Parfümbranche

Berliner Duft

Die Parfümmanufaktur Urban Scents hebt sich mit ausgefallenen Kreationen von der Masse der in Super­märkten und Drogerien erhältlichen Düfte ab: dank einer Multichannel-Strategie, ungewöhnlicher Kooperationsideen und eines Sinnes für Storytelling.

Von Jens Gräber 10.11.2020

© Urban Scents/Doreen Geyer

Das in Berlin lebende Gründer-Ehepaar behauptet sich ohne externe Geldgeber erfolgreich in seiner Nische.

Natürlich riecht es gut im Laden von Alexander Urban und Marie Urban-Le Febvre. Die zierliche Parfümeurin – eine von wenigen Hundert auf der Welt, die tatsächlich eigenständig Düfte erschaffen – steht hinter einer großen Glasscheibe am Ende des Ladens und hantiert mit kleinen Glasflaschen in verschiedenen Farben. Den kleinen, etwas abgetrennten Raum nennt sie ihre Werkstatt. Es ist der Ort, an dem sie neue Düfte kreiert.

Rund 500 Zutaten hält sie dort vorrätig. Die meisten stehen sorgsam aufgereiht auf kleinen Regalen an den Wänden, andere müssen kühl gelagert werden. Etliche der Stoffe kommen in der Natur vor, es mischen sich aber auch künstliche darunter, wenn das Original zu teuer ist –​ oder zu giftig. „Parfüm ist schließlich ein Produkt, das man auf die Haut aufträgt“, erklärt Urban-Le Febvre die Bedeutung der Toxikologie für ihren Beruf.

Ob alle Inhaltsstoffe wohlriechend sind? „Nein“, entgegnet die Parfümeurin entschieden und muss über die Frage lachen. „Wenn etwas nur gut riecht, ist das nett, aber auch irgendwie langweilig. Wir fügen oft etwas hinzu, was Dissonanz erzeugt und den Duft spannender macht. Das ist wie beim Essen, wenn man Zucker und Salz kombiniert“, führt sie aus.

Um das Prinzip zu verdeutlichen, öffnet die 43-Jährige eine winzige schwarze Flasche, die eher nach Exkrementen als nach Parfüm riecht. Indol sei Bestandteil der meisten Blütendüfte, erklärt sie: An sich nicht wohlriechend, aber ohne diese Note sei der Duft nicht vollständig und wirke nicht echt. „Solche Duftnoten sprechen das Tier in uns an.“ Die Französin verschließt die Flasche besonders sorgfältig, verlässt die Werkstatt und setzt sich vorn im Verkaufsraum an einen Tisch, an dem ihr Ehemann Alexander Urban bei einem Kaffee wartet. Gemeinsam führen die beiden die Parfümmarke Urban Scents, die hier, in den Räumen an der Bleibtreustraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg, in unmittelbarer Nähe des Kurfürstendamms, auf kleinem Raum Parfümwerkstatt mit Showroom und Store kombiniert.

Aus 30 bis 60 Stoffen bestehe ein einzelner Duft, erklärt der 57-Jährige. Ein Teil sei sehr flüchtig, die sogenannte Kopfnote, sie verfliege schnell. Der Zwischenteil sei schon länger wahrnehmbar. Und dann gebe es noch die schweren Moleküle, die auf der Haut bleiben. Urban ist kein Parfümeur, sondern studierter Filmwissenschaftler. Dennoch weiß der Österreicher, wovon er spricht: Als Quereinsteiger hat er sich zum Kreativdirektor beim japanischen Aromenhersteller Takasago in Paris hochgearbeitet – eine der wenigen großen Firmen, die international fast alles produzieren, was für Geruch oder Geschmack sorgt.

Positionierung im gehobenen Segment

Eine gute Zeit, beruflich wie privat, schließlich lernte er dort seine Frau Marie kennen. „Man arbeitet für große Firmen, die toll sind und bei denen man auch viel lernt. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man sich fragt: Könnte ich kreativer sein, wenn ich unabhängiger wäre?“, fasst Urban die Motive für die Gründung des eigenen Unternehmens im Jahr 2014 zusammen.

Neben Auftragsarbeiten für andere Marken bietet Urban Scents ein eigenes Sortiment mit inzwischen acht Düften an, sie stehen auf Regalen und in Vitrinen, verpackt in gefällige Flaschen aus einer Dresdener Glasmanufaktur. Der Preis pro 100-ml-Flasche bewegt sich im unteren dreistelligen Bereich – Urban Scents positioniert sich selbstbewusst im gehobenen Segment eines Marktes, auf dem im vergangenen Jahr hierzulande rund 1,5 Milliarden Euro umgesetzt wurden.

Passend zum Markennamen, der sich etwa mit „Düfte der Stadt“ übersetzen lässt, gibt es auch einen Berliner Duft: Er heißt BER Cavok und riecht wie die Frühlingsluft über der Metropole nach Lindenblüten mit einem Hauch von Moschus. Ein Geruch, den die beiden Geschäfts- und Lebenspartner gut kennen, leben sie doch seit 2014 mit ihrem Sohn in der Hauptstadt.

Bis zum fertigen Duft ist es jedoch ein langer Weg: Zwischen drei und sechs Monaten dauert die Kreation. Eine Teamleistung, wie das Ehepaar beschreibt. Urban: „Sie ist Perfektionistin und würde immer weiterarbeiten, um den Duft bis zur absoluten Vollendung zu gestalten.“ Seine Frau lacht und ergänzt: „Er sagt dann irgendwann: Das ist jetzt gut genug.“

Noch länger, nämlich bis zu einem Jahr, kann es bei einem individuell maßgeschneiderten Duft dauern, wie ihn Urban Scents ebenfalls anbietet. „Marie setzt sich dafür mit dem Kunden auseinander. Das ist wie bei einem Psychoanalytiker, wo der Klient seine Geschichte erzählt“, erklärt Urban. Ein persönlicher Duft spiegele immer auch das Erlebte: Was mag der Kunde, warum mag er es? Und was mag er nicht, weil er eine negative Erfahrung damit verbindet?

Und wie einzigartig ist ein solcher Duft? „Dem Kunden gehört die Formel für den Rest seines Lebens – wir geben sie an niemand anderen heraus“, stellt Urban-Le Febvre klar. Solche Exklusivität hat ihren Preis, er beginnt bei 8.000 Euro für den Kreationsprozess selbst. Will der Kunde das Parfüm später nachbestellen, zahlt er genauso viel wie für die Standarddüfte von Urban Scents.

Klimawandel verteuert Rohstoffe

Die Summe erscheint hoch, erklärt sich aber zum einen aus dem hohen Zeitaufwand und zum anderen durch die Kosten für die Rohstoffe: Vanilleextrakt kostet bis zu 10.000 Euro das Kilo, der Klimawandel verteuert ihn, weil der Anbau in Herkunftsländern wie Madagaskar schwieriger wird. Die Rosen mit dem besten Duft kosten gar 25.000 Euro pro Kilo. Sie kommen noch immer aus der südfranzösischen Stadt Grasse, wo Gerber vor rund 300 Jahren den üblen Geruch, der mit ihrer Arbeit einherging, leid waren und anfingen, ihre Handschuhe mit duftenden Ölen zu tränken – die Geburtsstunde des Parfüms.

So zeitaufwendig der kreative Prozess ist, so schnell gelingt dagegen manche Namensfindung, etwa BER Cavok für den Duft der Berliner Luft. BER ist die internationale Abkürzung für den jüngst fertig gewordenen Flughafen Berlin-Brandenburg, Cavok die Abkürzung für eine Wetterbeschreibung in der Luftfahrt: Clouds and Visibility OK (deutsch: Wolken und Sicht in Ordnung). Eine naheliegende Wahl, denn die Urban-​Scents-Gründer sind begeisterte Hobbypiloten.

Die Freiheit und Unabhängigkeit, die sie in der Luft genießen, schätzen die Gründer auch im Hinblick auf ihr Unternehmen. „Wir haben selbst investiert und scheuen die Bindung an Investoren oder Banken. Dass wir dadurch langsamer wachsen, nehmen wir in Kauf“, erklärt der Österreicher. Über Zahlen spricht er nicht, nur so viel: 2020 hätte das Geschäft zum ersten Mal Gewinn abwerfen sollen – doch dann kam das Coronavirus.

Kooperation mit Partnerstores

Von März bis Mai habe es kaum Nachbestellungen von Händlern oder Marken gegeben, die Urban-Scents-Düfte – egal unter welchem Label – führen, so Urban. Auch im eigenen Laden sei die Laufkundschaft fast gänzlich weggeblieben. Geholfen hat den Parfümeuren neben der Schuldenfreiheit auch die Tatsache, dass sie gemeinsam mit drei Teilzeitkräften und einer Honorarkraft einen modernen Omnichannel-Handel betreiben: Die Düfte gibt es in ihrem Laden in Berlin, in Partnerstores in Deutschland, Österreich, Rumänien, Russland und der Ukraine – aber auch im Onlineshop.

Der hilft ihnen, die Folgen abzufedern, die die Pandemie für die gesamte Branche hat: Die Umsätze sinken, weil sich die Menschen in der Krise weniger für Luxusgüter interessieren – und sie verschieben sich hin zum E-Commerce. Die Verwerfungen sind derart massiv, dass Branchengröße Douglas jüngst Filialschließungen angekündigt hat.

Es liegt auf der Hand, dass etwa die coronabedingte Maskenpflicht für den Parfümhandel ganz eigene Herausforderungen mit sich bringt: Wie sollen Kunden im Laden an einem Duft schnuppern? Wer die Urban-Scents-Gründer im Store an der Bleibtreustraße besucht, erhält nun eine Probe, die er zu Hause öffnen kann.

Riechset für Coronakranke

Die belastende Situation hat zudem weitere, völlig neue Ideen in den Köpfen des Paares wachsen lassen: „Das Coronavirus lässt bei vielen Erkrankten den Geruchssinn verschwinden – manchmal dauerhaft. Auch zwei enge Freunde von uns, Parfümeure in Paris, sind davon betroffen“, erzählt Urban.

Die beiden beschäftigen sich mit dem Thema, nehmen Kontakt zum Dresdner Professor Thomas Hummel auf, Experte für Riechen und Schmecken, – und erfahren, dass es möglich ist, den verlorenen Sinn wieder zu trainieren. „Es gibt relativ einfache Riechsets zu diesem Zweck“, so Urban-Le Febvre. Darin seien etwa Eukalyptus-, Kreuzkümmel- oder Zitrusduft enthalten. Die Ehepartner arbeiten nun an einem eigenen Set, das im Oktober erhältlich sein soll: in den Läden, online, aber auch in Apotheken. Dazu gehört eine App, die den Umgang erklärt.

Es ist nicht der erste Ausflug des Ehepaars in einen auf den ersten Blick fremd wirkenden Bereich: Die Duft-Experten arbeiten zum Beispiel mit der Berliner Charité zusammen, die den typischen bedrückenden Krankenhausgeruch von ihren Krebsstationen vertreiben will, oder mit Hotels, die sich wünschen, dass ihre Gäste am Duft erkennen, wo sie die Nacht verbringen. Kunden aus dem Handel haben sie bislang nicht, aber auch Retailern könnten sie bei Bedarf zu wohlriechenden Verkaufsräumen verhelfen, verspricht Urban.

Brahms' Wiegenlied als Duft

Jenseits dieser Pläne haben die umtriebigen Duft-Unternehmer schon ein weiteres größeres Projekt im Sinn: einen Raumduft passend zum „Wiegenlied“, das Johannes Brahms für den Urgroßvater von Alexander Urban komponierte, wie der Parfüm-Experte zu berichten weiß. Die Idee wollen sie gemeinsam mit einem Partner umsetzen, den es allerdings noch zu finden gilt. „Der Duft soll sich sanft im Raum ausbreiten, wie die Musik. Wer sie dazu hören will, muss nur den QR-Code auf dem Produkt einscannen“, erklärt Urban seine Idee.

Der berühmte Komponist könnte zu seinen Vorfahren gehören, deutet er an. Es gebe Gerüchte, wonach Brahms ein Verhältnis mit seiner Ururgroßmutter hatte. Urban, der seinen Kaffee inzwischen ausgetrunken hat, lächelt fein, als er hinzufügt: „Man braucht heute nicht nur ein gutes Produkt, sondern auch eine gute Geschichte dazu.“

Die Gründer

Marie Urban-Le Febvre absolvierte im Alter von 13 Jahren ihr erstes Schülerpraktikum bei einer Kosmetikfirma, wo sie den Star-Parfümeur Jacques Cavallier kennenlernte. Er förderte das Talent der jungen Frau, die Chemie studierte, bevor sie ihre Ausbildung an der Versailler Parfümerieschule Isipca abschloss. Vor der Gründung von Urban Scents hat sie für Duftkonzerne wie Symrise und Takasago gearbeitet.

Alexander Urban ließ sich nach dem Studium der Filmwissenschaften von einem Freund überreden, ins Marketing der Duftindustrie einzusteigen. Zu Beginn war er für Parfümmarken wie Estée Lauder tätig, dann wechselte er zu International Flavors and Fragrances, einem der größten Duft- und Aromahersteller weltweit. Bis zum Start von Urban Scents hat er für den japanischen Branchenriesen Takasago gearbeitet.

Die stillen Riesen der Parfümbranche

Der weltweite Markt für Duftstoffe und Aromen wird auf ein Umsatzvolumen von rund 22 Milliarden Euro geschätzt. Der größte Teil dieses Umsatzes entfällt auf fünf große Unternehmen, deren Produkte die meisten Verbraucher im Badezimmer oder im Kühlschrank stehen haben. Weil es sich dabei oft um Auftragsarbeiten für andere Marken handelt, sind diese Riesen der Branche bei Endverbrauchern gleichwohl wenig bekannt.

Givaudan hat seinen Firmensitz in Vernier in der Schweiz. Das 1895 gegründete Unternehmen war 2019 weltweit an über 180 Standorten vertreten, beschäftigte rund 15 000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von 5,8 Milliarden Euro*.

International Flavors & Fragrances (IFF) hat seine Zentrale in der US-Metropole New York. Das Unternehmen verbuchte 2019 einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro* und beschäftigte rund 13 600 Mitarbeiter an 186 Standorten weltweit. IFF entstand 1958 als Fusion mehrerer Unternehmen, deren ältestes bereits 1833 gegründet worden war.

Firmenich sitzt in der Schweizer Kantonshauptstadt Genf. Für die Unternehmensgruppe arbeiteten im vergangenen Jahr in weltweit 82 Einrichtungen rund 7 600 Mitarbeiter; sie erwirtschaftete einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro*. Wie auch Givaudan wurde Firmenich im Jahr 1895 gegründet.

Symrise mit Sitz in Holzminden erzielte im Jahr 2019 3,4 Milliarden Euro Umsatz. Das Unternehmen hatte rund 10 400 Mitarbeiter an mehr als 100 Standorten auf der ganzen Welt. Symrise entstand im Februar 2003 durch die Fusion von Dragoco Gerberding (gegründet 1919) und Haarmann & Reimer (gegründet 1874).

Takasago erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro*. Das 1920 gegründete Unternehmen mit Sitz in Tokio hatte vergangenes Jahr rund 3 600 Mitarbeiter an 41 Standorten.

*Umsatzzahlen umgerechnet

Schlagworte: Parfüm, Multichannel

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