Schürze statt Hosenanzug

Für Rewe hat sich das Experiment mit den bundesweit neun grünen Temma-Filialen nicht gerechnet. Doch Christiane Speck, Miterfinderin des Konzepts, will ihren Biospross nicht eingehen lassen – und übernimmt die zwei Kölner Filialen.

Von Florian Flicke 01.06.2018

© Temma

Was macht eine gute Unternehmerin, was einen guten Unternehmer aus? Vor allem sind es wohl das Talent und die Fähigkeit, eine sich bietende einmalige Chance beim Schopf zu packen. Bei Christiane Speck war das im Spätsommer des vergangenen Jahres der Fall. Die heute 42-Jährige hat damals alles, wovon viele in ihrem Alter nur träumen: ein erstklassiges Gehalt, einen herausfordernden Job als Bereichsleitern „Innovative Konzepte“, mit Rewe einen der besten Arbeitgeber in der Handelsbranche – und überdies einen ganzen Schrank voll mit Hosenanzügen für den Job. Und dennoch fehlt ihr etwas Entscheidendes: die uneingeschränkte persönliche und unternehmerische Freiheit. „Ich habe seit meinem BWL-Studium in ­Bamberg immer davon geträumt, mich selbstständig zu machen“, sagt Speck.

Und genau diese Chance bietet sich ihr Mitte 2017. Das Rewe-Management war zu dem Entschluss gekommen, das bundesweit laufende Experiment mit der Biomarktkette Temma zu beenden und die insgesamt neun Filialen in Köln, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Bad Homburg und Berlin aus betriebswirtschaftlichen Gründen zu schließen. Fortan will sich der Kölner Handelskonzern verstärkt auf den Ausbau des Angebots an Biolebensmitteln in den Hauptmärkten Rewe und Penny kümmern.

Als Betriebswirtin hat Christiane Speck jedes Verständnis für diesen Schritt – sie war schließlich für Temma zuständig und kennt die Zahlen. Doch als eine von zwei Geburtshelferinnen des 2009 entwickelten Konzepts kann und will sie sich partout nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass bald alles vorbei sein soll. Zu viel Herzblut steckt in der Idee. „Drei Wochen lang habe ich nachts kaum schlafen können und mir permanent die eine entscheidende Frage gestellt: Soll ich es wagen?“

Sie wagt es: Die Konzernkarriere bei Rewe hat Speck jüngst aus freien Stücken beendet. Power-Play statt PowerPoint. Mitte April übernimmt die gebürtige Hessin die zwei Kölner Filialen von Temma in den mittel- bis gutbürgerlichen Stadtteilen Bayenthal und Braunsfeld. Die beiden Filialen in der Domstadt waren stets die rentabelsten Temma-Märkte. Das liegt wesentlich an der guten Sozial- und Einkommensstruktur beider Stadtteile – Bio muss man sich als Verbraucher und Genusskunde erst einmal leisten können. „Doch auch die Kölsche Kultur der lebendigen Stadtteile, der Veedel, ist ein Trumpf“, meint Wahlkölnerin Speck. Hier zähle das Lokale noch mehr als anderorts, hier klappe die Verbindung zwischen Tradition und Moderne – und damit auch der Bund zwischen Tante Emma und der quirligen Stadt.

Produkte kleinster Biobetriebe im Sortiment
Am ursprünglichen Ziel hält Speck fest – ebenso am Namen: Temma soll mit persönlicher Fachberatung und Bedienung gerade beim großen Kreis der Stammkunden punkten. Etwa an der Fleisch- und Wursttheke mit Produkten regionaler Lieferanten oder an der Käsetheke, wo der Kunde die Auswahl unter nicht weniger als 120 Sorten hat. Das Herzstück der Märkte ist jeweils die Bäckerei samt angeschlossenem Bistro. Dort können sich junge Mütter mit Kind, der pensionierte Professor oder das hippe Paar aus der Altbaumaisonette vor oder nach dem Einkauf bei einem Cappuccino entspannen oder auch mit frisch zubereiteten Quiches, Salaten oder Suppen ihre Mittagspausen verbringen.

Ganz mit ihrer Rewe-Vergangenheit bricht Neuchefin Speck allerdings nicht: Buchhaltung und Personalverwaltung hat sie an die große Exmutter delegiert. Zudem stammen rund zehn Prozent der Waren weiter aus dem Rewe-Lager; die restlichen 90 Prozent kommen von spezialisierten Biogroßhändlern oder direkt von den Herstellerbetrieben.

Im Detail verändert Speck jedoch einiges: „Ich möchte gerne auch Produkte kleinster Biobetriebe ins Sortiment aufnehmen“, sagt die Unternehmerin, die sich mittlerweile selbst als „überzeugte Biokäuferin“ bezeichnet. Genau das sei die Chance, sich von großen Wettbewerbern wie Alnatura oder Denn’s Biomarkt zu differenzieren. Der steigenden Zahl von Singles oder beruflich Engagierten mit wenig Zeit zum Kochen will sie noch mehr Lösungen bieten – etwa „frisch zubereitete Gerichte, die nur noch im Ofen fertiggebacken werden müssen“. Für all das hofft Speck auf ein „neues Temma-Gefühl“: Sie setzt vor allem auf gute Mund-­zu-Mund-Propaganda, Topberatung und die Treue der Kunden. Für aufwendige Werbekampagnen reicht das Geld nicht. „Abgesehen von wenigen Kosmetikprodukten bewerben wir keines der Produkte aus unserem Sortiment.“

Temma soll künftig also noch mehr Tante-Emma-Charme versprühen: Stammkunden werden vom aufmerksamen Personal bereits beim Betreten des Markts mit Namen begrüßt, können viel probieren, die Gans für die Martinszeit telefonisch vorbestellen und erhalten bei der Suche nach frischen Rezept­ideen fachkundige Beratung. Selbst was unter den strengen Revisionsregeln eines Handelsmultis wie Rewe nicht möglich war, kann sich Christiane Speck für die nahe Zukunft vorstellen: „Warum sollen gute Kunden wie einst bei Tante Emma nicht auch mal anschreiben dürfen?“ Ihre Tante Emma im hessischen Heimatstädtchen hieß Frau Kurz. „Da musste ich oft für meine Mutter auf den letzten Drücker noch schnell etwas für das Mittagessen einkaufen. Das Besondere war, dass ich auch mal über dem mitgegebenen Budget liegen konnte. Dann hat das Frau Kurz angeschrieben.“

Die Chefin selbst werden vor allem die Kunden an der Aachener Straße in Braunsfeld künftig häufig zu Gesicht bekommen. Die wortgewandte Hessin ist keine, die nur zum Geldzählen oder für Personalgespräche vorbeischaut. Ihr neues Büro ist der ehemalige Raucherraum des Markts in Köln-Braunsfeld; von dort aus steuert sie ihre beiden Geschäfte. Doch wann immer es geht, will sie selbst im Laden stehen, Kunden treffen und mit anpacken. Den Hosenanzug hat sie längst gegen die Verkaufsschürze getauscht und die Ärmel der Bluse hochgekrempelt: „Wir wollen zu den besten Biomärkten Deutschlands gehören.“

Schlagworte: Temma, Risikoübernahme, Rewe, Bio-Markt

Kommentare

Ihr Kommentar