Euroshop 2020

Check-Out in zwei Schritten

Die kassenlose Zukunft stand im Fokus der weltgrößten Fachmesse für den ­Investitionsbedarf des Handels, der Euroshop. Statt Kunden in der Schlange warten zu lassen, umsorgen Verkäufer sie künftig mithilfe von Künstlicher Intelligenz.

Von Ralf Kalscheur 05.03.2020

© Messe Düsseldorf

Auf der Euroshop stellen zahlreiche Aussteller automatisierte Systeme zur Bargeldverarbeitung vor, während in anderen Hallen schon die kassenlose Einkaufszukunft eingeläutet wird.

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht: Die unkomplizierte kassenlose Check-out-Lösung Payfree erinnert an den Kinderquizklassiker „1, 2 oder 3“. Bei der Neuheit von VR Payment, Zahlungsdienstleister der Volksbanken Raiffeisenbanken, und dem Softwarehaus BMS Consulting leuchten jedoch nur zwei Bodenplatten auf, wenn der einkaufende Kunde sie betritt. Auf der einen steht „Scan“, auf der anderen „Pay“. „Der erste Schritt erfüllt eine Kontrollfunktion für den Nutzer“, erklärt Nils Bergmann, Produktdesigner von BMS Consulting. Der Kunde sieht auf einem Tablet, welche Waren ihm berechnet werden. Wenn alles richtig ist, folgt als nächster Schritt der automatisch ausgelöste Bezahlvorgang. Die Quittung erhält der Nutzer in seiner aufs Smartphone geladenen Bezahl- oder Händler-App, in der er vor dem Einkauf sein aktuelles Einkaufsbudget autorisiert. Auch dies sei eine Kontrollfunktion, erläutert Bergmann, der um die Skepsis deutscher Verbraucher weiß, die mehrheitlich immer noch am liebsten bar bezahlen. Auf der Euroshop stellen zahlreiche Aussteller automatisierte Systeme zur Bargeldverarbeitung vor, während in anderen Hallen schon die kassenlose Einkaufszukunft eingeläutet wird.

Eye-Tracking an der Mood-Bar

Payfree hat den Vorteil, dass die Lösung, anders als etwa Amazon Go, ohne Kameras auskommt. Aus nachvollziehbaren Gründen lehnen hiesige Verbraucher es ab, immer und überall überwacht zu werden. Der Grab-and-go-Check-out in zwei Schritten ohne physische Schleuse indes funktioniert mit RFID-Tags. Platzsparend und unsichtbar im Boden unter der Lichtplatte oder auch in einem Regal daneben untergebracht, liest ein patentiertes Erkennungsverfahren die Produktinformationen der Waren im Einkaufskorb aus.

Payfree wendet sich an Händler mit einem höherwertigen Warenangebot. „Bei diesen Unternehmen ist der RFID-Tag schon aus Logistikgründen weit verbreitet“, sagt Carlos Gómez-Sáez, Vorsitzender der Geschäftsführung von VR Payment. Die Kosten für die Herstellung der Tags dürften sich in drei Jahren zwar halbieren, doch der Zahlungsdienstleister setzt auf die Entwicklung neuer Nanotechnologie-Tags durch einen Partner, um Payfree früher massentauglich zu machen. „Als Pilotbetriebe für Payfree eignen sich Stores in Flughäfen, in denen eine technikaffine Kundschaft den schnellen Check-out schätzt“, sagt Bergmann, der Entwickler.

Händler, die Impulsware verkaufen wollen, dürften sich für Payfree indes kaum interessieren. Wie viel Einkaufserlebnis auf eine Fläche von tausend Quadratmetern passt, führt der Stand „Shared Spaces“ der Schwesterunternehmen Vizona, Ansorg und Visplay vor Augen. Ladenbauer, Lichtkonzepter und Systemanbieter schaffen eine Architektur der Übergänge, die Messebesucher auf eine verschlungene Customer Journey zwischen den Kategorien Beauty, Food, Fashion und Mobility schickt. Die Bereiche sollen sich symbiotisch ergänzen, sich zu einem einzigen inspirierenden Einkaufserlebnis verdichten. Kein Retail-Megatrend, der auf der Shoppingbühne der Kulissenbauer keine Rolle spielte. Gastronomie steigert die Aufenthaltsqualität, doch der Gast soll sich auch individuell empfangen fühlen. Sein Gemütszustand wird daher an der Mood-Bar per Eye-Tracking taxiert, was Folgen für den Geschmack des Begrüßungsdrinks und die Beleuchtung hat.

Einstein als Einkaufsberater

Das Axiom der Nachhaltigkeit findet Ausdruck in einem Kräutergarten, der die Shared Spaces Beauty und Food in duftender und würzender Funktion verbindet. Auf einem von Grün flankierten Steinweg wandelt der Kunde zum „Detox-Raum“, einer innen mit gefilzter Lammwolle bezogenen Raumskulptur, die mithilfe von White-Noise-Klängen und „Detox-Light“ eine Auszeit vom intensiven Einkaufserleben verspricht.

Die verschlungene Customer Journey im Omnichannel-Retail beginnt jedoch häufig bereits auf dem eigenen Endgerät. Ulrich Eisenschmid, Solution Engineer beim Software-Anbieter Salesforce, demonstriert, wie die fiktive junge Kundin Lisa auf Instagram eine Influencer-vermittelte Bestellung in einer Parfümerie auslöst. Diese macht Lisa weitere Produktvorschläge und offeriert die Möglichkeit, die Abholung mit einer Beauty-Behandlung zu verbinden. „Es geht darum, das Silodenken zwischen den Kanälen aufzubrechen, um ein einheitliches Kundenerlebnis zu schaffen“, erläutert Eisenschmid die Kooperation seines Hauses mit den Ladenbauern. Die Customer-Relationship-Management-Software von Salesforce unterstützt den Verkäufer per App auf der Fläche, dessen vorrangiges Ziel es ist, ein Kundenprofil von Lisa anzulegen. Die „Einstein“ genannte Künstliche Intelligenz (KI) prognostiziert, gegenüber welcher Art von werblicher Interaktion Lisa offen sein könnte und ob der Umsatz mit ihr es rechtfertigt, ihr zum Zweck der Kundenbindung einen Lippenstift zu schenken.

Der Handel investiert verstärkt in KI-basierte Lösungen, die Big Data in Echtzeit analysieren. Aussteller, wie die Technologieanbieter IBM oder NCR, zeigen die Palette der Einsatzmöglichkeiten, die von der dynamischen Preisgestaltung und Predictive Analytics über Visual-Check-out bis zur Warenverteilung in Filialnetzwerken reicht. „Gefragt sind vor allem smarte Anwendungen, die große sowie diverse Datenmengen in Consumer Insights übersetzen“, sagt Xenia Giese, Industry Executive Retail and Consumer Goods bei Microsoft Deutschland. Die Expertin legt zusammen mit dem EHI Retail Institute ein Whitepaper zum Thema vor (siehe Kasten). Giese gibt aber zu bedenken, dass sich KI nur dann für Händler rechne, wenn sie möglichst breit und über mehrere Prozesse hinweg eingesetzt werde. ●

Whitepaper „KI im Store“

Das EHI Retail Institute und Microsoft veröffentlichen gemeinsam das Whitepaper „KI im Store“, das Anwendungsmöglichkeiten von KI im Handel und deren Entwicklungspotenziale untersucht. Tiefeninterviews mit IT-Verantwortlichen geben Einblicke in die KI-Strategien großer deutscher Handelsunternehmen aus verschiedenen Branchen. Kostenloser Download des Whitepapers unter: https://wa.ehi.de/smart-store-whitepaper/

Schlagworte: Euroshop, KI

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