Die Ware leben

Erbstück

Man könnte das Hamburger Traditionshaus Ernst Brendler für ein Outdoor-Fachgeschäft halten. Doch anstelle von modernen Kunstfasertrikotagen oder Hightech-Wanderschuhen gibt es dort klassische Weltbürgerbekleidung aus eigener Herstellung.

Von Cornelia Dörries 29.09.2020

© dpa picture alliance/Angelika Warmuth

Die Nachfrage nach Marine- und Tropenausrüstung kommt heute freilich nicht mehr aus Richtung Überseehafen, sondern von Privatpersonen.

Als Ernst Brendler zu Kaiserzeiten sein Fachgeschäft eröffnete, war er in Hamburg nur einer von vielen Anbietern für Berufskleidung. Und auch wenn der Laden seiner Spezialisierung über mehr als 140 Jahre treu geblieben ist, verbinden sich damit nicht mehr harte körperliche Arbeit, Entbehrung und Gefahr, sondern Sehnsucht, Fernweh und die Verheißung von Abenteuer.

Denn bei Ernst Brendler gibt es „Marine- und Tropenausrüstung seit 1879“. So steht es über dem Schaufenster in der Großen Johannisstraße, in leuchtend weißen Buchstaben auf marineblauem Grund. Einzig der Verweis auf die Website des Ladens erinnert daran, dass es sich nicht um die Kulisse eines Films mit Hans Albers handelt, sondern um ein in vierter Generation gut geführtes Traditionsgeschäft auf der Höhe der Zeit.

„Natürlich kann man bei uns auch längst online einkaufen“, sagt Inhaberin Ingrid Osthues. Sie hat den Laden 1994 von ihrem Vater übernommen ­– und wie es sich gehört für ein hanseatisches Familienunternehmen, steht mit den Söhnen Kay und Sven schon die nächste Generation bereit. Die Nachfrage nach Marine- und Tropenausrüstung kommt heute freilich nicht mehr aus Richtung Überseehafen, sondern von Privatpersonen. Viele davon sind Stammkunden, die, so es erzählt Ingrid Osthues, nicht selten schon als Kind zum ersten Mal mit ihren Großeltern bei Brendler eingekauft haben.

Seine Beständigkeit verdankt das Unternehmen nicht zuletzt dem Vermögen, wirtschaftliche Rückschläge geschickt zu parieren. Als in den 1970er-Jahren die deutschen Reedereien ihre Geschäfte ins Ausland verlagerten, brachen für Spezialanbieter wie Ernst Brendler die Umsätze für Herstellung und Verkauf von Uniformen für die Schiffsbesatzungen weg.

Von der Uniform zum Freizeitlook

Während die Mitbewerber auf Seglerbedarf setzten, konzentrierte sich Ernst Brendler auf Freizeit- und Businesskleidung für Asien- und Afrikareisende sowie Hamburger Kleiderschränke, in denen ein warmer Troyer ebenso wenig fehlen sollte wie eine strapazierfähige Baumwollhose.

Das Besondere: Abgesehen von wenigen Einzelartikeln wird die gesamte Kollektion, vom Matrosenhemd in Kindergrößen über Leinenanzüge bis hin zu den dicken Seemannspullovern, eigens für das Unternehmen gefertigt. Die Auswahl der Schnitte und Stoffe trifft Ingrid Osthues.

„Die Baumwollstoffe beziehen wir aus Webereien in Nordrhein-Westfalen“, erläutert sie. „Unser Leinen hingegen kommt aus den baltischen Ländern, denn Flachs gedeiht nur in eher kühlen Regionen.“ Genäht wird hauptsächlich in Italien, Spanien und Portugal. „Für uns steht an erster Stelle immer die Qualität“, betont Osthues. „Unsere Kunden schätzen weniger das Modische, sondern langlebige, gute Kleidung.“

Erbstücke gewissermaßen, in die man hineinwachsen muss. Das passt gut zu einem Laden wie Ernst Brendler.

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