Food Waste

Rettung in Tüten

Die Foodsharing-App Too Good To Go vermittelt überschüssige Lebensmittel in Überraschungstüten zum kleinen Preis. Einfache Lösung, wachsende Nachfrage: Handelsketten suchen nach Wegen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und sich nachhaltig zu präsentieren.

Von Ralf Kalscheur 10.03.2020

© Too Good To Go

Die Foodsharing-App Too Good To Go dient als Vermittlungsplattform für überschüssige Lebensmittel, die in ihrer Qualität jedoch weiterhin einwandfrei sind.

Auf dem weitläufigen Fabrikgelände des einstigen Elektrounternehmens AEG in Berlin-Wedding haben sich zahlreiche Firmen und Start-ups angesiedelt. Für ortsunkundige Besucher ist die Too Good To Go GmbH mit ihren fast 50 Mitarbeitern im verzweigten Gebäudeensemble kaum zu finden. Gut, dass es sich der laut Eigenbeschreibung „motivierte Haufen mit der Mission Lebensmittelrettung“ auf die Fahnen geschrieben hat, Menschen abzuholen.

Zunehmend sichtbar ist die Präsenz der Initiative in hiesigen Supermärkten. „Seit unserem Start im Jahr 2016 konnten wir rund 4 000 Partner für die Zusammenarbeit gewinnen“, erzählt Deutschlandchefin Laure Berment. Die meisten davon sind Restaurants, Imbisse oder Bäckereien, der Anteil des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) liege aktuell bei etwa zehn Prozent. Das soll sich bald ändern. „Mit neuen Partnern aus dem Handel werden wir in diesem Jahr noch viel mehr Lebensmittel gemeinsam retten können“, kündigt die 30-Jährige an.

Die Foodsharing-App Too Good To Go dient als Vermittlungsplattform für überschüssige Lebensmittel, die in ihrer Qualität jedoch weiterhin einwandfrei sind. Nutzer der App können diese Waren in den teilnehmenden Märkten in der Nähe zum Ladenschluss für kleines Geld abholen. Marktmitarbeiter sortieren und packen die Lebensmittel in Überraschungstüten, die über die App in Kategorien wie „Obst und Gemüse“ oder „Backwaren“ tagesaktuell je nach Überhang angeboten werden.

Angebot schnell vergriffen

„Der reduzierte Preis pro Lebensmitteltüte beträgt im Schnitt ein Drittel des ursprünglichen Warenwerts und liegt zwischen 3,50 und 4,50 Euro“, erklärt Berment. Die Supermärkte tragen den Konfektionsaufwand sowie eine geringe Jahresgebühr (39 Euro), müssen die Lebensmittel aber nicht entsorgen und können in der Öffentlichkeitsarbeit durch nachhaltiges Engagement punkten.

Die vor dem Verkauf stehende Handelskette Real rollte die Kooperation mit Too Good To Go im vergangenen Sommer auf alle 279 Standorte aus. Auf dem Deutschen Handelskongress wurde die Initiative mit dem Innovationspreis des Handels 2019 ausgezeichnet. Berment saß bei der Gala neben Real-Geschäftsführer Patrick Müller-Sarmiento, der „für das Thema Nachhaltigkeit brennt“, wie die Managerin sagt. „Als Handelsunternehmen sind wir uns stets unserer Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft bewusst“, betonte Müller-Sarmiento.

Bislang wurden über die Kooperation bereits über 250 000 Portionen Lebensmittel abgegeben, teilt eine Unternehmenssprecherin von Real mit: Die Überraschungstüten seien stets schnell vergriffen, das Potenzial sei nach wie vor hoch. „Das Angebot ist insbesondere in ländlichen Gebieten noch nicht so bekannt.“ Nach Tests in Berlin will Alnatura die App bald bundesweit anbieten; mit Kaufland sei man diesbezüglich in guten Gesprächen, berichtet Berment. Einige Rewe- und Edeka-Märkte sowie Biosupermärkte machen auch schon mit.

„Mit neuen Partnern aus dem Handel werden wir in diesem Jahr noch viel mehr Lebensmittel gemeinsam retten können.“

Laure Berment, Geschäftsführerin Deutschland von Too Good To Go

App millionenfach heruntergeladen

Die Zahlung wird vor der Abholung über die App abgewickelt, rund 20 Prozent Provision pro Transaktion erlöst Too Good To Go. Bereits millionenfach kostenlos heruntergeladen, findet die Plattform monatlich etwa 100 000 aktive Nutzer in 900 Städten. Rund drei Millionen Portionen Lebensmittel landeten seit dem Deutschlandstart nicht in Tonnen, sondern in Überraschungstüten. Das Unternehmen hält seine Partner an, die Tüten nach Möglichkeit vielfältig und attraktiv zusammenzustellen, damit die Überraschung für den Kunden keine unliebsame ist. „Ich habe mal einen Beutel gekauft, der nichts außer Kohlrabi enthielt“, erinnert sich Berment lächelnd. Der Verzehr entpuppte sich selbst für die an Rezeptideen nicht arme Lebensmittelretterin als Herausforderung.

In Deutschland werden nach Schätzungen jedes Jahr zwischen 13 und 18 Millionen Tonnen noch genießbare Lebensmittel weggeworfen. Mehr als die Hälfte der Gesamtmenge verschwenden private Haushalte, die mehr einkaufen, als sie verbrauchen. Statt sich auf ihren Geruchs- und Geschmackssinn zu verlassen, entsorgen viele Konsumenten einwandfreies Essen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Too Good To Go hat darum im November die Kampagne „Oft länger gut“ gelauncht.

Mit vielen Playern im Gespräch

Hersteller und Händler wie Lidl, Penny, Tegut oder Bio Company sagen zu, den Hinweis in der Nähe des Mindesthaltbarkeitsdatums auf ihren Produkten zu platzieren. Die erfolgreiche Kampagne soll auch als Türöffner für die weitere Zusammenarbeit in Sachen App dienen. „Wir treffen den Nerv der Zeit mit einer einfachen Lösung und befinden uns mit nahezu allen großen Playern der LEH-Branche in guten Gesprächen“, sagt Berment.

Die ebenso redegewandte wie charmante Französin ist eine Überzeugungstäterin. Bevor sie 2019 zu Too Good To Go kam, leitete die Absolventin eines BWL-Studiums das Sozialunternehmen Marktschwärmer, das mit dem schönen Slogan „Bauer to the people!“ kleine regionale Erzeuger an eine Onlineplattform anschließt.

Mit der Foodsharing-App will Berment in diesem Jahr in neue Dimensionen vorstoßen und den Umsatz auf „sieben bis acht Millionen Euro“ vervielfachen. Eine neue Wissensplattform rund um das Thema Food Waste soll die Identifikation der Nutzer mit dem Unternehmen stärken, das im kommenden März einen prominenter situierten Firmensitz in Kreuzberg bezieht. Die Start-up-Phase ist vorbei. ●

Lebensmittel retten per App

Too Good To Go, 2015 von Stian Olesen, Thomas Momsen und Klaus Pedersen in Dänemark gegründet, expandierte 2016 nach Deutschland. Hierzulande bekannt wurde das Unternehmen durch einen Auftritt in der reichweitenstarken Gründershow Die Höhle der Löwen. Der „Deal“ in Höhe von rund einer Million Euro, gemeinsam angeboten von fünf TV-Investoren, platzte allerdings; man wurde sich nicht einig. Anfang 2019 schloss das mit dem Bundespreis Zu gut für die Tonne ausgezeichnete Unternehmen eine Finanzierungsrunde in Höhe von sechs Millionen Euro ab. Kapital gaben nach Angabe von Branchenkennern Altgesellschafter wie Mike Lee, Mitgründer der Sport-App Myfitnesspal, und Mette Lykke, eine der bekanntesten Unternehmerinnen Dänemarks. Lykke fungiert auch als Geschäftsführerin von Too Good To Go. Seit der Gründung hat die Essensreste-App 16 Millionen Euro eingesammelt und ist mittlerweile in 13 europäischen Ländern vertreten. Vor wenigen Wochen erhielt das Social Impact Business eine sogenannte B-Corp-Nachhaltigkeitszertifizierung, die von der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation „B Lab“ vergeben wird. Der Markteintritt in den USA ist im Jahresverlauf geplant.

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Lebensmittel, LEH, Food Waste, Digitalisierung

Kommentare

Ihr Kommentar