Heimatkunden

Weil sich der Lebensmitteleinzelhandel aus der zunehmend unrentablen Nahversorgung in schwach besiedelten Regionen zurückzieht, nehmen Dorfgemeinschaften mancherorts das Geschäft in die eigene Hand. Auch im brandenburgischen Seddin.

Von Cornelia Dörries 04.12.2015

© Mirko Hackmann

Erfolgsprinzip Nähe: Für Marktleiterin Nicole Zocher ist der Ladentisch des DORV-Zentrums Seddin auch ein Ort des Austauschs. Sie setzt dabei auf regionale Angebote und das persönliche Gespräch.

Auf den ersten Blick wirkt Seddin wie so viele Dörfer in Brandenburg: geduckte Häuser mit gardinenverhangenen Fenstern, eine kleine Kirche und menschenleere Straßen. Doch etwas unterscheidet den stillen Ort mit seinen 1 035 Einwohnern von seinesgleichen: Hier gibt es einen Dorfladen. Genauer: einen DORV-Laden. DORV steht für „Dienstleistungen und ortsnahe Rundumversorgung“ und ist, wenn man so will, eine Erfindung von Heinz Frey aus dem rheinischen Jülich-Barmen.

Nachdem in seinem Heimatort auch der letzte Laden aufgegeben hatte, setzte der kommunalpolitisch aktive Gymnasiallehrer im Jahr 2005 der zunehmenden Verödung ein alternatives Konzept zur Wiederbelebung der dörflichen Nahversorgung entgegen. Mit Engagement, unzähligen Arbeitseinsätzen und der Ausgabe von Bürgeraktien gelang es dem 1 400-Seelen-Dorf, ein altes Ladenlokal in ein lebendiges, wirtschaftlich tragfähiges Nahversorgungs- und Dienstleistungszentrum zu verwandeln – finanziert und betrieben von den Einwohnern.

Erfolgsrezept aus Jülich-Barmen

Von dieser Erfolgsgeschichte hörten im Jahr 2008 drei Seddiner Bürger bei einem Vortrag in der örtlichen Heimvolkshochschule. Und zumindest der traurige Teil kam ihnen sehr bekannt vor. Denn der letzte Laden hatte in Seddin schon vor Jahren zugemacht, ebenso die Post und der Metzger. Für jedes Stück Butter mussten sich die Seddiner ins Auto setzen und zum Supermarkt in das gut zwei Kilometer entfernte Neuseddin fahren; die weniger mobilen Dorfbewohner waren für ihre täglichen Besorgungen auf Hilfe angewiesen. Auch das Dorfleben, sofern noch davon die Rede sein konnte, hatte nach der Schließung des Rewe-Markts an der Hauptstraße keinen Ort mehr. Kein Wunder also, dass die DORV-Idee aus Nordrhein-Westfalen in Seddin eine rege Diskussion auslöste und sich 2009 eine Bürgerinitiative für die Wiederbelebung der örtlichen Nahversorgung gründete.

Mit dabei war auch Michael Schmidt. Der Professor für Biochemie und Virologie, seit Anfang der 90er-Jahre in Seddin wohnhaft, hatte den Niedergang mit Sorge beobachtet und sah im DORV-Konzept die Chance, dem Ort wieder zu einem Lebensmittelladen mit gemeinschaftlichem Mehrwert zu verhelfen. Dass er weder vom Einzelhandel noch von Kommunalpolitik viel Ahnung hatte, hielt den Wissenschaftler nicht ab. „Wir mussten mit der Gemeinde verhandeln und an Fördergelder kommen, um die nötigen Machbarkeitsstudien zu finanzieren“, erinnert er sich. Die Mühen der Ebene lohnten sich am Ende: Die Generali Versicherung unterstützte das Vorhaben finanziell, und die Berater der aus dem Pionierprojekt in Jülich-Barmen hervorgegangenen DORV-Zentrum GmbH attestierten Seddin nach einer zweistufigen professionellen Analyse gute Voraussetzungen.

Als größte Hürde erwies sich jedoch die Suche nach einem Partner für den Betrieb des zu gründenden Einzelhandelsgeschäfts. „Rewe, Edeka und alle anderen großen Anbieter haben nur abgewinkt“, sagt Michael Schmidt. „Für solche Anbieter erfüllt ein kleiner Dorfladen nicht ansatzweise die Voraussetzungen.“ Vollsortimenter siedeln sich erst an, wenn im Einzugsbereich der Filiale mindestens 10 000 Menschen wohnen – Seddin kommt zusammen mit Kähnsdorf und Neuseddin auf gerade einmal 4 000 Einwohner. Also gründeten die Gemeinde Seddiner See und der 2011 aus der Bürgerinitiative hervorgegangene DORV-Club Seddin e. V. (DCS) eine GmbH & Co. KG für den Betrieb des Ladens. Doch die Gemeinde knüpfte ihre Bereitschaft an das finanzielle Engagement der Dorfbewohner – in Höhe von mindestens 50.000 Euro. Schmidt und seinen Mitstreitern gelang das Unmögliche: Sie warben unter ihren Nachbarn für eine Beteiligung als „stiller Gesellschafter“, zu haben für eine Mindesteinlage von 200 Euro, und baten bei örtlichen Firmen um Unterstützung. Innerhalb von zwei Monaten hatten sie das Geld zusammen.

Der Rest ist Geschichte: Mit Fördermitteln von Gemeinde und EU in einer Gesamthöhe von gut 800.000 Euro wurde der ehemalige Rewe-Markt renoviert und um ein Café, Büroräume und einen Veranstaltungssaal ergänzt. Und dann war es so weit: Am 28. März 2014 eröffneten die Seddiner ihr neues altes Dorfzentrum – mit einem Einkauf. Die Betreiber-GmbH kooperiert über einen Lieferantenvertrag mit Bartels-Langness, besser bekannt als BELA, und führt in dem 165 Quadratmeter großen Laden ein grundständiges Warensortiment für den täglichen Bedarf. Frischwaren bezieht das Geschäft von regionalen Produzenten aus dem Umland, die Kartoffeln stammen von einem ortsansässigen Bauern.

Seit September 2014 leitet Nicole Zocher den Markt. Die einstige Schlecker-Mitarbeiterin aus Potsdam ist ein erfahrenes Einzelhandelsgewächs, kennt die Brandenburger Kundschaft und ist froh, nach Jahren des aufreibenden und anonymen Filialbetriebs wieder in einem Geschäft arbeiten zu können, in dem nicht allein der schnelle Umsatz zählt, sondern das Miteinander. Denn sie ist mit einer Vollzeitkollegin und drei Teilzeitmitarbeiterinnen nicht nur für den Dorfladen zuständig, sondern kümmert sich auch um das Café und die Veranstaltungsräume nebenan, die rasch nach der Eröffnung zum neuen sozialen Treffpunkt der Seddiner avancierten.

Der Wandel ist spürbar

Der DORV-Club Seddin, neben der Betreiber-GmbH des Ladens sozusagen der zweite Hausherr, hat mit einigem Erfolg wieder Schwung in das Gemeindeleben gebracht. Es gibt eine Bibliothek, die nach dem Prinzip „Bring eins, nimm eins“ funktioniert und stetig wächst; im Haus treffen sich Mutter-Kind-Runden, der Dorfchor sowie Sport- und Seniorengruppen. Im gut gebuchten Veranstaltungssaal finden regelmäßig Konzerte, Lesungen und Vorträge statt; die Räumlichkeiten können außerdem für Familienfeste und größere Feiern gemietet werden – Betreuung und Catering übernimmt das Team um Nicole Zocher. „Bis Ende des Jahres ist unser Haus ausgebucht“, sagt die forsche Frau mit den roten Haaren nicht ohne Stolz.

Auch bei Mitinitiator und Vereinsvorstand Michael Schmidt vom DORV-Club Seddin überwiegt die Zufriedenheit, vor allem in Hinblick auf die kulturellen Angebote, die sich mit dem DORV-Zentrum etabliert haben. „Der Wandel im Ort ist deutlich spürbar“, konstatiert der hochgewachsene Mann. „Der Zugewinn an Lebensqualität macht sich auch demografisch bemerkbar. Die Abwanderung ist gestoppt. Erstmals seit Jahren verzeichnet Seddin wieder ein Bevölkerungswachstum.“ Auch wenn dieser Zuwachs in erster Linie mit den neu erschlossenen Eigenheimsiedlungen zu tun hat – dass die Baugrundstücke so rasch verkauft waren, ist auch der funktionierenden Nahversorgung vor Ort und einer lebendigen, dörflichen Gemeinschaft zu verdanken, die es ohne den DORV-Club nicht gäbe.

Was Schmidt indes noch bekümmert, ist das ungenutzte Potenzial des Ladens selbst. Er wünscht sich eine stärkere Regionalisierung des Warenangebots, mehr Biofrischwaren und Produkte aus den Ökolandhöfen der Umgebung. Denn so viel ist den Betreibern klar: Ein 08/15-Sortiment der unteren Preisklasse lockt auch die Kundschaft auf dem Land nicht mehr, und mit den günstigen Discountern kann und soll der Dorfladen nicht konkurrieren. „Natürlich muss ich Kunden enttäuschen, die nach exotischen Delikatessen fragen“, sagt Nicole Zocher. „Aber sie sollten auch bei uns immer gute Nudeln, Biowaren und frische Eier bekommen.“

Noch schreibt der Laden keine schwarzen Zahlen, auch wenn der Zuspruch gut ist. „Doch der Erlös aus dem Geschäft wird überstrapaziert“, gibt Michael Schmidt zu bedenken. „Denn daraus wird auch die materielle und personelle Infrastruktur finanziert, die hier die Vereine und Gruppen nutzen.“ Er hofft, dass sich die Gemeinde künftig stärker an den Kosten für die Betreuung und den Unterhalt der sozial und kulturell genutzten Räume beteiligt und dadurch buchhalterisch klarer zwischen dem Ladenbetrieb und dem Vereinsleben unterschieden werden kann. Trotz solcher offenen Fragen fällt seine persönliche Bilanz positiv aus: „Die Verknüpfung von Nahversorgung und Kultur ist ein Erfolg versprechender Ansatz für die Entwicklung im ländlichen Raum.“

„Ob sich Modelle wie DORV langfristig durchsetzen, wird auch von der Entwicklung neuer Handelsstrukturen in solchen Regionen abhängen“, gibt Michael Reink vom HDE zu bedenken. Denn trotz ihres löblichen Ansatzes seien die Dorfläden in Eigenregie oft kein Ersatz für eine umfassende Nahversorgung der dort lebenden Bevölkerung. Ob der E-Commerce eine Lösung sein kann? Die Suche danach hat gerade angefangen.


Verhaltener Optimismus

Für Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik beim HDE, muss sich die wirtschaftliche Tragfähigkeit solcher Konzepte noch erweisen:

„Der Rückzug des Lebensmitteleinzelhandels aus schwächer besiedelten Regionen ist die Konsequenz demografischer Prozesse sowie der Migration im Bundesgebiet: Wenn Menschen ihre Dörfer verlassen, gehen dem dortigen Handel zugleich die Kunden verloren. Diese Entwicklung hat in vielen Gegenden Deutschlands dazu geführt, dass Märkte mangels Nachfrage schließen mussten. Dies trifft auch auf große Filialunternehmen zu. So dünnte auch ein bundesweit agierender Discounter in jüngster Vergangenheit sein Filialnetz aus.

Projekte wie DORV sind zunächst ein guter Ansatz, dieser Tendenz etwas entgegenzusetzen. Doch der Beweis, ob die sich entwickelnden Strukturen wirklich nachhaltig sind, steht noch aus. Wie sich die Nahversorgung auf dem Land gerade unter Einbeziehung des E-Commerce entwickeln wird, ist eine der interessantesten Fragen, die den Handel gerade beschäftigen. Denn auch wenn es auf dem Dorf vielleicht keinen Laden mehr gibt – so lange dort Menschen wohnen, wird es auch eine Nachfrage geben.“

Schlagworte: Lebensmittelhandel, Regionalität, Dorfladen, DORV

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