Meilensteine des Handels

Auferstanden aus Ruinen

Vor 75 Jahren endet der Zweite Weltkrieg. Für den in den Kriegsjahren weitgehend seiner Funktion beraubten Einzelhandel ändert sich vorerst wenig. Bezugsscheine und fixierte Preise untergraben die kaufmännische Freiheit. Erst die D-Mark bringt den Händlern die Selbstbestimmung zurück.

Von Marvin Brendel 14.07.2020

© dpa Picture Alliance

Rosinenbomber im Anflug auf Westberlin.

Mit der bedingungslosen Kapitulation des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endet vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa. In Schutt und Asche liegende Häuser, Brücken und Fabriken bestimmen das Bild in einem von Besatzungsmächten geteilten Deutschland. Da die Nationalsozialisten ihren Krieg auch mithilfe der Notenpresse finanzierten, befinden sich rund 300 Milliarden Reichsmark im Umlauf. Doch dem Geld steht kaum ein Warenangebot gegenüber.

Hamstern und Fringsen

Was es auf Lebensmittelkarten oder Bezugsscheine noch legal gibt – sofern es tatsächlich in den Läden zu bekommen ist –, reicht kaum zum Überleben. Gerade in den größeren Städten werden Hunger und Kälte zu zentralen Erfahrungen der Nachkriegszeit. Angesichts der Not und der gewaltigen Angebotslücken in den Geschäften blüht im ganzen Land der illegale Schwarzmarkt. Dort gibt es nahezu alles – zu völlig überteuerten Reichsmark-Preisen, gegen Devisen oder im Tausch für Schmuck, Kleidung, Porzellan, Kaffee oder Zigaretten. Ebenso zum Alltag vieler Städter gehören sogenannte „Hamsterfahrten“. In überfüllten Zügen, mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß machen sie sich auf den Weg ins Umland, um bei den dort ansässigen Bauern Milch, Butter, Eier, Speck oder Kartoffeln einzutauschen. So manche Landwirte lassen sich das teuer bezahlen – sprichwörtlich für „einen Apfel und ein Ei“ tauschen sie Silberbesteck, Pelzmäntel und andere Kostbarkeiten ein.

Wer nichts zu tauschen hat, sammelt „heruntergefallene“ Kohlen von Lastwagen und Zügen ein oder erntet eigenmächtig Kartoffeln auf unbewachten Feldern. Für solche kleinen „Ungenauigkeiten“ in Eigentumsfragen erteilt der Kölner Kardinal Joseph Frings in seiner Silvesterrede 1946 sogar die Absolution: In den Zeiten der Not dürfe der Einzelne sich das Lebensnotwendige nehmen, wenn er es durch Arbeit oder Bitten nicht erlangen könne. „Fringsen“ wird im Volksmund schnell zum geflügelten Wort.

Auch für den deutschen Einzelhandel sind die Nachkriegsjahre eine schwierige Zeit. Infolge des Zweiten Weltkriegs sind rund 40 Prozent der Geschäfte und Läden zerstört. Ihr Wiederaufbau oder die Eröffnung neuer Läden – anfänglich oftmals in Provisorien und Behelfsbauten –, ihre Ausstattung mit Ladenmöbeln und die Beschaffung eines Warenangebotes stellen die Händler vor erhebliche Probleme. Viele Produkte sind weiterhin rationiert und nur gegen Bezugsscheine zu haben, die Preise bleiben häufig auf Vorkriegsniveau eingefroren.

Handel als Warenverteiler

Die freie kaufmännische Initiative, „jenes für den echten Handelsmann entscheidende Element“, besteht nicht mehr, beklagt dann auch die 1947 gegründete Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels (HDE), eine Vorgängerin des heutigen Handelsverbandes Deutschland. Stattdessen ist der Einzelhandel ökonomisch entmachtet und zum „Warenverteiler“ degradiert. Seine Verbindung zu Lieferanten und Produzenten ist unterbrochen, auch die Auswahl der Warensortimente hat er nicht mehr selbst in der Hand.

Die Rückkehr zur Normalität beginnt in den drei westlichen Besatzungszonen und Westberlin mit der Einführung der D-Mark als neue Währung. Die positiven Folgen der Währungsreform vom 21. Juni 1948, verbunden mit der Aufhebung staatlicher Preisbindungen und der Zwangsbewirtschaftung, zeigen sich umgehend: Gehortete Waren kommen wieder auf den Markt, die Angebotstheken der Läden füllen sich schlagartig. Im nationalen Bewusstsein vieler Deutscher steht die Währungsreform damit als symbolisches Ende des Nachkriegselends und als Startschuss für das beginnende Wirtschaftswunder in der ein Jahr später gegründeten Bundesrepublik.

Für die Händler bedeutet die Währungsreform auch die Rückbesinnung auf eigene Verantwortung, unternehmerisches Risiko und mehr Wettbewerb. Nun müssen sie wieder selbst ihre Waren beschaffen und dabei die Wünsche und den Geschmack der Kunden ebenso treffen wie deren Ansprüche an Qualität und Preis.

Dabei hilft in den ersten D-Mark-Jahren der aufgestaute Konsumbedarf der Deutschen: Nach der „Fresswelle“ rollen die „Kleiderwelle“ und die „Einrichtungswelle“ durch die Bonner Republik und sorgen im expandierenden Einzelhandel für steigende Umsätze. Doch schon Mitte der 1950er-Jahre zeichnet sich eine Verschärfung des Wettbewerbs ab. Diese führt zu mehr Rationalisierung und verhilft so modernen Handelskonzepten zum Durchbruch: Supermärkte mit Selbstbedienung und vorverpackten Waren, Filialgeschäfte, Discounter und der Versandhandel sollen die Branche bald kräftig durcheinanderwirbeln.

Staatliche Vorgaben im Osten

Deutlich anders ergeht es den Einzelhändlern auf dem Gebiet der späteren DDR. Zwar gibt es auch hier 1948 eine Währungsreform. Doch statt die Rückkehr zur Marktwirtschaft einzuleiten, begünstigt sie den Ausbau der Planwirtschaft. Staatliche Vorgaben bestimmen weiter Warenangebot und Preise. Vorrang bekommen die Geschäfte der staatlichen Handelsorganisation (HO) und des genossenschaftlichen Konsums, die selbstständigen Händler werden an den Rand gedrückt. Das ändert sich erst mit der Wende 1989/90 – die wir in der nächsten Folge dieser Serie näher betrachten werden.

Der Wirtschaftshistoriker Marvin Brendel ist Betreiber von „Geschichtskombinat“, einer Agentur für wirtschafts- und unternehmens­geschichtliche Recherchen. Exklusiv für das handelsjournal verfasst er die Serie „Meilen­steine des Handels“, die sich mit der Längsschnittanalyse handels­spezifischer Innova­tionen­ beschäftigt. Haben Sie Fragen, Kommen­tare, Ergänzungen? Dann schreiben Sie an: brendel@geschichtskombinat.de

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