe. Die Wege anspruchsvoller Kunden sind teilweise weit, denn nur wenige wollen eine hohe Investition tätigen, ohne das Produkt tatsächlich gesehen und ausprobiert zu haben. Daher gibt es immer mehr Marken, die eigene Stores in wichtigen Städten eröffnen, sei es im Stilwerk, sei es dort, wo es bereits hochwertige Geschäfte gibt. Die Banalisierung stellen wir eher im mittleren Preissegment fest, angefeuert durch hohe Rabatte, die viele Kunden heute erwarten.

In der branchenübergreifenden Initiative ZIMLog entwickeln Handel, Möbelindustrie und Möbellogistik seit 2016 gemeinsam Standards, um die Prozesse der Lieferlogistik zu optimieren. Welche Fortschritte gibt es? 
Kunz: Das Projekt ZIMlog wurde plangemäß im vierten Quartal 2017 als dauerhafte Einrichtung in das Daten Competence Center (DCC) überführt. Dort steht es jedem interessierten Unternehmen zur Verfügung. Bereits im dritten Quartal 2017 hat das DCC verschiedene Handlungsempfehlungen und Standards verabschiedet, die allen Marktteilnehmern offenstehen. Zwischenzeitlich wurden innerhalb des Projekts zwei neue Themen angestoßen, die jetzt in den Probebetrieb gehen: zum einen die Frachtenbörse „MoveHub“, über die Spediteure freie Ladekapazitäten anbieten können. Zum anderen wollen wir erproben, ob der zweite Mann auf dem Lkw, der meist nur zur Entladung mitfährt, durch sogenannte Entladehelfer, die vor Ort vom Frachtführer gebucht werden, ersetzt werden kann.


Download der ZIMlog-Standards und -Handlungsempfehlungen unter: 
dcc-moebel.org/zimlog.html


Konsumenten informieren sich zunehmend online; dem Stationärhandel bleibt bestenfalls noch der Abverkauf. Helfen Virtual- oder Augmented-Reality-Technologien, das Einkaufs- und Beratungserlebnis entscheidend zu verbessern? 
Grothkopp:
 Im Bereich der sehr fortgeschrittenen 3-D-Planungssysteme bei Büroeinrichtern und Küchenstudios haben wir bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Die Systeme wurden aus der Beratung heraus von der Industrie sowie von den Anbietern von Planungssoftware und Warenwirtschaften entwickelt. Teilweise stehen sie zur Nutzung bereits Endkunden zur Verfügung. Neu ist, dass diese Systeme immer ganzheitlicher werden, beispielsweise jenes, das Otto auf der Messe imm cologne präsentierte. Ikea eröffnet erstmals stationären Kunden die Chance, mittels VR-Brillen mit unterschiedlichen Materialien und Farben zu experimentieren. Die Hobby- und Freizeitmärkte Knauber arbeiten mit Herstellern zusammen, um Räume virtuell zu gestalten. VR-Brillen vermitteln dabei einen immer realistischeren räumlichen Eindruck. Diese Entwicklung ist hochspannend.


Messe Orgatec
Neue Arbeitswelten
Für Kurzentschlossene: Noch bis zum 27. Oktober läuft die Orgatec in Köln. Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitskultur und die Gestaltung des Arbeitsplatzes? Welche Büroumgebungen begünstigen Innovationen und reibungslose Prozessabläufe? Innovative Konzepte für neue Arbeitswelten erkunden Möbel- und Bürofachhändler auf der Branchenplattform in der Domstadt. Dabei bietet die internationale Leitmesse für die Ausstattung und Einrichtung von Büro und Objekt nicht nur einen Überblick über den nahezu vollständig vertretenen Weltmarkt für Einrichtung, Licht, Boden, Akustik und Medientechnik im Büro- und Objektbereich. Auch das Event- und Kongressprogramm der Veranstaltung rückt aktuelle Trends und Entwicklungen sowie Praxisbeispiele aus aller Welt in den Mittelpunkt. Alle zwei Jahre in Köln ausgerichtet, finden 2018 zudem erstmals die beiden Kongressmessen Architectureworld sowie der Deutsche Hoteltag im Rahmen der Orgatec statt.

Schlagworte: BVDM, E-Commerce, Möbelhandel, Möbellogistik, Onlinehandel, ZIMLog, Orgatec

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