Schöngeistig

Kosmetikprodukte, die nach muslimischem Recht als halal gelten, enthalten weder Fleischextrakte noch Alkohol. Ein ganzheitlicheres Verständnis vertritt die Gründerfamilie von Arganpur: Für sie zeugt Halalkosmetik zudem von einem fairen Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt.

Von Mirko Hackmann 11.12.2018

© Al Balsam

Rund 2.500 Kilometer Luftlinie entfernt von seinem Geburtsort Marrakesch sitzt Abdelhay Fdil in einem Dortmunder Souterrain an einem Tisch und fragt seine Frau Julia Fritz, ob er ihr einen Kaffee bringen dürfe. Die Diplom-Architektin nickt ihrem Mann freundlich zu, er streichelt ihr leicht über den von einem Hijab bedeckten Kopf. „Wenn es nach mir ginge, müsste sie das Tuch nicht tragen“, sagt der studierte Verfahrenstechniker, „aber das entscheidet sie natürlich selbst.“

Von seinen Geschäftsräumen in der Friedenstraße aus vertreibt das Ehepaar die Halal-Kosmetikmarke Al Balsam. Dazu nutzen beide den eigenen Onlineshop, sind aber auch auf zahlreichen Veranstaltungen der islamischen Community mit ihren Ständen präsent. „Muslime gehen in der Regel nicht in einen Bioladen, um Naturkosmetik zu kaufen“, erklärt Julia Fritz. Zwar legten viele Gläubige Wert darauf, dass die Produkte den muslimischen Reinheitsgeboten entsprechen, also halal sind. Doch das Bewusstsein für ethischen Konsum sei wenig ausgeprägt.

Für Fritz bedeutet halal jedoch mehr, als auf Alkohol und tierische Produkte als Inhaltsstoffe zu verzichten: „Die meisten Kosmetikwaren, die auf dem Markt als halal vertrieben werden, bestehen vor allem aus Chemie. Sie werden produziert ohne Respekt vor der Natur und den Menschen, die sie herstellen.“ Dies zu ändern, sieht sie als Mission von Al Balsam. „Unser Wunsch ist es, etwas zu schaffen, das uns das Umfassende des Islam wieder vor Augen führt. Wir tragen die Verantwortung, Gottes Gaben zu bewahren und auf der Welt für Gerechtigkeit zu sorgen.“ Vom metaphysischen Überbau abgesehen, liegt Al Balsam mit dieser Haltung auf einer Linie mit Vertretern der Bio- und Fair-Trade-Bewegung und ist mit entsprechenden Siegeln ausgestattet.

Kooperation mit Fraueninitiative in Marokko
Vor zehn Jahren gründete Abdelhay Fdil in Dortmund die Arganpur GmbH. Seine Rohstoffe bezieht das Unternehmen von zwei Frauenkooperativen in Marokko. Die eine liegt im Biosphärenreservat Arganerie in der Nähe von Essaouira und produziert das Arganöl. Die andere, nahe dem Atlasgebirge im Dades-Tal gelegen, hat Fdils Schwester Naima gegründet. Sie liefert das Rosenöl. Unter fairen Bedingungen erzeugt und den Maximen der Nachhaltigkeit verpflichtet, dienen die Produkte als Grundlage für die Naturkosmetikwaren der Unternehmensmarke Al Balsam, sind aber ihrer Reinheit wegen auch bei internationalen Kosmetikherstellern begehrt.

„Nicht allen Männern hat es gefallen, als ihre Frauen plötzlich über eigenes Geld verfügten“, erzählt Fdil und berichtet von Anfeindungen und Zerstörungen. Inzwischen hat der marokkanische König Naima Fdil für ihre Verdienste gewürdigt; 2013 erhielt sie für ihr Arganölprojekt, das mittlerweile rund 180 Frauen beschäftigt, den „Prix Terre de Femmes“. Zudem unterstützt Arganpur Straßenkinder in Essaouiora, sowie medizinische Hilfsprojekte und betreibt für die Kinder aus der Kooperative eine École primaire.

Zur Rosenernte im Mai fährt Abdelhay Fdil mit den beiden jüngeren seiner vier Kinder ins Dades-Tal, um seine Schwester zu unterstützen. „Am Ende der Ernte feiern wir jedes Jahr ein schönes großes Fest mit Rosengirlanden und Berbertänzen“, sagt der 46-Jährige. Besonders wichtig ist ihm, dass die Kooperative nicht nur Anbau und Ernte übernimmt, sondern die Rohstoffe bis zur nächsten Fertigungsstufe weiterverarbeitet, also im Fall der Rosen destilliert. Handgepresst wird hingegen das Arganöl.

Beide Inhaltsstoffe bilden die Grundlage für die rund 20 Al-Balsam-Produkte, die Abdelhay Fdil auf Basis der beiden Grundstoffe entwickelt hat und in Deutschland selbst herstellt: Pflegeöle für Körper, Haar und Bart, Cremes für Hände, Gesicht oder als Sonnenschutz sowie Shampoos und ein Rosengesichtswasser. Setzt das Unternehmen derzeit noch ausschließlich auf Pflegekosmetik, ist perspektivisch geplant, auch dekorative Kosmetik anzubieten, wie zum Beispiel Nagellacke.

„Weil bei der Gebetswaschung das Wasser die Nägel benetzen muss, entfernen Nagellack tragende Musliminnen diesen bis zu fünf Mal täglich“, erklärt Fritz. Neue, wasserdurchlässige und halalgemäße Produkte machten dies überflüssig. Ein großer Markt, für den Al Balsam seinen Standortvorteil nutzen könnte. „Saubere Inhaltsstoffe für Naturkosmetikprodukte sind fast ausschließlich in Deutschland zu finden“, lobt Fdil die „extrem führende Rolle“ des Landes. Der Verfahrenstechniker selbst produziert ausschließlich Chargen von maximal 3.000 Einheiten, um die Frische der konservierungsstofffreien Ware stets garantieren zu können.

Liberales Islamverständnis
Das Geschäft läuft mittlerweile gut, doch Reichtümer anzuhäufen, ist nicht das vorrangige Ziel des Gründerehepaars. „Natürlich möchten wir Geld verdienen, aber das steht nicht im Vordergrund. Wichtiger ist es uns, die Dinge zum Besseren zu verändern“, betont Julia Fritz. Gleichwohl war es ein Wagnis, als Fdil seinen Job an der Uni Dortmund aufgab und Fritz ins Unternehmen einstieg. Vier Kinder im Alter zwischen ein und 14 Jahren lassen wenig Raum für unternehmerische Abenteuer. Ein Grund, warum Fritz zumindest vorerst weiterhin in Teilzeit als Architektin arbeitet. „Abgesehen davon macht mir dieser Job ebenfalls großen Spaß“, bekennt die Konvertitin, „mir gefällt die Abwechslung.“

Ihren Weg zum Islam fand Julia Fritz noch zu Studienzeiten mit Anfang 20. Dabei stammt sie aus einem ausgesprochen christlichen Elternhaus: „Ich hatte harte Auseinandersetzungen zu bestehen und gelte bis heute als das verlorene Schaf der Familie.“ Den Respekt ihrer Verwandtschaft habe sie sich auf die „harte Tour“ zurückerkämpfen müssen. Auf den ersten Blick mag das Tuch um ihren Kopf nicht so recht zu dieser emanzipierten Ehe- und Geschäftsfrau passen, deren Mann kocht und sich mehr als sie um den Haushalt kümmert. „Für mich ist der Hijab kein Symbol der Unterordnung. Dass Mädchen und Frauen direkt gezwungen werden, ihren Kopf zu bedecken, kommt eher selten vor. Es mag aber Eltern oder Ehemänner geben, die es erwarten, also suggestiven Zwang ausüben.“

Mit seinem liberalen Islamverständnis macht sich das Ehepaar nicht nur Freunde in der muslimischen Community. „Für uns stehen die Menschlichkeit und der Respekt vor der Schöpfung im Zentrum des Glaubens“, betont Fdil, der die strikte Trennung von Männern und Frauen in der Moschee aus seiner Heimat nicht kennt. Dem ursprünglichen Glaubensverständnis nach sei das Geschlechterverhältnis immer ein sehr entspanntes gewesen. „Ich finde es schwierig, zu akzeptieren, dass viele Muslime, die als Immigranten nach Deutschland gekommen sind, rückwärtsgewandt und dogmatisch auftreten“, bekennt Fdil.

Freiberufliche Feen gesucht
Bei den zahlreichen muslimischen Veranstaltungen, auf denen er seinen Verkaufsstand aufbaut, tritt der Sohn eines in seiner Heimat weithin geschätzten Richters und Rechtsgelehrten deshalb auch regelmäßig als Redner auf. „Ich bemühe mich, Brücken zu bauen und den Respekt vor anderen Menschen und der Natur in den Fokus zu rücken“, sagt Fdil. Seine Produkte, die genau dafür stünden, seien nicht zuletzt auch ein Mittel zum Zweck, diese Botschaft greifbar zu machen und sie in den Köpfen der Glaubensbrüder und -schwestern zu verankern.

Das scheint – zumindest den Verkaufszahlen nach – gut zu funktionieren, denn Al Balsam expandiert. Ein erster Laden in Marrakesch steht kurz vor der Eröffnung, weitere in deutschen Großstädten wie Hamburg und Berlin sollen folgen. Lizenzverkäufe in anderen Ländern sind geplant. Weit über 100 Verkaufsstellen in Deutschland und Österreich vertreiben bereits die Produkte des Unternehmens Arganpur; erst jüngst ist eine große international operierende Online-Apotheke hinzugekommen. Auch die Plattform Amazon dient als Vertriebskanal. Um den Direktvertrieb zu stärken, sucht das Unternehmen zurzeit sogenannte Al-Balsam-Feen, die auf freiberuflicher Basis für das Unternehmen tätig werden sollen. Die Mission „halal“ hat für Julia Fritz und Abdelhay Fdil gerade erst begonnen.


Der globale Markt für Halal-Kosmetik boomt

Nach einer Prognose des Marktforschungs­unternehmens Technavio könnte sich das Marktvolumen von Hala-Beautyprodukten im kommenden Jahr von 18 Milliarden auf mehr als 30 Milliarden Euro nahezu verdoppeln. Halalzertifizierte Produkte würden dann nach Berechnungen der Marktforscher sechs Prozent des globalen Marktes mit Schönheitsprodukten ausmachen. Ein Grund für den Boom: Bis Oktober 2019 müssen alle Produkte, die in dem 240 Millionen Einwohner zählenden Land Indonesien zugelassen und verkauft werden, ein Halal-Zertifikat vorweisen. Große Kosmetikunternehmen wie BASF oder L’Oréal haben längst begonnen, einzelne Zutaten und Produkte entsprechend zertifizieren zu lassen. Die Zahl der Muslime wird auf weltweit 1,57 Milliarden geschätzt.

Schlagworte: Islam, Muslime, Halalkosmetik, Beautyhandel

Kommentare

Ihr Kommentar