Textilwirtschaft

Etikettenschwindel

Factory Outlet Center erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Dabei sind dort Verbraucher­täuschungen, Preismanipulationen und Wettbewerbsverzerrungen an der Tagesordnung.

Von Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Textil (BTE) 12.02.2020

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Umsatz mittel­fristig verdoppeln: Factory Outlet Center, wie das Ingolstadt Village, sind in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Der Verbraucherschutz bleibt oft auf der Strecke.

Die Diskussion um Factory Outlet Center (FOC) erhitzt die Gemüter im deutschen Einzelhandel. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht neue Standorte auf der Landkarte erscheinen, schwächelnde Einkaufszentren zu Schnäppchenparadiesen umgebaut oder bestehende FOC vergrößert werden sollen. Neben den bekannten standortthematischen Gesichtspunkten spielen zuletzt auch immer wieder wettbewerbliche Aspekte eine Rolle.

Denn jüngste Recherchen von WDR und RBB decken auf, dass in FOC neben Alt- und B-Ware, Restposten, Retouren etc. auch Bekleidung, Schuhe und Lederwaren angeboten werden, die offensichtlich eigens für FOC produziert werden. Sie sind mit einem nicht nachvollziehbaren Preis versehen und weisen eine deutlich geringere Qualität auf als jene Artikel, die beispielsweise im Fachhandel oder in Warenhäusern verkauft werden.

Image des Handels leidet

In der Wahrnehmung der Verbraucher wird FOC-Ware jedoch als „normal“ respektive identisch mit dem Warenangebot des Facheinzelhandels, zum Beispiel in den Innenstädten, angesehen. Der scheinbar günstigeren Preise wegen erwerben Konsumenten das Produkt dann vornehmlich im FOC. Für den betroffenen Handel zieht das Umsatz-​einbußen und ein massives Imageproblem nach sich.

Die betroffenen Bundesfachverbände BTE (Textil), BDSE (Schuhe) und BLE (Lederwaren) sehen in diesen Praktiken sowohl eine Täuschung der Verbraucher im Hinblick auf Qualität und Preis der angebotenen Ware als auch eine rechtlich bedenkliche Verzerrung des Wettbewerbs zwischen FOC und Fachhandel. Nach Kenntnissen dieser Verbände enthalten die Mietverträge zwischen FOC-Betreibern und Mietern in der Regel Bestimmungen, dass dort lediglich Alt- und B-Ware, Restposten, Retouren etc. verkauft werden dürfen und bestimmte Preisnachlassuntergrenzen einzuhalten sind.

Auch die Bau- und Betriebsgenehmigungen der jeweiligen Kommunen enthalten solche Bestimmungen. Wie eine Umfrage von BTE, BDSE und BLE bei allen FOC-Standortgemeinden Deutschlands ergeben hat, werden diese Vorgaben jedoch oftmals ignoriert oder deren Einhaltung nicht ausreichend beziehungsweise nicht adäquat geprüft. Eine Anfrage bei den kommunalen Spitzenverbänden, sich dieses Themas anzunehmen, stieß zunächst auf verhaltende Akzeptanz. Aufgrund eines doch geringen Marktvolumens der FOC sei ein unmittelbarer Handlungsdruck nicht erkennbar.

Fehlverhalten ahnden

Man fragt sich: Ist das wirklich so? Nach einem aktuellen FOC-Marktbericht der Wirtschafts-, Standort- und Strategieberatung Ecostra erreichen die FOC in Deutschland durch Neuansiedlungen und Erweiterungen mittelfristig einen Marktanteil von gut fünf Prozent. Zudem soll sich der heutige FOC-Gesamtumsatz mehr als verdoppeln. Sicherlich stellen FOC damit gesamtwirtschaftlich (noch) kein gravierendes ­Problem für den gesamten Modeeinzelhandelsmarkt dar, gleichwohl können sie aber regional und standortspezifisch zu erheblichen negativen Effekten führen.

Was die Verstöße gegen relevante Verbraucherschutzregelungen betrifft, wäre auch ein Aufschrei der sonst so aktiven Verbraucherschutzverbände angebracht gewesen. Entsprechende Anfragen an die Verbände in diese Richtung blieben jedoch gänzlich unbeantwortet.

Angesichts der Größe und der zu erwartenden Umsatzentwicklung der FOC sind nach Auffassung der drei Bundesfachverbände die Aufsichts- und Kontrollbehörden angehalten, Verbrauchertäuschungen, Preismanipulationen und Wettbewerbsverzerrungen aufzudecken sowie die Einhaltung vertraglicher Regelungen zu überprüfen und Fehlverhalten zu ahnden. BTE, BDSE und BLE fordern in diesem Zusammenhang:

- Soweit noch nicht geschehen, dürfen die Bau- und Betriebsgenehmigungen sowie die Mietverträge der FOC lediglich den Verkauf von Alt- oder B-Ware sowie Restposten erlauben. Ausdrücklich verboten werden sollte der Verkauf von Ware, die eigens für das FOC produziert wurde, um einerseits die Gefahr von „Mondpreisen“ zu minimieren, andererseits aber auch die bewusste Überproduktion von Waren einzudämmen.

- Die zuständigen Kommunen und FOC-Betreiber müssen die Einhaltung obiger Forderungen durch kompetente, unabhängige Warenspezialisten überprüfen lassen. Insbesondere die Überprüfung der Einhaltung der Art und Qualität der in FOC angebotenen Waren sowie auch die Überwachung der Preisgestaltung sollten regelmäßig und unangekündigt durch unabhängige Institutionen, wie zum Beispiel durch ein gemeinsames Gremium aus Vertretern der lokalen IHK/Einzelhandelsverbände, der Bundesfachverbände, und – falls erforderlich – zusätzlich durch unabhängige Branchengutachter, erfolgen.

- Vertraglich vereinbarte Strafzahlungen bei Verstößen gegen Sortimentsfestsetzungen könnten beispielsweise zur Förderung des Stadtmarketings an die Kommunen im Einzugsbereich des jeweiligen FOC fließen.

Der BTE beabsichtigt darüber hinaus – in Kooperation mit den Landesverbänden des HDE –, regelmäßig Testkäufe in FOC durchzuführen und die gekauften Waren auf Qualität und Preiszusammensetzung adäquat untersuchen zu lassen. Die Ergebnisse sollen den Aufsichts- und Kontrollbehörden zur Verfügung gestellt werden sowie der Aufklärung von Verbrauchern und der allgemeinen Öffentlichkeit dienen. ●

Schlagworte: Textilwirtschaft, Factory Outlet Center

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