Lagerlogistik

„Ist es richtig digitalisiert, darf ein Lager durchaus chaotisch sein“

Was toll ist an Vakuum-Greifsystemen, wieso es an automatisierungsgerechten Verpackungen fehlt und warum der Kostendruck keine Alternative zu einer digitalen Warenwirtschaft lässt, erklärt Richard Bormann. Er ist Leiter der Gruppe „Handhabung und Intralogistik“ am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA und Experte für den Einsatz von Servicerobotern.

Von Pascal Fynn 12.11.2019

© Fraunhofer Institut

Richard Bormann, Experte beim Fraunhofer-Institut für den Einsatz von Servicerobotern.

Herr Bormann, arbeiten im Warenlager 4.0 noch Menschen?

Mittelfristig werden wir weiterhin Menschen in Warenlagern sehen – aber perspektivisch immer weniger. Der Grund ist, dass viele Prozesse nach und nach automatisierbar werden. Zwar gibt es Ansätze, Lagerarbeiter zu qualifizieren, sodass sie die neuen Systeme bedienen können. Aber dazu sind, wenn man ehrlich ist, weniger Mitarbeiter als bislang nötig. Letztlich entscheidet der Kostendruck: Die Kunden sind nicht mehr bereit, Geld für Logistik und Versand zu bezahlen. Roboter haben den Vorteil, dass sie 24 Stunden durcharbeiten, ohne zu ermüden oder Nachtzuschläge zu erwarten. Aktuell amortisiert sich eine Pickstation innerhalb von ein bis zwei Jahren. Langfristig könnte es tatsächlich vollautomatische Lager geben, je nachdem wie anspruchsvoll die Artikel sind, die dort disponiert werden.

Welches sind die wesentlichen Herausforderungen bei der Digitalisierung und Automatisierung von Warenlagern?

Die Handhabung der Produkte an den Pickstationen, also die Greiftechnik, stellt uns vor Herausforderungen. Aktuell sind Vakuum-Greifsysteme sehr beliebt. Diese können sowohl leichte wie auch mehrere 100 Kilogramm schwere Objekte heben. Allerdings darf die Oberfläche nicht so porös sein, dass Luft nachströmen kann. Will man sichergehen, muss man als zweites System Klemmgreifer einsetzen. Schwierig ist es zudem, mit Warenumschlagsspitzen effektiv umzugehen. Wenn ich aus saisonalen oder wetterbedingten Gründen an wenigen Tagen plötzlich viel mehr Abverkauf erwarte, investiere ich nicht gleich in ein leistungsfähigeres System, sondern setze auf Menschen. Dann stellt sich die Frage, wie das System gestaltet sein muss, damit Menschen und Maschinen zusammenarbeiten können. Es gibt zwar entsprechende Sicherheitssysteme, doch die sind sehr kostenintensiv.

Sehen Sie Ansätze bei den Herstellern, die Verpackung den Anforderungen von Digitalisierung- und Automatisierung anzupassen?

Eher nicht. Statt auf automatisierungsgerechte Verpackungen zu setzen, legen sie mehr Wert auf das Design und darauf, den Kunden zu überzeugen.

Was ist zu beachten, wenn Waren im Lager nicht immer am selben Platz abgestellt werden?

Wenn die Waren im Lager immer denselben Platz haben, kann man mit einfacheren Systemen arbeiten. Spannend wird es, wenn dieselben Produkte nicht immer im selben Regal stehen, sondern etwa da eingeordnet werden, wo gerade Platz ist. Hier setzt die Digitalisierung an, man spricht hier von einem digitalen Zwilling. Ist alles richtig digitalisiert, kann ich auch ein chaotisches Lager führen. Auch in Bezug auf die Inventur und die Darstellung der Waren in einem Onlineshop birgt die Digitalisierung große Vorteile. Die Kunden erwarten, dass im Onlineshop aktuell angezeigt wird, welche Produkte auf Lager sind und bis wann diese geliefert werden können.

Das klingt, als wäre die Digitalisierung des Warenlagers mittlerweile ein Muss.

Ja, die Digitalisierung hat tatsächlich ausschließlich Vorteile. Automatisierung hingegen lohnt sich nicht in jedem Falle. Wenn ich etwa sehr spezielle, unhandliche oder unterschiedliche Produkte habe oder nur ein kleines Sortiment, kann es sinnvoll sein, mit ganz normalen Lagerarbeitern weiterzumachen. Allerdings lohnt es sich immer, digitale Assistenzsysteme einzusetzen, damit die Mitarbeiter besser und effizienter arbeiten können.

Schlagworte: Lagerhaltung, Handelslogistik, Logistik

Kommentare

Ihr Kommentar