Digitale Transformation

Vom Gefährder zum Gefährten

Disruption als Chance: Kooperationen mit Start-ups bergen nicht nur Wachstums- und Innovationspotenziale, sondern auch Impulse für digitale Transformationsbestrebungen. Wie erfolgreich ein Händler darin letztlich ist, bleibt dabei eine Frage der kulturellen Anpassungsfähigkeit.

Von Nadine Filko 15.03.2020

© Song about summer / Stock Adobe

Start-ups können etablierte Unternehmen bei der Transformation unterstützen.

Integration ist weitaus mehr als eine politische Debatte. Sie ist das Rezept zur Überwindung kultureller Differenzen – auch im Zusammenspiel der neuen und alten „Spielmacher“ der Wirtschaft. Denn treffen Start-ups und Corporates aufeinander, herrscht auf beiden Seiten initial oft Unverständnis gegenüber der Kultur der anderen.

„Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sprechen nicht immer dieselbe Sprache wie Start-ups. Erstere fühlen sich oft nicht ernst genommen und letztere von den etablierten Unternehmen oft nicht verstanden“, erklärt Guido Zinke, Seniorberater und Projektleiter in der VDI/VDE Innovation + Technik, einem Dienstleistungsunternehmen, das als Projektträger und Berater Bundesministerien bei der Analyse, Organisation und Förderung von Innovationen und Technik unterstützt.

Der kulturelle Graben ist natürlich wiederum auch für etablierte Unternehmen nicht leicht zu überwinden, was nicht selten zum Scheitern von Kooperationen führt und die Wirtschaft ausbremst. Wer aber nicht kooperiere, reagiere auf Veränderungen am Markt langsamer als die zusammenwirkende Konkurrenz, führt Barbara Engels, Economist für Digitalisierung und Wettbewerb am Institut der Deutschen Wirtschaft, aus. Die Konsequenz: wirtschaftliche Einbußen.

„Über den Tellerrand zu schauen, hat viele Vorteile: Unternehmen können bestehende Unterschiede etwa im Grad der Digitalität, der Flexibilität, der Art des strategischen Denkens und der Prozessgestaltung nutzen, um ihre eigenen ,Marotten‘ zu überwinden und sich dadurch verbessern“, fasst die Expertin die Ergebnisse der Analyse „Start-ups und Mittelstand. Potenziale und Herausforderungen von Kooperationen“ zusammen.

Kultur des Scheiterns versus Risikoangst

Um eine Kooperation erfolgreich auf den Weg zu bringen, müssen Unternehmen über ihren Schatten springen und sich, wie die Analyse gezeigt hat, konträr zur eigenen Kultur der Vorsicht verhalten. Denn wer Teil und nicht Opfer einer Disruption sein will, muss gewisse ökonomische Wagnisse eingehen. Dabei bergen entgegen aller Ängste Kooperationen mit Start-ups laut Zinke das Potenzial, Innovationsrisiken zu minimieren: „Händler können gemeinsam mit Start-ups Projekte bearbeiten, bei denen sie nicht sicher sind, ob sie Erfolg versprechen. Das Unternehmen kann so Risiken über Kollaboration aus dem Kerngeschäft in Innovationsprojekte auslagern.“ Dabei sei es allerdings wichtig, dass alle Parteien auch von der Kooperation profitieren und Risiken fair geteilt sind.

Seien die Ängste erst überwunden, ginge es zudem darum, Unternehmen ganzheitlich umzubauen. Eine einzelne Innovationsabteilung sei zu wenig. Was es braucht? Eine Innovationskultur, die von oben vorgelebt und bestenfalls im gesamten Unternehmen umgesetzt wird. „Geschäftsführer und Vorstände sollten offen an neue Projekte herangehen und Kooperationen mit Start-ups oder auch mit Mitbewerbern und Branchenfremden eingehen, um völlig neue Ideen zu entwickeln“, rät der Experte.

Komplementäre Fähigkeiten nutzen

Ein weiterer kultureller Unterschied ist laut Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) die Altersstruktur: Meist trennt Corporates von Gründern eine ganze Generation. Doch auch diese vermeintliche Hürde birgt Potenziale. Kai Buehler, Leiter des Studiengangs „Digital Business Management“ an der Rheinischen Fachhochschule Köln, beschreibt in einer Studie das „4T-Modell“ – eine positive Korrelation zwischen Team, Traction, Tech & Product sowie Timing und der Steigerung des Unternehmenswerts.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk verrät Buehler, dass es förderlich ist, wenn sich ein Gründerteam aus Personen mit komplementären Kompetenzen zusammensetzt.[i] Auf Kooperationen übertragen, könnte man ableiten, dass die Zusammenarbeit von etablierten Unternehmern und Gründern mit unterschiedlichem Background, heterogener Berufserfahrung und divergierenden Erwartungen sich positiv auf den Erfolg des Projektes auswirken kann. Das bestätigt auch die Analyse des IW. Dort heißt es, dass aus unterschiedlichen Kompetenzprofilen gegenseitige Befruchtung und Ergänzung entstehen könne.

Vom Kundennutzen zur Kooperation

In einem Punkt jedoch sollten es Händler Start-ups gleichtun: in der Konzentration auf den Kundennutzen. Laut Zinke ein fundamentales Unterscheidungsmerkmal von Start-up und etabliertem Unternehmen. Dabei sei es die Basis zur Entwicklung wirkungsvoller digitaler Instrumente. „Die Konsumenten werden mit einer wachsenden Zahl an digitalen Schnittstellen konfrontiert, die einen Mehrwert bieten müssen.“ Ein Mehrwert, der sich nur durch Wissen um den Kundennutzen und -willen schaffen lässt. Erst mit diesem Wissen lohne sich die Kooperation mit einem Start-up.

Doch auch dann ist nicht jedes Format für jeden Händler geeignet. Formate wie Accelerator oder Inkubator sind sehr investitionsintensive Kooperationsformen. Für kleine Händler seien diese kaum zu stemmen. Zinkes Tipp: Händler sollen sich zusammentun, um große Formate wie einen Accelerator umzusetzen. „Aber auch die Inanspruchnahme öffentlicher Förderungen, wie beispielsweise durch die „Smart Service Welten“ vom Bundeswirtschaftsministerium, ist für den Aufbau einer Kooperation denkbar“, so Zinke.

Daneben stehen Formate wie ein Hackathon oder Lab. Dort können Händler Start-ups kennenlernen, um anschließend weitere Schritte der Kooperation zu gehen. Wichtig ist letztendlich den ersten Schritt zu tun, denn nur dann wird für den Experten aus der Disruption durch Kooperation die Chance zur Transformation.

Schlagworte: Transformation, Start-up, Kooperation

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