Vom Glück der kleinen Freuden

Das Weihnachtsgeschäft ist vorbei – die Branche blickt zurück: Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels (BVS), zieht Bilanz und spricht über atmende Flächen, ruinöse Preiskämpfe ­– und die Sehnsucht der Händler nach einem neuen Star-Wars-Film.

Von Mirko Hackmann 29.01.2019

© Lego

Herr Kahnt, in der Erwartung, dass die Deutschen auch in diesem Jahr wieder drei Milliarden Euro für Spielwaren ausgeben werden, gaben Sie sich auf der Jahrespressekonferenz der Branche optimistisch. Das klingt, als ob die Geschäfte gut liefen und die Lage entspannt sei …
Es ist eine gute Nachricht, dass die Spielwarenausgaben der Deutschen weitestgehend stabil sind. Das Wachstum in den vergangenen Jahren war ganz wesentlich durch Star-Wars-Lizenzprodukte getrieben, die für einen regelrechten Boom sorgten. Solche Themen gibt es aber nun mal nicht in jeder Saison. Aktuell befindet sich die Branche umsatzmäßig in einer Phase der Stabilität. In der Vergangenheit boomten Spielwaren oftmals besonders, wenn die Zeiten schwierig waren. Reicht das Geld nicht für ein neues Auto oder schöne Urlaube, investieren die Menschen verstärkt in kleine Freuden.

Bisweilen heißt es, die Branche sei innovationsmüde, hätte zu einseitig auf das immer teurer werdende Lizenzgeschäft gesetzt und den rasant wachsenden Sektor der Smartphone-Spiele vernachlässigt. Was ist da dran?
Seit Jahren betreibt es die Branche erfolgreich, klassische Spielwaren mit moderner Elektronik aufzuladen: programmierbare Legoprodukte, Brettspiele, die mit Apps gekoppelt sind, oder lebensecht wirkende Puppen, die dank Sensoren und Motoren sprechen und sich bewegen können. Und obwohl Spielwaren in einem harten Budget- und Aufmerksamkeitswettbewerb zu den wachstumsstarken Gamingprodukten stehen, erzielt die Branche stabile bis wachsende Umsätze. Eltern wollen schlicht nicht, dass ihre Kinder ständig auf Bildschirme starren. Auch die Kinder selbst schätzen weiterhin Spielzeugklassiker wie Bausteine oder Puppenhäuser, mit denen sie sich kreativ ihre eigenen Welten erschaffen und die große Welt im Kleinen nacherleben können. Grundsätzlich halte ich es für richtig, wenn sich Spielwarenhersteller auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Hinzu kommt, dass auch die Vertriebswege für Games stark im Wandel sind. Bei klassischen Spielwaren können Händler ihre Stärken besser ausspielen und haptische Erlebnisse bieten.

Trotzdem erwarten Marktbeobachter – nicht zuletzt, weil alle großen Hersteller mittlerweile ihre Produkte selbst im Internet verkaufen –, dass in zwei bis drei Jahren jeder zweite Euro in der Spielwarenbranche online umgesetzt wird. Wie reagiert der Handel auf diese Herausforderung?
Ob Konzern, Filialist oder in einer Verbundgruppe organisierter Mittelständler: Alle Händler überlegen, wie sie ihren Kunden im Rahmen ihrer Möglichkeiten offline wie online das möglichst beste Angebot bieten. Weil es ruinös ist, sich allein über den Preis zu positionieren, setzen erfolgreiche Händler verstärkt auf Service, Komfort, Erlebnis und Beratung, kurzum: auf die persönliche Beziehung zum Kunden. Kunden kaufen beim Händler ihres Vertrauens, wenn sie wissen, dass sich bei Fragen oder Problemen ihr Ansprechpartner um sie kümmern wird. Für immer mehr Händler wird es wichtig, die gesamte Omnichannel-Klaviatur zu bespielen. Pure Player werden da genauso herausgefordert wie rein stationäre Händler.

Droht nach den Insolvenzen von Toys ‘R’ Us und der deutschen Handelskette Intertoys ein Mangel an Verkaufsflächen oder stärkt diese Marktbereinigung die Position der verbliebenen Anbieter?
Im Falle von Toys ‘R’ Us sorgt nun der irische Spielwarenhändler Smyths Toys dafür, dass die Geschäfte weiterlaufen. Bei Intertoys ist es eine andere Geschichte, weil der Mutterkonzern sich komplett aus dem Segment zurückgezogen hat. Trotzdem stehen ganzjährige Spielwarenanbieter unter Druck. Denn originär spielwarenfremde Vertriebsgruppen, wie Drogeriemärkte, Buchhändler, Supermärkte und Discounter, steigen oft saisonal oder auf atmenden Verkaufsflächen in das Geschäft ein. Fachhändler, die 40 Prozent ihres Jahresumsatzes im Weihnachtsgeschäft erzielen, sehen diese Entwicklung mit Sorge. Denn sie müssen gerade in dieser Zeit Profitabilität sicherstellen, um ihre Flächen das ganze Jahr über bespielen zu können.


Steckbrief: Network Toys Germany

Herausforderung: Der Spielwaren-Einzelhandel braucht aktuelle Stamm- und Bewegungsdaten zu den Spielwarenprodukten – egal ob für den PoS oder den Webshop.

Lösung: Die Spielwaren-Handelszentralen myToys.de, Spiel & Spass, Spiel Max, Toys ‘R’ Us und Vedes bündeln den Abruf ihrer Stammdaten über die gemeinsame Gesellschaft Network Toys Germany (NTG) mit Sitz in Köln. Der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels e. V. (BVS) moderiert diese 2013 gegründete Kooperation ganz unterschiedlicher Unternehmen. Die Dienstleistungen der NTG stehen allen Händlern und Herstellern zur Verfügung.

Vorteil: Die Händler bekommen ihre Produktdaten aus einer Hand; die Hersteller liefern ihre Daten für verschiedene Händler nur einmal über die NTG. Außerdem können Händler über die NTG Aufträge, Auftragsbestätigungen, Lieferscheine und Rechnungen elektronisch per EDI mit den Lieferanten austauschen. Das geht schneller, spart Papier und minimiert Fehler.

Mehr Informationen: NTG-Branchentreff 2019 im Rahmen der Spielwarenmesse in Nürnberg am Mittwoch, 30. Januar 2019 um 12 Uhr im NCC Ost, Raum Hongkong, Messezentrum, 90471 Nürnberg.
network-toys.de

Schlagworte: E-Commerce, Spielwaren, Spielwarenhandel, NTG

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