Nadel verpflichtet

Mit Nähe haben es viele Männer nicht so, mit Nähen erst recht nicht. Und Männer, die mit 60 einen Nähladen aufmachen, sind schwieriger zu finden als eine ­Nadel im Heuhaufen. Joachim Bürger hat’s ­getan – und in Essen Zic’n Zac gegründet.

Von Mirko Hackmann 12.10.2016

© M. Hackmann

Gibt Stoff: Joachim Bürger mit seinen beiden Mitarbeiterinnen Ines Langemeier und Anne Jacobs (v. l.) im Nähladen Zic'n Zac.

Bei Keksen und Limonade sitzen sechs junge Mädchen im Café Nahtlos beisammen und plaudern. Nähen ist das Thema der Teilnehmerinnen des Kurses „Ferienspaß für Schüler“ und natürlich, was sie nach der Pause noch alles anstellen wollen mit ihren Stoffen und Schnittmustern. In einer anderen Ecke des Ladens, zwischen der Abteilung für Kurzwaren und jener für Stoffe, gibt eine Mitarbeiterin im NähTec-Store eine Maschineneinweisung, derweil eine Kundin in der LesBar ungestört Fachliteratur studiert, während sich ihr Kind in der Spielecke Fingerhut tummelt. „Ich liebe diesen Laden“, sagt Gründer Joachim Bürger und lässt seinen Blick über die lichte Fläche schweifen.

Die nackten Zahlen besagen: Sieben fest angestellte Mitarbeiter, 17 Kurse pro Woche und 25 000 Artikel auf 400 Quadratmetern. Doch was Zic’n Zac tatsächlich verkauft, ist ein Lebensgefühl: Nähe, Wärme, Gemeinsamkeit. „Wir sind ein Treffpunkt für junge Frauen ab 25“, sagt Bürger, „und wir bieten Erlebnisse.“ Mehr als 35 Jahre lang war der studierte Kommunikationswissenschaftler in der Werbung tätig, betrieb in Düsseldorf eine gut gehende Agentur. Als die goldenen Jahre vorüber waren, hörte er mit 60 auf. Weil er aber auf Golf keine Lust hatte, griff er engagiert die Idee seiner Fußpflegerin auf – und entwickelte ein innovatives Nähladenkonzept.

„Schnell wurde mir klar, dass eine jüngere Generation von Frauen nachkommt, die Nähen als trendiges Hobby betreibt. Die Branche allerdings war in den 70er-Jahren stehen geblieben“, erinnert sich Bürger. Also fügte der Marketingexperte Sachverstand und Logik zusammen, um den inkonsistenten Markt mit modernen Mitteln zu bespielen. Seine rund 3 300 Mitbewerber erwirtschafteten zur Zeit der Gründung im Jahre 2010 etwa 1,3 Milliarden Euro Umsatz. Und von diesem Kuchen wollte sich Bürger ein Stück einverleiben. Bereits ein Jahr nach dem Start ehrte ihn der HDE mit dem Innovationspreis des Deutschen Einzelhandels, auch die ökonomische Gewinnschwelle hat er heute längst überschritten.

Doch der Erfolg ermuntert Nachahmer. „Im weiteren Umfeld haben bereits sechs neue Geschäfte eröffnet, die mit ähnlichen Konzepten wie wir arbeiten“, weiß Bürger, den die Konkurrenz zu immer neuen Ideen zu beflügeln scheint. Jüngst veranstaltete der findige Gründer das Syrian-Pop-up-Master-Tailoring, eine Live-Werkschau von Schneidern aus Aleppo, die altes Material zu Taschen und Kleidern upcycelten und sich nebenbei potenziellen Arbeitgebern empfahlen. Zudem hat er Deutschlands erstes Nähtaxi auf den Weg gebracht, die Klinik der Kuscheltiere eröffnet, einen Kurs zum Schneidern von Cosplay-Kostümen eingeführt und an der Donger Mühle in Neukirchen zum Sommercamp „Nähen und Yoga“ geladen – inklusive Übernachtung im 4-Sterne-Hotel und Transfer im Rolls Royce Silver Shadow. „Man muss denken wie ein Mädchen“, erklärt Bürger, der in den 90er-Jahren mit einer Trilogie von Machobüchern („Mann, bist Du gut“) für Aufsehen sorgte, sein Erfolgskonzept.

Gerne würde er sein auf 40 Standorte ausgelegtes Konzept bundesweit ausrollen und sucht dafür einen Koinvestor. Um das Projekt allein zu stemmen, fühlt sich Bürger zu alt. Ein Webshop kommt für ihn jedoch nicht infrage: „Im stationären Handel können Sie Emotionen wecken. Wer Kunden durch ein Online-Angebot aus dem eigenen Laden fernhält, ist für mich einfach nur bekloppt“, konstatiert der gebürtige Duisburger in unverblümtem Ruhrdeutsch.


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Schlagworte: Die Ware leben, Markt

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